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Land Grabbing: Die neue Form des Kolonialismus

Staatsfonds und Investoren sichern sich in Afrika und Asienriesige Agrarflächen. Die einheimische Bevölkerung hungert.

Afrika steht wieder einmal vor einer großen Hungerkatastrophe. In der Sahelzone sind 18,7 Millionen Menschen davon betroffen. Erst vor wenigen Tagen schlug Caritas-Expertin Sarah Ebner Alarm. Allein in Niger seien sechs Millionen betroffen, erklärte sie gegenüber Kathpress und berichtet von unterernährten Kindern. „Je länger Kinder unterernährt sind, desto weniger schreien sie“, sagte Ebner.

Als Ursachen für die Misere werden die Dürre in den USA und die Verwendung von Nahrungsmitteln für Biosprit genannt. Die Preise für Mais und Getreide haben sich seit Juni um knapp 50 Prozent erhöht. Experten befürchten mittlerweile, dass die neue Hungersnot in Afrika noch schrecklicher ausfallen könnte als jene verheerende im Jahr 2008. Für die Agrarexperten der Welternährungsorganisation FAO kommt diese Krise nicht überraschend. Vielmehr erwartet man dort, dass sich derartige Krisen in Zukunft häufen werden.

Der Grund: Die Produktion in der Landwirtschaft kann längst nicht mehr mit dem Verbrauch Schritt halten. 2050 werden um zwei Milliarden Menschen mehr auf der Welt sein als heute. Die landwirtschaftliche Produktion wächst jedes Jahr – sofern nicht Missernten wie heuer eintreten – nur um 1,6 Prozent. Viel zu wenig, konstatiert auch die FAO. Um künftig mehr als neun Milliarden Menschen auf diesem Globus zu ernähren, müsse die Nahrungsproduktion um 70 Prozent erhöht werden. Klar ist: Ackerland wird immer mehr zu einem kostbaren Gut. Und vielerorts ist dieses kostbare Gut bereits in Händen von Investoren.


China kauft eine Million Hektar. 83 Millionen Hektar Agrarland fielen seit dem Jahr 2000 weltweit in die Hände von Investoren. Oft sind es Staatsfonds, die auf diese Weise die Ernährung ihrer Bevölkerung gewährleisten wollen. Zwei Jahre vor seinem Sturz und Tod ließ der libysche Präsident Muammar al-Gaddafi 250.000 Hektar Land im Sudan aufkaufen. Chinesische Investoren sicherten sich eine Million Hektar landwirtschaftliche Fläche auf den Philippinen. Und auch Saudiarabien sucht nach fruchtbaren Oasen außerhalb des Staatsgebiets, um die wachsende Bevölkerung auch künftig ernähren zu können. Das Scheichtum kaufte eine halbe Million Hektar im afrikanischen Tansania. Die Vereinigten Arabischen Emirate hingegen sicherten sich Land in Pakistan. Experten sprechen von rund 300.000 Hektar.

Die Art und Weise, wie diese Aufkäufe vonstatten gehen, ist heftig umstritten. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sprechen in diesem Zusammenhang oft von Land Grabbing – Landraub auf gut Deutsch. Der englische Begriff steht längst als Synonym für einen neuen Kolonialismus.

Denn vielerorts trennen sich Kleinbauern nicht freiwillig von ihrem Grund und Boden. In Indien berichten Bauern, dass sie von der Polizei aus ihren Höfen vertrieben wurden und für ihr Land nur einen Bruchteil des regulären Wertes erhalten hätten. In vielen Entwicklungsländern kennen Bauern weder Grundbuch noch Kaufvertrag. Sie bewirtschaften ihr Land seit Generationen und werden plötzlich aufgefordert, Besitzurkunden vorzuweisen, die sie natürlich nicht haben. So erging es auch 160.000 Menschen in Tansania, die laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen von ihrem Land vertrieben worden sind.

Im Frühjahr dieses Jahres erarbeitete die FAO einen Leitfaden für den Erwerb von Agrarland. 96 Staaten unterstützen diesen, der unter anderem den Aufbau von Grundregistern vorsieht, für mehr Transparenz bei Transaktionen sorgen soll und Standards für Umweltschutz und Ernährungssicherheit in den jeweiligen Ländern vorsieht. Viele NGOs und Regierungsvertreter sprachen in diesem Zusammenhang von einem Meilenstein. Ob diese Vereinbarung mehr wert ist als das Papier, auf dem sie geschrieben ist, wird die Zukunft weisen. Denn völkerrechtlich bindend sind die Richtlinien vorerst nicht.

Die Auswüchse des Land Grabbing sind aber nach wie vor unübersehbar. Etwa in Äthiopien. Dort bewirtschaftet der indische Konzern „Karuturi Global“ an die 300.000 Hektar Ackerland. Und er produziert keineswegs nur Nahrungsmittel. Gute Erträge erzielt das Unternehmen in dem bitterarmen Land auch mit dem Anbau von Blumen und Baumwolle. Aktuell sind in Äthiopien bis zu 4,5 Millionen Menschen von Hunger bedroht, berichten Hilfsorganisationen.

Während Experten über die Hintergründe für den Hunger diskutieren, kommt die nächste Hiobsbotschaft aus Afrika. Mitten in der Hungerkrise ist in Niger und Mali die Cholera ausgebrochen. Anfang der Woche waren bereits 3200 Menschen an der Epidemie erkrankt – darunter 1200 Kinder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)