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"Diese Preise kann kein Bauer mehr bezahlen"

Diese Preise kann kein
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Dass Spekulanten Ackerland aufkaufen, diese Entwicklung tritt nicht nur in Afrika und Osteuropa unter dem Begriff Land Grabbing auf. Investoren machen auch vor Österreich nicht halt und treiben die Preise in die Höhe.

Die Stimmung unter den Waldviertler Bauern war schon besser. Die Getreideernte war heuer so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Frost, Dürre, Hagel – dieses Jahr bekamen sie alles ab, was die Natur an Unbill im Repertoire hat. Doch damit nicht genug: Obwohl die Erträge am Boden sind, steigen die Ackerpreise ins Unermessliche. „Bei uns werden für den Hektar bis zu 50.000 Euro bezahlt“, erzählt ein Bauer aus dem Bezirk Horn. Doch es sind keine Bauern, die mehr als das Doppelte des üblichen Preises auf den Tisch legen. Die Preistreiberei geht von Investoren aus, die aus Angst vor Hyperinflation Zuflucht in sicherem Land suchen. Im Bezirk Horn ist es unter anderem ein regionaler Unternehmer, der mittlerweile Dutzende Hektar Ackerland aufgekauft hat. Sehr zum Missfallen der niederösterreichischen Bauernvertreter.

Auch im Bezirk Hollabrunn berichtet Bauernkammer-Obmann Richard Hogl von Investoren, die ihr Auge auf Ackerland geworfen hatten. „Bisher ist es uns immer gelungen, diese Käufe zu unterbinden“, erzählt er der „Presse am Sonntag“. „Unser Interesse ist es, dass Agrarland auch weiterhin im Besitz der Bauern bleibt“, betont er. Und damit dem so ist, gibt es das Grundverkehrsgesetz. Dieses regelt den Erwerb von Agrarflächen. Will ein Investor Land kaufen, muss das Geschäft bei der Grundverkehrsbehörde in der jeweiligen Bezirkshauptmannschaft gemeldet werden. Bietet ein Bauer denselben Preis, so erhält er den Zuschlag – der Investor geht leer aus. Auch Käufe zu überhöhten Preisen können vor der Grundverkehrsbehörde beeinsprucht werden. Trotz dieser Regelung ist der bäuerliche Widerstand gegen Spekulanten nicht überall so erfolgreich wie im nördlichen Weinviertel.

Entlang der Brünner Straße nördlich von Wien sieht die Sache bereits ganz anders aus. „Hier gibt es Gemeinden, in denen 80 Prozent der Agrarfläche in Händen von Nicht-Bauern sind“, erzählt Alois Leidwein. Der Landwirt aus Dürnkrut bewirtschaftet knapp 45 Hektar Ackerland und Weingärten. Doch Leidwein ist nicht nur Bauer, der zweifache Doktor ist darüber hinaus auch gerichtlich beeideter Sachverständiger für landwirtschaftliche Immobilien. In seiner Gemeinde im Bezirk Gänserndorf besitzen die Bauern noch die Hälfte des Agrarlandes. Österreichweit dürfte im Schnitt ein Drittel der Agrarflächen nicht mehr in Bauernhand sein. Leidwein führt akribisch Aufzeichnung über die Entwicklungen. Und es sind Entwicklungen, die ihm Sorgen bereiten. „Diese Preise kann kein Bauer mehr bezahlen“, sagt er.


Alternative zu Aktien. Es gibt andere, die zahlen können, weiß Christoph Kraus. Er ist Vorstandschef der Kathrein Privatbank. Das Institut in der Wiener City zählt vor allem Stiftungen und Superreiche zu seinem Klientel. „Ackerland ist für Investoren eine interessante Alternative etwa zu Anleihen und Aktien geworden“, bestätigt Kraus auf Anfrage der „Presse am Sonntag“. In Zeiten, in denen Vermögende um den Bestand des Euro fürchten, Bankprodukten gegenüber immer skeptischer werden und statt der Vermehrung des Vermögens in erster Linie der Erhalt des Vermögens gefragt ist, besinnt man sich wieder alter Werte.

„Möglicherweise ist Ackerland eines jener Dinge, die Bestand haben“, sagt Kraus. Erst vor Kurzem habe er den deutschen Großgrundbesitzer Michael Prinz zu Salm-Salm bei einer Veranstaltung getroffen, erzählt der Chef der Kathrein Privatbank. Das Adelshaus aus Rheinland-Pfalz habe über 32 Generationen das Vermögen erhalten, weil es Forstwirtschaft, Acker- und Weinbau betreibe. Seit die Börsen nach dem Zusammenbruch des Investmenthauses Lehman verrückt spielen, flüchtet sich auch der Geldadel in feudale Gefilde.

Einer der spektakulärsten Deals ging Anfang 2010 in der Obersteiermark über die Bühne. Damals verkaufte die Bank Austria-nahe B&C Industrieholding das Forstgut Alwa an die Familie von Baumbach, in deren Besitz sich der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim befindet. Von Baumbachs zählen zu den reichsten Familien Deutschlands. Ein Teil des Vermögens ist nun in 23.500 Hektar Agrarland angelegt. Das riesige Forstgut hält auch Besitztümer in Niederösterreich und Ungarn und verfügt über die größte zusammenhängende Jagd in Mitteleuropa. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Spekuliert wurde über einen Preis um die 120 Millionen Euro.

Derartige Megadeals sind hierzulande die absolute Ausnahme. Wer sein Vermögen wirklich großflächig in Ackerland investieren wolle, der schaue sich in Osteuropa um, berichtet Privatbankier Christoph Kraus. Kunden der Raiffeisen-Tochter Kathrein Privatbank würden bei ihrer Suche nach Landgütern vor allem in Rumänien oder in der Ukraine fündig.

Wer sind also die Investoren, die den Bauern im Bezirk Gänserndorf Grund und Boden streitig machen? „Es sind in erster Linie Leute aus der Gegend, die ihr Erspartes in Sicherheit bringen wollen“, sagt Alois Leidwein.

„Auch in Sicherheit vor den Banken und Vermögensberatern“, betont einer jener sogenannten Ackerland-Spekulanten. Er will anonym bleiben. Er kenne Freiberufler wie er einer sei, die in der Vergangenheit viel Geld an der Börse verloren haben. Mitunter auch mit Investments, die von Bankberatern als absolut risikolos bescheinigt wurden. Ackerland habe den Vorteil, dass es „nicht umfallen kann“, sagt er.

Alois Leidwein warnt hingegen vor einer drohenden „Immobilienblase“. Etwa wenn Vermögensteuer und Erbrecht geändert werden. Dann könnten sich die erdigen Geschäfte schnell als ziemlich bodenlos entpuppen.


Gesetz schützt Bauern. Mittlerweile bedarf es keines Bauernaufstands mehr, um gegen böse Investoren anzukämpfen. „Wir haben in Österreich bei weitem nicht die Situation wie in Osteuropa“, beschwichtigt Anton Reinl, Vize-Generalsekretär der Landwirtschaftskammer Österreich, und verweist auf das strenge landwirtschaftliche Grundverkehrsgesetz, das Schutz vor dem Ausverkauf des Bauernstands bietet. Nur ein Gesetz scheint in der Landwirtschaft wieder einmal außer Kraft zu treten: jenes von Angebot und Nachfrage. Denn die Spekulanten können nur dort auf den Plan treten, wo es Bauern gibt, die an sie verkaufen.

„Es verkauft kein Landwirt, der seinen Betrieb weiterführen will“, erzählt Leidwein und verteidigt das Grundverkehrsgesetz. „Auch beim Arbeitszeitgesetz, beim Kollektivvertrag oder der Pflichtversicherung wird der Markt reguliert.“ Es gebe in einer Gesellschaft Werte, die über dem Gesetz von Angebot und Nachfrage stehen.

Kirche als Feudalherr? Bisher machten sich die Bauern die Strukturbereinigung unter sich aus. Viele kleine Betriebe sperrten zu, das Ackerland ging zu halbwegs moderaten Preisen an große Bauern. „Wer von den Hektarerträgen leben muss, kann keine Utopiepreise bezahlen“, sagt Leidwein. Das können eben nur Investoren, die von der Landwirtschaft nicht leben müssen.

Einer der größten Investoren in Ackerland im Bezirk Gänserndorf ist die Erzdiözese Wien. Seit zwei Jahren bemüht sie sich um den Kauf von 17 Hektar Agrarland. Das Geschäft wurde beeinsprucht – vom Bauern Alois Leidwein. „Die Erzdiözese zahlte 30.000 Euro für den Hektar, obwohl der ortsübliche Preis bei 17.500 Euro liegt“, sagt Leidwein und kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Während die Caritas Land Grabbing (Landraub) in Afrika geißele, begehe die Erzdiözese im Weinviertel Preistreiberei. Ein Vorwurf, der von der Erzdiözese zurückgewiesen wird. Der Preis entspreche jenen, die bei ähnlichen Transaktionen in der Region erzielt worden seien, heißt es.

Mittlerweile liegt der Fall bei der Landesgrundverkehrsbehörde in St. Pölten. Seit knapp eineinhalb Jahren wälzen die Experten dort den pikanten Akt hin und her. „Das Interesse, einen bäuerlichen Betrieb zu stärken, muss schwerer wiegen, als postfeudalem Großgrundbesitz einen Flächenzuwachs aus Spekulationsinteresse zu ermöglichen“, formulierte Leidwein seinen Einspruch.

1,36 Mio. Hektar

16,2 Prozent der österreichischen Staatsfläche sind laut Statistik Austria Ackerland. Das sind 1,36 Millionen Hektar. Rund 60 Prozent des Ackerlandes werden für den Getreideanbau verwendet.

Etwa zwei Drittel der heimischen Agrarflächen sind in Besitz von Landwirten. In manchen Gemeinden im niederösterreichischen Weinviertel sind bereits 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Händen von Investoren. Vielerorts bezahlen Investoren für Ackerland das Doppelte des ortsüblichen Preises. Bauernfunktionäre schlagen Alarm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)