Der Autor Händl Klaus hat ein Stück für Salzburg geschrieben, mit Musik von Franui. Ein Gespräch über fehlende Väter, angenehm verschwitzte Körper und Muttermonster. Ein "Presse"-Interview.
In Ihrem neuen Stück „Meine Bienen. Eine Schneise“ sind diese Tiere abwesend, wenn das Drama beginnt. Sind sie nur fortgeflogen, oder ist es doch eine Apokalypse?
Händl Klaus: Man muss bedenken, es ist ein Musikstück für Franui. Musikalisch sind die Bienen noch im Anfang spürbar. Und endlich, das darf ich verraten, hängt im Baum eine Traube, ein Volk von Bienen, die erklingen. Wir hören das Pochen des Weiselschwarms, das man nicht mit Bienen in Verbindung bringen würde. Als hockte ein Käuzchen darin, das aufbrechen wird.
Bienen als Leitmotiv der Abwesenheit?
Absolut. Sie sind so abwesend wie der Vater, das Stück handelt vor allem davon. Die Biene ist Teil eines Apparats, ein Rädchen im Getriebe, eine Zelle.
Ein Chormitglied?
Das ist schön gesagt, allerdings romantisch, und die Wirklichkeit ist brutal. Bei den Bienen geht es immer um Leben oder Tod. Die Drohne zum Beispiel hat ein grässliches Los, unterliegt fürchterlicher Konkurrenz. Wenn es einer Drohne gelingen sollte, die Königin zu begatten, folgt sofort der Tod. Es reißt der Samenschlauch, dann ist sie hin. Die Alternativen: verhungern oder erstochen werden. Der Bienenstaat ist das schrecklichste Modell von Ökonomie, das man sich denken kann.
Die Romantik, die richtige, ist nicht idyllisch. Sie bauen in Ihren Text auch Strophen von Eichendorff ein. Ist der gefährlicher, als man in seinen Liedern vermuten könnte?
Natürlich. Der ist für mich die tiefe Romantik schlechthin, ein verborgenes Arsenal von Klingen. Er machte absolut schwarze Kunst, voller Depression.
Das Landleben ist an sich nicht idyllisch. Aber gibt es bei Ihnen, wenn Sie darüber schreiben, wenigstens den Wunsch danach?
Dieses Wünschen habe ich mir abgewöhnt. Im Kern gibt es die Idylle aber. Wenn ich ganz gegenständlich werde, finde ich sie vor, als Stillleben.
Oder als eine Mutter mit ihrem Kind im Arm? Die Mutter hier wirkt aber unheimlich.
Natürlich ist sie ein Monster. Fraglos. Die Welt ist voller solcher Mütter. Wie gäbe es sonst so schreckliche Kinder?
Was charakterisiert das optimale Muttermonster im Kontrast zur perfekten Mutter?
Jetzt sehen wir beide unsere Mutter neben uns stehen. „Sag das nicht!“, sagen sie. Aber meine Mutter ist richtig lieb. Liebevoll. Sie ist auch nicht erdrückend, wenn sie auch ihr Leben lang zu wenig emanzipiert war, für meinen Geschmack. Ich hätte ihr einen leichteren Stand gegen meinen Vater gewünscht.
Das Kind in „Meine Bienen“ scheint für eine ordentliche Verbrecherkarriere heranzureifen. Das ist hoffentlich kein Selbstbildnis?
Der Bub ist ein absolut unsympathisches Kind, altklug und grausam. Erfrischend an ihm ist nur, dass er „dagegen“ ist, daraus resultiert seine Triebkraft. Dass er so schlimm wirkt, dafür kann er nichts. Er tut mir auch leid, so wie viele Verbrecher. Was ist schon der freie Wille in diesem Schmerz! Denn der Phantomschmerz der Vaterlosigkeit ist ungeheuer. Um die Frage zu beantworten: Diesen Schmerz hatte ich nicht. Aber ich habe den Vater verwünscht. Ich erlebe das Erbe im Innern. Schlimmer wäre, ihn nicht zu kennen. Nicht zu wissen, woher das ist. Der man ist.
Eine Vaterfigur kommt vor, eine ziemlich verrückte. Nur weiß man nicht sicher, wessen Vater dieser Wim ist, es ist nicht einmal gewiss, ob er Opfer oder Täter ist.
Ja, ein böser, armer Mann, vielleicht Vater der Frau und auch des Enkels. Bei ihm laufen schließlich die Fäden zusammen, aus ihm kommt alles. Es ist seine Sprache, mit der die andern geimpft sind, die von einem zum andern wandert, bei ihm mündet. Seine Bienen sind krank, Waffen, die er ins Land tragen will. Sein Ziel ist Vernichtung.
Es gibt viele Verweise auf Düfte, auch unangenehme wie jene nach verwesendem Fleisch. Welcher Geruch herrscht für Sie vor?
Ein Stich von Himbeeren, mit Betonung auf süßlich. Es ist ein Modern in Gang, auf der Schnittlinie zwischen Gestank und Duft. Asche und Rauch haben doch auch von beidem etwas. Und Körpergerüche können etwas Schönes haben. Ein frisch verschwitzter Körper ist doch etwas Angenehmes.
Sie haben eine Vorliebe für Trochäen, die sind für Chöre wie geschaffen: Tamta-tamta-tamta-tamta! Macht Ihnen das Spaß?
Das sitzt in mir, ich kann gar nicht anders. Es schreibt sich zwar langsam, dafür bringt es mich aber auf Einschlüsse, die im ungebundenen Sprechen undenkbar wären. Die Stimmen stehen unter Druck, das Korsett ist streng geschnürt, nur das Nötige wird laut. Das Sprechen ist jetzt wie ein Herausschälen, Entwinden.
Ist „Meine Bienen“ denn auch ein Gedicht?
Es lebt vom Klang, das schon. Und liedhaft ist es auch. Aber es braucht doch den Raum, den gemeinsamen Raum, die Konfrontation. Das meine ich ganz handfest.
Wie erkennen Sie, dass Ihr Stück fertig ist?
Wenn es zu sich gekommen ist, alle Organe hat und selbstständig spricht. Sodass es in Dialog treten kann mit den Musikerinnen und Musikern, den Spielern, den Körpern, all den Klangkörpern. Dann nimmt es seinen Lauf.
Händl Klaus
Geboren am 17. 9. 1969 in Rum. Er trat bereits in der Innsbrucker Schulzeit als Schauspieler auf. Debüt als Dramatiker 2001 in Graz. Bei den Salzburger Festspielen ab 23. 8. im Landestheater: „Meine Bienen. Eine Schneise“. Luigi Caputo
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)