Kafkas: Vom Puppenmeister in die kalte Welt geworfen

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„Thalias Kompagnons“ ist mit dem „Machtspielchen“ „Kafkas Schloss“ zu Gast in Salzburg. Ein entzückendes Puppenspiel. In 90 Minuten wird gezeigt, wie viel Humor in diesem schwarzen Hauptwerk der Moderne steckt.

Die Helden in Franz Kafkas Romanfragmenten wissen meist nicht, wie ihnen geschieht. Sie verstricken sich in abenteuerliche Bürokratie. Was also liegt näher, als sie einem grausamen Puppenspieler auszuliefern, der mit ihnen Schicksal spielt? Joachim Torbahn hat sich in dieser edlen Kleinkunstform Kafkas „Schloss“ vorgenommen. Er nennt es „ein Machtspielchen“. Der Regisseur aus Nürnberg, bei Thalias Kompagnons auch als Figuren- und Bühnenbildner tätig, ist damit nun auch bei den Salzburger Festspielen zu Gast. Sein Kompagnon Tristan Vogt führt das Spiel aus. Am Sonntag war im Schauspielhaus Salzburg Premiere. Diese Dramen-Version kafkaesker Prosa entzückt.

In nur 90 Minuten entsteht mit einfachen Requisiten eine ganze kleine Welt: Ein Tischchen aus Resopal mit Spielzeughäusern, ein Mikrofon, im Halbdunkel dahinter ein Schrank. Dort beginnt es zu schneien, ein Sturm kommt auf, eine kleine Figur, die von Ernst Barlach geschnitzt sein könnte, wird auf die Bühne geworfen. Es ist K., der angebliche Landvermesser, den es ins tief verschneite Dorf unterhalb des Schlosses verschlagen hat. Ihm auf dem Fuß folgt der Puppenmeister. Sein Anzug ist abgetragen, zu eng, die Hosen sind zu kurz. Fast wie ein Tramp sieht er aus. Schon richtet er seiner Figur ein Nachtlager ein, gleich neben der Schank mit dem dicken Wirt und dem Wirtshaustisch, an dem die hölzernen Bauern aus gewaltigen Miniaturkrügeln Bier trinken.

Die Situation, da wird sich nicht mehr viel ändern: ein Verhör. Was will der Fremde hier? Nicht einmal eine provisorische Bleibe gönnt ihm die Schlossverwaltung, die telefonisch mit dem Wirtshaus verbunden ist, vorerst. Für Anrufe werden die Figuren als Hörer verwendet. Vogt tippt ihnen die Nummern in den Leib. K. darf bleiben – vorläufig. Für Szenenwechsel, wenn neue Figuren benötigt werden, geht der Puppenmeister zurück zum Schrank, holt sie aus Kartons hervor: Olga, Frieda, die tolldreisten Gehilfen und den lieben Barnabas, zu denen K. Beziehungen aufbauen will. Schachteln werden zu Häusern, eine Palette mit Miniaturflaschen dient als Schank. So geschickt spielt Vogt, dass man die Dinge rasch als Wirklichkeit akzeptiert. Seine Stimme schafft mit einfallsreicher Modulierung stets neue Charaktere. Auch Musik und Licht sind stimmig.

K. beginnt seinen Gang durch die Institutionen, der bei Kafkas Manuskript mitten im Satz endet. Fremd bleibt dem Landvermesser dieses Dorf, trotz versuchter Intimitäten, furchtbar sind die Behörden, die über sein Verbleiben bestimmen. Den für ihn wichtigsten Beamten, Klamm, darf der Bittsteller nur durch die Ritze eines Kartons beobachten. Und der geschwächte Gemeindevorsteher empfängt K. im Bett. Er klärt ihn darüber auf, wie surreal der Aktenlauf in diesem Schloss ist. Bald ist der Boden mit Ordnern bedeckt: alles unvollständig, nichts fügt sich, nicht einmal für den mittellosen K. mit seinen bescheidenen Wünschen. Er ist sogar schon zufrieden, wenn er mit der Kellnerin im Klassenzimmer der Dorfschule übernachten darf. Dort droht ihm der Hinauswurf. Sein Vergehen: Er hat Brennholz für den Ofen geholt, weil ihm so kalt war.

In welches Dorf hat er sich verirrt? Armer Landvermesser! Ständig stellt er Fragen, die als ungehörig empfunden werden. Die Bewohner bleiben ihm ein Rätsel, er verkennt die Gehilfen und auch die Frauen. Mit Frieda will er es sich behaglich einrichten, er landet auf dem Fußboden, in Unrat und Bierpfützen. Draußen weht der Schneesturm. Es gibt keine andere Wahl, als hier am Fuße des Schlosses zu bleiben, das jedes Leben regelt. K. wird sich fügen müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)

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