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Judentum: Vom Versuch, Verlorenes zurückzuholen

Versuch Verlorenes zurueckzuholen
(c) AP (KEVIN FRAYER)
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Der Mantel des Schweigens, der nach 1945 über Polens reiches jüdisches Erbe ausgebreitet wurde, ist weg. Immer mehr Polen entdecken die jüdische Kultur - und halten nach ihren eigenen jüdischen Wurzeln Ausschau.

Warschau. Der Vorraum zieht mehr Passanten an als das kleine Café U Esterki selbst. An den Wänden sind Bücher über die jüdische Geschichte der Region aufgestapelt, in einer Vitrine liegen hübsche Mesusot aus Ton und Holz, hinter der Theke gibt es Badesalz und Kosmetika vom Toten Meer.

Lange Jahre suchten die Besucher des beliebten Ausflugsziels Kazimierz Dolny nahe der polnischen Hauptstadt vergeblich nach zeitgenössischen jüdischen Spuren rund um die zentral am Altstadtmarkt gelegene Synagoge. Doch seit Kurzem sind in dem Gebäudekomplex, der erst vor zehn Jahren an die jüdische Gemeinde zurückgegeben wurde, ein Gästehaus sowie ein koscheres Café untergebracht. Die Synagoge selbst dient schon länger als Museum, eine funktionierende Gemeinde gibt es seit der Shoah keine mehr.

In den engen Gassen rund um die Synagoge von Kazimierz Dolny – nicht zu verwechseln mit dem jüdischen Stadtteil Kazimierz in Krakau – lässt sich das einstige Schtetl erahnen. Vor dem deutschen Überfall auf Polen lebten hier rund 1400 Juden, die Hälfte der Bevölkerung. Heute hat Kazimierz Dolny wieder gut 3600 Einwohner, fast ausschließlich Polen. Die jüdische Geschichte des mittelalterlichen Städtchens an der Weichsel, das im 17. Jahrhundert ein blühendes Handelszentrum war, ist allerdings schon länger fester Bestandteil einer gewissen touristischen Folklore. In der gut besuchten lokalen Taverne U Fryzjera (Beim Friseur) gibt es „gefilte Fisch“ und „Cymes“, regelmäßig spielen dort auch Klezmergruppen auf.

 

„Wir sind kein Klezmerfestival“

Ausgerechnet Nichtjuden pflegen seit ein paar Jahren in Polen das lange verschwiegene, reiche jüdische Erbe. Nicht weniger als sieben große jüdische Kulturfestivals werden jährlich von Lokalregierungen und dem Kulturministerium teils hoch dotiert. In Krakau ist soeben das 23. Jüdische Kulturfestival zu Ende gegangen. „Wir waren nie ein Klezmerfestival und wollen nie eines werden“, unterstreicht dessen langjähriger Direktor Janusz Makuch den breiten künstlerischen Anspruch.

Diesen Samstag feiert in Warschau das Singer-Festival sein zehntes Jubiläum. Auch hier werden jedes Jahr mehr und immer anspruchsvollere Workshops angeboten. In beiden Städten bietet sich die enge Zusammenarbeit mit den noch gut funktionierenden jüdischen Kultusgemeinden, jüdischen Stiftungen und der Botschaft von Israel an, doch die Tausenden von Besuchern – in Krakau waren allein 15.000 beim Abschlusskonzert – sind fast alle zumindest auf dem Papier katholische Polen.

Das nach Isaac Bashevis Singer benannte Festival wird seit ein paar Tagen in der heute immer noch verfallenen und kaum bewohnten Próżna-Straße zelebriert, dem einstigen Zentrum des jüdischen Warschaus der Zwischenkriegszeit. Am Wochenende locken Stände mit kulinarischen Spezialitäten, „jüdische“ Cafés und Galerien lassen in Nostalgie schwelgen, eine längst vergangene Zeit wird in idealisierter Form heraufbeschworen. Doch bietet sie die Kulisse für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Ostjudentum – sowie für zeitgenössische, radikale jüdische Musik, wie sie etwa John Zorns New Yorker Tsadik-Label mit Erfolg vertreibt.

 

Wichtiges Kulturzentrum

Als eine der grundlegendsten moralischen Veränderungen der letzten Jahre in Polen hat Konstanty Gebert, der Gründer des jüdisch-polnischen Monatsmagazins „Midrasz“, das neu erwachte Interesse an der jüdischen Kultur bezeichnet. „Polen entdeckt seine jüdische Seele wieder“, freut sich Gebert.

Das Aufblühen der Próżna-Straße, und sei es nur für eine Woche, erinnert an die Zeit, in der jeder dritte Einwohner der polnischen Hauptstadt jüdisch war. Mit einer jüdischen Population von 350.000, Dutzenden von jüdischen Theatern und Kulturzeitschriften in jiddischer und polnischer Sprache war Warschau damals nach New York das wichtigste jüdische Kulturzentrum. All dies war in sozialistischen Zeiten ein Tabu. „In die Próżna gingen wir damals, weil es nur dort in Warschau richtige Punker-Nieten gab“, erzählte der DJ und Konzertveranstalter Piotr Wierzbicki am Rande eines Konzertes einer polnisch-israelischen Rockband. Von der Geschichte des Stadtteils rund um den Grzybowski-Platz erfuhr er erst später.

 

Suche nach Stammbäumen

Das Judenpogrom von Kielce kurz nach 1945 und die antisemitische Kampagne von 1968 hatten die meisten Holocaust-Überlebenden aus Polen vertrieben. Heute bezeichnen sich noch rund 10.000 Polen als Juden. Vor 1939 dürften es rund 3,5 Millionen gewesen sein. Doch von Jahr zu Jahr werden die jüdischen Gemeinden wieder etwas größer.

Im Zuge des jüdischen Kultur-Revivals entdecken immer mehr Polen jüdische Wurzeln in ihren Familien. In Krakau etwa zählt die jüdische Gemeinde etwa 100 Mitglieder, dazu kommen aber etwa 400, die sich selbst als Juden bezeichnen. Jüdische Stiftungen helfen polnischen Interessenten bei der Suche nach Dokumenten und Stammbäumen. „Eine erste Abklärung war innerhalb von weniger als einer Stunde ad hoc am Rande einer Veranstaltung im Jüdischen Historischen Institut möglich“, erzählt eine Warschauerin voller Anerkennung. Doch der Weg hin zum jüdischen Gemeindemitglied ist lang. Für die meisten Polen bleibt es deshalb beim Flirt mit dem Judentum.

Allein die Tatsache, dass das Adjektiv „jüdisch“ in Polen ein Marketinginstrument darstelle, sei ein großer Erfolg, betonen jedoch jüdische Aktivisten. Umfragen haben auch gezeigt, dass der Antisemitismus in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen ist. Seit vergangenem Jahr werden auch die lange tolerierten antisemitischen Hassbotschaften polnischer Hooligans gerichtlich verfolgt. Offen antisemitisch argumentieren jedoch immer noch rechtskonservative Kreise – allen voran das ultra-katholische Radio Maryja.

Auf einen Blick

Das lange verschwiegene jüdische Erbe wird heute vor allem von Nichtjuden gepflegt. Denn die jüdische Gemeinde in Polen ist mikroskopisch klein. Rund 10.000 Polen bezeichnen sich heute als Juden – vor dem Zweiten Weltkrieg waren es geschätzte 3,5 Millionen – und Warschau war nach New York das zweitwichtigste Zentrum der jüdischen Kultur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)