Thomas Steinfeld, Chef des "SZ"-Feuilletons, debütiert mit einem Ko-Autor im Thriller-Fach. Bei der Enthüllung als Schlüsselroman war "Der Sturm" vor seiner Veröffentlichung aufregender als das Werk selbst.
Ein paar Tage hatte „Der Sturm“ Momente des Ruhms. Ein Schwede namens Per Johansson wurde vom Verlag S. Fischer als Autor des Krimis genannt. Zu sehen war auf dem Umschlag ein sinnierender Mann mittleren Alters, dessen Debüt auf der Rückseite des Umschlags immerhin Nobelpreisträger Orhan Pamuk rühmte. Alles Täuschung, wie man weiß, seit das Werk vorige Woche aufgedeckt wurde: ein Schlüsselroman!
Wenn er heute in den Handel kommt, dann mit neuem Umschlag, als deutsches Original eines Autorenduos. Thomas Steinfeld, Kultur-Ressortchef der „Süddeutschen Zeitung“, gestand, dass er dieses Buch zusammen mit einem Freund, Martin Winkler, verfasst habe. Teile der Erstauflage sollen eingestampft werden. Das sieht ganz nach Schadensbegrenzung durch den Verlag aus. Aber warum eigentlich? Pseudonyme sind doch nicht ungewöhnlich im Feuilleton und nicht verboten. Als Skandal wurde eingestuft, dass, wie Richard Kämmerlings vom Konkurrenzblatt „Die Welt“ herausfand, die reale Vorlage für das erste Opfer im Krimi Frank Schirrmacher ist, ein Herausgeber der „FAZ“, für den auch Steinfeld und Kämmerlings einst im Frankfurter Feuilleton gearbeitet haben. Das Buch sehe nach einem Rachefeldzug aus, meinten einige Kollegen. Unsinn, erwiderte Steinfeld, das Opfer im Krimi trage verschiedenste Züge.
Da hat er recht. Es gibt keinen Mangel an Chefredakteuren, die unangenehm sind, teure Maßschuhe tragen und dicke Limousinen fahren, wie dieser fiktive Christian Meier. Seine bis auf die Knochen abgenagte Leiche wird bereits auf Seite 13 entdeckt, in der Provinz Schonen, wo sonst Kommissar Wallander, die Erfindung des von Steinfeld verehrten Autors Henning Mankell, auf Verbrecherjagd geht. Bei Steinfeld und Co. wirkt nicht ein Kommissar als Aufdecker, sondern Lokalreporter Ronny Gustavsson, der in seiner Jugend linksradikal war und nun ein bescheidenes Leben in der Provinz führt – eine Taschenausgabe des Helden von Stieg Larssons Millennium-Trilogie. Ronny gerät in eine Geschichte, die böse Globalisierer und ihre rebellischen Widersacher in Südschweden zusammenführt. Symbol für die Verschwörung: das Internet. Gestohlene Computer, unheimliche Beschatter, verrückter Adel, ein kräftiger Schuss modischer Kritik am Finanzsystem – die Ingredienzen sind recht plakativ, so wie der Sturm, der am Höhepunkt des Romans über Schonen tobt.
Wie also schneidet der deutsche Schweden-Krimi im Vergleich zu seinen berühmten Vorbildern ab? Mäßig, aber doch auch beachtlich für ein Debüt von einem, der nur ausprobieren wollte, ob er das Zeug zum Bestseller habe. Ganz reicht es nicht. Die einfach gestrickte Handlung wirkt doch allzu brav konstruiert, die Charaktere sind flach, die Perspektive bleibt monoton. Es gibt ganz wenige Überraschungsmomente, von denen exzellente Krimis leben, aber durchwegs Ähnlichkeiten zu den ermüdenden Passagen in überlangen Wallander-Krimis. Gelungen sind allerdings die Schilderungen der Landschaft, und der Stil an sich hat jene elegante Glätte und Gestelztheit, die in gehobenen Feuilletons Standard ist. Das tröstet über aufkommende leichte Fadesse hinweg.
Vielleicht hätte Steinfeld den Rat des fiktiven Chefredakteurs im Buch beherzigen sollen: Man müsse in seiner Lokalzeitung nicht gut, sondern „nur ein bisschen besser als die Leser selbst schreiben. Gute Schreiber machen die Leser nur misstrauisch. Sie halten Stil für eine Lüge.“ Da hat er recht, der alte Schwede. Wahrscheinlich würde einer wie Schirrmacher, läge er nicht als fiktives Opfer in einem Wald in Schonen, sogar einen schlechten Roman besser imitieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)