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Antisemitismus: Eine Hakennase ist (k)eine Hakennase

Antisemitismus Eine Hakennase keine
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Nicht die auf seiner Facebook-Seite gepostete Karikatur sei antisemitisch, meint H.-C. Strache – vielmehr seien seine Kritiker rassistisch. Über harmlose Zeichen und ihre nicht harmlosen Nebenbedeutungen.

Und der Jud mit krummer Ferse,/ Krummer Nas und krummer Hos'/ Schlängelt sich zur hohen Börse,/ Tiefverderbt und seelenlos“, schrieb einst Wilhelm Busch. In Deutschland erlebte der Antisemitismus gerade einen seiner Höhepunkte, und bei Busch kommt die „krumme Nase“ nicht nur einmal vor: Auch seine Figur Schmulchen Schiefelbeiner stattet der Autor mit einer solchen aus – und die Zeichnung wirkt als Verstärkung: Die Nase nimmt fast das ganze Gesicht ein.

Man muss weiter in die Vergangenheit zurückgehen, wenn man sich mit den jüngsten Aussagen von FPÖ-Chef H.-C. Strache auseinandersetzen will: Nicht die auf seiner Facebook-Seite gepostete Karikatur, meint er, sei antisemitisch; vielmehr machten sich gerade jene des Rassismus schuldig, die ihm Antisemitismus vorwürfen, weil sie annähmen, der Banker stelle einen Juden dar – nur weil er eine Hakennase trüge. „An all jene, welche dann auch noch Nasen einer Karikatur optisch nach ihrer Herkunft einzuteilen versuchen, sei gesagt, dass dies die zutiefst abzulehnende Form von Rassismus ist“, erklärt Strache auf Facebook.

 

Krumme Nase, krumme Dinge

Nun bedeutet eine Hakennase tatsächlich zunächst einmal – gar nichts. Die nach außen gebogene Variante ist eine der vielen Formen, die das menschliche Riechorgan annehmen kann. Nimmt man die Worte, die das Deutsche für diese Form der Nase kennt, stellt sich das ganz anders dar, hier kann man schon ermessen, welche Bedeutungsfelder sich auftun: Einerseits sprechen wir von der „Römernase“, die an Julius Cäsar erinnert, und von der „Adlernase“, mit denen Dichter gern jene Männer ausstatten, die Tatkraft und Scharfsinn in sich vereinen. Hier wird die Nase zum Zeichen für einen edlen Charakter. Auf der anderen Seite kennen wir die Hakennase und die „krumme“ Nase. Im Wörtchen krumm ist die negative Konnotation schon angelegt: Krumme Ferse, krumme Hose, krumme Nase, wie Busch es dichtet – da sind die krummen Geschäfte, die krummen Dinge, die gedreht werden, nicht weit.

Wie kam es nun aber dazu, dass jeder – ob Antisemit oder nicht – automatisch annimmt, die Facebook-Karikatur zeige einen jüdischen Banker? Nun: Auch eine gezeichnete Nase ist zunächst nur die Abbildung einer körperlichen Variante. Eine Nase ist eine Nase. Damit sie zum Indexzeichen werden kann, damit eine gebogene Nase also erstens als krumm und zweitens als jüdisch wahrgenommen wird, bedarf es massiver und anhaltender Eingriffe, konkret braucht es eine jahrhundertelange Praxis der antisemitischen Karikatur.

Wie geht das vor sich? Zum einen muss das willkürlich als Ausdruck für Judentum gewählte Element der gebogenen Nase konsequent von anderen, nicht willkürlichen Bildelementen begleitet werden: Schläfenlocken etwa. Frühe Karikaturen zeigen sie häufig. So wird der Konnex mit dem Judentum geschaffen. Zum anderen ist das Bild – das hat etwa der Semiotiker Umberto Eco nachgewiesen – anfangs auf erläuternde Textbausteine angewiesen; wofür die Hakennase stehen soll, muss also erst erklärt werden, und zwar so lange, bis das Bild darauf nicht mehr angewiesen ist – es ist zum kollektiven Symbol geworden. Dann muss es nur regelmäßig im richtigen Referenzrahmen auftauchen, damit es wirksam bleibt.

Der richtige Rahmen im aktuellen Fall: Das ist zunächst ganz prinzipiell die Form der Karikatur, außerhalb einer Karikatur bedeutet eine Hakennase nach wie vor nichts. Das ist weiters die Profession des Mannes – er ist Banker, wie schon der Jude bei Wilhelm Busch, der sich zur Börse „schlängelt“. Und damit nicht genug, werden seine Ärmel von Knöpfen geziert, auf denen – so legt zumindest die Vergrößerung nahe – Davidsterne eingeprägt sind.

Dazu muss man noch wissen, dass Hakennase und Davidstern-Knöpfe nachträglich hinzugefügt worden sind. Die Zeichen sind also keine zufälligen, sondern absichtsvoll gesetzte Zeichen (so wie die in Lehrbüchern des Strukturalismus oft erwähnte Pistole, die im ersten Kapitel des Krimis an der Wand hängt). Ein so absichtsvoller und zielgerichteter Eingriff lässt keinen Zweifel an der Deutung, dass es sich um eine antisemitische Karikatur handelt.

Das ist wohl auch Strache klar, der ein altes Spiel spielt: Er tut, als verwende er Zeichen ohne Nebenbedeutung, obwohl er weiß oder wissen müsste, dass sie als komplexe kulturelle Zeichen, als kollektive Symbole funktionieren: Die Ostküste ist nicht nur ein geografischer Raum – sondern dient als Metapher für das „jüdische Finanzkapital“. Und drei ausgestreckte Finger sind eben nicht einfach Finger, die für die Zahl drei stehen („drei Bier“), sondern können im entsprechenden Setting als Neonazi-Gruß verstanden werden. Wobei diese Geste zeigt, dass neue Codes geschaffen werden können, wenn die alten strafrechtlich verfolgt werden. Einfacher ist da allemal: Man benutzt alte Symbole gerade so deutlich, dass sie erkannt werden, aber noch nicht verboten sind. Es ist ein schmaler Grat.

Auf einen Blick

Auf Straches Facebook-Seite wurde eine Karikatur gepostet, die einen gefräßigen Banker mit Hakennase zeigt, der von der Regierung angefüttert wird, während das Volk am selben Tisch hungert. Später stellte sich heraus, dass der Banker auf der ursprünglichen Karikatur keine Hakennase hatte – auch die Davidsterne am Ärmel fehlten. Die Staatsanwaltschaft wurde aktiv.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)