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China-Experte: „In Peking lacht man über die Amerikaner“

(c) AP (Vincent Thian)
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Für den indischstämmigen China-Experten Chandran Nair sind die amerikanischen Versuche, Chinas wachsenden Einfluss im pazifischen Raum einzugrenzen, zum Scheitern verurteilt.

Zermatt. Der Ort hätte nicht besser gewählt werden können: Das malerische Schweizer Bergdorf Zermatt – samt Edelweiß, Alpöhi und Matterhorn – bot Chandran Nair die Kulisse zu einer Philippika gegen den eurozentristischen Blick auf China. Der indischstämmige Malaysier, der in Hongkong das „Global Institute for Tomorrow“ leitet, warf dem Westen am Rande des 3. Zermatt Summit (einer Veranstaltung, die sich für eine Globalisierung mit menschlichem Antlitz einsetzt) vor, falsche Konzepte zu propagieren. Dabei sei das um seinen Wohlstand zitternde europäische „Disneyland“ kaum geeignet, der aufstrebenden Supermacht China Ratschläge zu erteilen.

Die Presse: In Analogie zum „Washingtoner Konsensus“, der US-zentrierten Weltordnung, wird immer öfter von einem „Pekinger Konsensus“ gesprochen. Taugt das chinesische Modell zum Vorbild?

Chandran Nair: Nur bedingt. Einzelne Elemente lassen sich mit Sicherheit ins Ausland übertragen, doch generell müssen die asiatischen Staaten ihren eigenen Weg suchen. Vietnam beispielsweise hat ein eigenes politisches und sozioökonomisches Arrangement.

Glauben Sie, dass die USA dem Aufstieg Chinas tatenlos zusehen werden? Schließlich hat die jüngste Verlegung der US-Streitkräfte in den pazifischen Raum den impliziten Zweck, China zu überwachen.

Washingtons Erklärungsversuch lautet, Chinas Nachbarn hätten Angst vor der Volksrepublik und würden die verstärkte amerikanische Präsenz willkommen heißen. In Peking lacht man nur darüber.

In Vietnam, das mit China über den Grenzverlauf im Südchinesischen Meer streitet, sieht man das wohl anders.

Es stimmt schon, dass es da Konfliktpotenzial gibt. Aber in der Region streitet jeder mit jedem. Und die Vorstellung, Vietnam oder die Philippinen würden mit Amerikas Rückendeckung in den Krieg gegen China ziehen, ist Nonsens.

In diesen Streitigkeiten schlägt China aber immer aggressivere Töne an.

In Peking hat man kein Interesse an einem Konflikt. China hat genug Probleme im Inland, eine halbe Milliarde Chinesen gilt immer noch als arm. Unter diesen Voraussetzungen einen Krieg anzuzetteln, wäre ein Desaster. Und das wissen die chinesischen Eliten ganz genau.

Sie haben Chinas Probleme angesprochen. Im Moment bemüht man sich in Peking, die Abhängigkeit der Wirtschaft von Exporten zu reduzieren.

Pekings größte Sorge gilt der Versorgung mit Lebensmitteln. Ich vermute, dass die Regierung über kurz oder lang die Schaffung von agrarwirtschaftlichen Arbeitsplätzen forcieren wird. Ganz Asien hat da Nachholbedarf – in der Landwirtschaft, bei der Versorgung mit sauberem Wasser. Deswegen muss der Staat in Asien eine wichtigere Rolle spielen. Der angloamerikanische Ansatz – Demokratie stärken und den Staat schwächen – ist in dem Kontext ein Schwachsinn. Um diese Grundbedürfnisse zu befriedigen, brauchen wir einen starken Staat. Der Westen hat dank seines Reichtums den Luxus, die Rolle des Staates zu beschränken. Diesen Luxus haben wir nicht.

Apropos reicher Westen: Hat die Krise Europas Image geschadet?

Viele Asiaten bewundern Europa für seine Geschichte. Doch sie wissen, dass es für sie kein Vorbild sein kann. Die Krise hat gezeigt, dass Europas Staaten schwach sind, die Bevölkerungen zu hohe Anspruche haben und Europas Politiker nicht wahrhaben wollen, dass Reformbedarf besteht.

Europa hat also seine Hausaufgaben nicht gemacht.

Ja, doch zugleich ist hier offenbar immer noch die Ansicht weit verbreitet, man brauche keine Zurufe von außen. Stattdessen möchte man die Welt belehren, was in Asien falsch läuft. Doch die westliche Weltordnung hat sich erledigt.

Das chinesische Modell mischt traditionelle und liberale Elemente mit kommunistischen Einsprengseln. Wie passt die planwirtschaftliche Komponente in diese Kombination?

Gut, denn auch in China gibt es eine Tradition der zentralen Planung. China ist die Antithese aller westlichen Fundamente: Freiheit des Individuums, Demokratie, Kapitalismus. China ist anders gebaut, deswegen lässt es sich so schwer einordnen. Und deswegen werfen Beobachter im Westen China vor, keine Demokratie zu sein. Doch was bedeutet das schon? Überspitzt formuliert: Wenn ich wählen müsste, wäre ich lieber ein armer Chinese als ein armer Inder.

Mit welcher Begründung?

Weil das vermeintlich undemokratische China auf lokaler Ebene viel demokratischer ist als Indien. Doch im Westen findet man Indien sympathisch, weil es chaotisch ist. 400 Millionen Inder haben immer noch keinen Zugang zur Elektrizität – das ist fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung. In China sind es gerade einmal fünf Prozent. Aber derartige Aspekte der Menschenwürde kommen im westlichen Narrativ nicht vor.

Zur Person

Chandran Nair lieferte zu der aktuellen Debatte um China mit seinem im Vorjahr erschienenen Buch „Consumptionomics“ einen wichtigen Beitrag. Darin stellt er die These auf, dass Asien nicht in der Lage sei, die westlichen Konsummuster zu übernehmen. [AFP / Getty Images]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)