Die beheizten Fische

Tiere spielen im Leben und in der Literatur Anna Weidenhol- zers keine geringe Rolle: Biber, Kaulquappen, Fische. Ein Ge- spräch über allerlei Getier, ihren Debütroman, Arbeitslosigkeit, Heilslehren, Polen und die Kunst des Rückwärtserzählen.

Wieso haben Sie wegen der Geschichten der Großtante Geld im Garten versteckt? Was waren das für Geschichten?
Das waren so Kriegsgeschichten meiner Großtante. Die große Horrorgeschichte war jene vom Hasen Hansi. Der musste geschlachtet werden, weil sie nichts mehr zu essen hatten.
Und warum haben Sie Geld im Garten versteckt?
Wegen der ängstigenden Geschichten meiner Großtante: Damit etwas da ist für später. Aber ich habe das Geld nie wieder gefunden. Vermutlich waren es nur fünf Schilling.
Wir sitzen hier in der Nähe Ihres Wohnortes nicht weit vom Donaukanal entfernt, den Sie gern entlangschlendern. An seinen Ufern haben sich wieder Biber angesiedelt. In Ihrem Text „Am Fluss“ schreiben Sie von den „schönen Tieren mit den hässlichen Zähnen“. Was interessiert Sie an den Bibern?
Hauptsächlich, dass ich noch keinen gesehen habe, sondern immer nur ihre Spuren: die abgenagten Bäume, die übrig gebliebenen Baumstümpfe oder diese Schutzgitter um die Bäume herum. Die Biber selbst sind das Phantom vom Donaukanal.
Einen Gegenpol zu den Bibern bilden die Kaulquappen, die in Ihrem in Kürze erscheinenden Roman „Der Winter tut den Fischen gut“ eine gewisse Rolle spielen. Die sind viel störungsanfälliger als Biber. Haben Sie schon einmal Kaulquappen großgezogen?
Ja, zur Recherche für das Buch. Im Garten meiner Eltern gibt es einen Teich, aus dem ich welche rausgefischt habe.
Für die Protagonistin Ihres Romans, Maria Beerenberger, wird die Kaulquappe Otto zum Partnerersatz. Haben Sie auch einen Otto durchgebracht?
Nein, es gibt keinen Otto in meinem Leben. Es ist schwierig mit Kaulquappen. Es ist gar nicht so einfach, dass man die durchbringt. Für Maria aber ist es gut, Otto zu haben. Es ist besser, sie hat Otto, als sie hat ihn nicht.
Wie verzweifelt muss man aber sein, um eine Kaulquappe zum Partnerersatz zu machen?
Ja, schon eher. Aber Maria sucht ein unauffälliges Haustier. Eine Kaulquappe kann man relativ leicht zu Hause halten, ohne dass das viele Menschen mitbekommen.
Das Buch beginnt mit einem Bewerbungsgespräch der arbeitslosen 48-jährigen Textilfachverkäuferin Maria Beerenberger. Sie bemüht sich redlich, den Anforderungen zu entsprechen. Trotzdem hat man den Eindruck, dass sie eigentlich keine Chance hat.
Sie isoliert sich ja zunehmend in ihrer Arbeitslosigkeit dadurch, dass sie nicht mehr zum Arbeitsamt geht. Sie orientiert sich dann an diesen Ratgebern mit den Selbstoptimierungstipps. Ich würde sie aber nicht ganz chancenlos sehen. Ihre Chance wäre, dass ihr jemand zuhört, dass man sie ernst nimmt.
Aber wer sollte das machen?
Ja, das klingt total utopisch. Bei meiner Recherche für das Buch bin ich aber auf einen Verein gestoßen, der heißt Arbeitslose helfen Arbeitslosen, also eine Selbsthilfeorganisation, in der es vor allem darum geht, dass Arbeitslosigkeit nicht mehr so stigmatisiert wird, nicht mehr so tabu ist. Man traut sich ja nicht darüber reden, weil man sich dafür schämt. Diese Organisation wäre für Maria vielleicht ein Ausweg.
Würden Sie für ein Jobbewerbungsgespräch wie Maria an Ihrer „Visualisierung“ arbeiten?
Wahrscheinlich eher nicht. Maria klebt sich ja so Merksätze aus Ratgebern auf den Spiegel. Sie hat da ein Buch gelesen, in dem es darum geht, dass man an das Universum glaubt, die richtigen Wünsche an das Universum schickt, und das Universum richtet einem dann das Leben. Wenn man sich richtig verhält und richtig wünscht, dann geht's einem gut.
Ist man in solchen Situationen besonders anfällig für esoterische Heilslehren?
Ja, auf jeden Fall, das kann eine scheinbare Möglichkeit sein, aus der Situation herauszukommen, die relativ einfach ist. Das
Fatale daran ist, es fällt immer auf einen selbst zurück, wenn's nicht klappt, weil ich mir das dann eben nicht stark genug gewünscht habe oder mich nicht stark genug angestrengt habe.
Tatsächlich müssen Sie sich ja nirgends bewerben, weil Sie als freie Schriftstellerin leben wollen, nicht wahr!?
Man bewirbt sich dann halt um Stipendien und solche Dinge. Aber das ist natürlich ein anderes Bewerbungs-Procedere. Schreiben ist bei mir aber von Kindheit an da gewesen. Ich habe als Kind schon so Reiterhofgeschichten geschrieben, dann ein Skispringermagazin erfunden und Friedensgedichte verfasst.
Und dann haben Sie ein Studienjahr in Breslau verbracht? Wie war's dort?
Spannend. Ich habe dort vieles im Umbruch gesehen, neue Wolkenkratzer und schicke Einkaufszentren; davor standen dann Frauen, die Putzfetzen verkauft oder Aquarien angeboten haben, in denen im Winter Fische waren, so Guppys. Da mussten die Frauen dann einen Heizstab hineinstecken, um die Fische verkaufen zu können. Eine andere Erfahrung war, wie katholisch manche Polen sind. Ich habe da etwa eine alte Frau in der Straßenbahn beobachtet, die bei jeder der vielen Kirchen, an denen man vorbeifährt, das Kreuzzeichen gemacht hat. Als dann im Mai 2006 der neue Papst zu Besuch in Polen war, wurden im Fernsehen Kondom- und Tamponwerbungen verboten.
Wie sind Sie zu dieser Methode des Rückwärtserzählens gekommen?
Ausgehend von den Interviews, die ich zur Recherche für das Buch geführt habe, wollte ich die Situation nachzeichnen, wie es ist, wenn man einem Menschen begegnet und nur weiß, die Frau ist arbeitslos. Je länger ich mit solchen Frauen gesprochen habe, desto mehr Bilder sind aufgetaucht, bruchstückhaft. Doch am Schluss hat man ein völlig anderes Bild von diesem Menschen, sieht viel mehr als die Arbeitslose. Das wollte ich zeigen.
Ich habe gelesen, dass Sie auf Wanderschaft gehen. Wandern mit Anna statt mit Eva?
Ja, mit Weidenholzer zum Wein. Mir wurde gesagt, dass es nicht sehr weit ist, also eine Stunde wandern und dann beim Heurigen eine Lesung. Ich freue mich darauf. ■



Anna Weidenholzer
Der Winter tut den Fischen gut

Roman. 250S., geb., €20,90 (Residenz Verlag, St. Pölten)
Das Buch ist ab 4. September im Buchhandel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)


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