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Zweitwohnsitz: Das kleine (Alb-)Traumhaus im Grünen

Symbolbild
(c) FABRY Clemens
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Für die einen ist es der Zufluchtsort, der ihnen Entspannung bietet, für die anderen bedeutet er endlose Autofahrten. Besitzer von Zweitwohnsitzen müssen viel investieren, damit ihr Lebensmodell auch funktioniert.

Man kennt die Geschichten, weil es in jeder Klasse mindestens eines von ihnen gegeben hat – eines jener Kinder, deren Eltern einen Zweitwohnsitz im Grünen haben. Die berichteten dann von grausigen Erlebnissen am Wochenende. Von Ärger, Überdruss und gähnender Langeweile. Geh doch raus in den Wald spielen, sagen die Eltern dann. Aber wer will schon draußen Heidelbeeren pflücken und allein in der Ecke das hundertste Buch lesen, wenn sich zu Hause in Wien die Freunde zum Eisessen und Baden treffen?

Österreich ist ein Land der Nebenwohnsitze. 1,15 Millionen „Nebenwohnsitzfälle“, wie es im Amtsdeutsch heißt, gab es mit Stichtag 30. Juni 2012. Dabei wird allerdings nicht erfasst, wo ein Nebenwohnsitzer seinen Hauptwohnsitz hat. Ob also ein Wiener, der am Wochenende seinen niederösterreichischen Bauernhof pflegt, ein Kärntner Student in Wien oder ein Russe, der seine Ferienwohnung in Kitzbühel gemietet hat – alle drei stellen einen „Nebenwohnsitzfall“ dar.

Ob sie auch glückliche Nebenwohnsitzer sind, darüber sagt die Statistik nichts. Denn während sich die einen auf das Haus im Grünen freuen, stellt es anderen schon bei dem Gedanken – meist geprägt von schlechten Erinnerungen – an den Zweitwohnsitz die Haare auf: Zu oft haben sie sich einsam im Nirgendwo – Zweitwohnsitze sind meistens im Nirgendwo – über das langweilige Wochenende geärgert. Kein Kino, kein Theater – und in vielen Fällen keine anderen Kinder, mit denen das Spielen im Wald erst so richtig Spaß macht. Oder zumindest keine, die allzu viel Wert auf die Gesellschaft der Wochenendbewohner legen.

Vor allem ab der Pubertät entwickelt sich das Wochenendhaus für die Jugendlichen richtiggehend zu einer Art Gefängnis. Die Freunde daheim in der Stadt amüsieren sich, während man mit den Eltern im Haus auf dem Land sitzt. Schöner Schaden.

Doch es kann auch alles ganz wunderbar funktionieren. Daniela Kubiena und ihr Mann etwa fahren seit zehn Jahren mit ihren drei Kindern regelmäßig in ihr Wochenendhaus nach Gscheid in Kernhof im südwestlichen Niederösterreich. Dort steht ihre umgebaute Hütte, die sie in vielen Stunden Arbeit und über die Jahre hinweg umgebaut haben: ein großes Haus inmitten von Bäumen und grünen Wiesen. Mit großem Garten, Feuerstelle, Baumhaus und Stadel. Das Handy funktioniert hier nur, wenn man das richtige Netz hat. Dafür gibt es Vogelgezwitscher, Frösche, Kröten und Wiesel – und jeden Sommer das Geröhre von Hirschen. „Ein Kollege meines Mannes ist so aufgewachsen. Die Idee hat uns gefallen“, sagt Daniela Kubiena, die in einer kurzen braunen Hose entspannt im Garten steht und in die Sonne blinzelt. Schon davor sind sie und ihr Mann jedes Wochenende im Grünen gewesen.

Hin und weg. Um ihr Lebensmodell – und als Lebensmodell bezeichnet sie es – zu verwirklichen, muss die Familie einiges an organisatorischem Aufwand in Kauf nehmen: Jeden Freitag werden Kinder, Lebensmittel und Wäsche ins Auto gesteckt. Immer mit im Gepäck: die zahlreichen Haustiere der Familie. Hund Sissi, Hase Raffy und früher auch noch die Katze („Die hat aber immer gespieben“). In den besten Tagen haben die Kubienas bis zu sieben Hasen regelmäßig zwischen Wien und Gscheid herumkutschiert.

Als Belastung empfindet die 40-Jährige das nicht. „Es kommt alles auf die richtige Planung an.“ Und die ist mittlerweile ausgeklügelt. Die Einkäufe erledigt die Zahnärztin kurz vor der Abfahrt. Sie werden im Auto liegen gelassen. Die Kinder werden von den Eltern meist direkt von der Schule abgeholt. An Gepäck wird (abgesehen von den Haus- und Kuscheltieren) nur Wäsche zum Waschen transportiert. Möglich machen das zwei getrennte Kleiderschränke. Einer in Gscheid (da ist die Wäsche mit den Löchern drinnen) und einer mit schöneren Sachen für Wien. Kosmetikartikel und Spiele für die Kinder gibt es in doppelter Ausführung. „Ich habe halt jetzt zwei getrennte Haushalte“, sagt sie.

Ein Modell, das vielen Gemeinden nicht wahnsinnig recht ist. Denn im Gegensatz zu ordentlichen Hauptwohnsitzern bekommen Ortschaften für ihre Nebenwohnsitzer keinen Cent vom Bund. Dafür kosten sie die Gemeinden im Normalfall mehr, als sie dem Budget bringen: Denn auch wenn sie für ihre Häuser und Wohnungen Abgaben entrichten – den Aufwand, den die Gemeinde mit der Erhaltung der Infrastruktur, etwa Zufahrtsstraßen, Kanäle oder Müllabfuhr hat, können diese generell nicht abdecken.

Das wiederum hat dazu geführt, dass unter Gemeinden ein harter Wettbewerb herrscht, Zweitwohnsitzer zu Hauptwohnsitzern zu machen. Das kann etwa durch positive Bestärkung erfolgen: Wer wie zahlreiche Studenten aus dem Wiener Umland seinen Hauptwohnsitz offiziell in die Bundeshauptstadt verlegt hat, um in den Genuss der für Wiener ermäßigten Semesterkarte der Wiener Linien zu kommen, weiß, wovon die Rede ist.
Viele Zweitwohnsitzer versuchen wiederum von sich aus, dem Ort ihres Wochenenddomizils Wohlwollen entgegenzubringen – durch Engagement. In Gscheid ist Vater Kubiena etwa Mitglied bei der Bergrettung. Und der Arzt hilft auch immer wieder den Leuten im Ort bei medizinischen Problemen.

Vor- und Nachteile. Manche müssen sich erst langsam an den Gedanken gewöhnen, überhaupt Zweitwohnsitzer zu sein. Der Wiener Kurt Stroh ist einer von ihnen: „Wir haben immer gesagt: Oh mein Gott, das ist uns zu weit weg vom Schuss. Die Fahrt dorthin zu stressig. Außerdem, was tun wir dort drei Mal im Jahr?“ Jetzt sitzt der 55-Jährige trotzdem seit eineinhalb Jahren jedes Wochenende mit seiner Frau im geerbten Haus in Deutsch-Wagram. Schuld daran ist die Renovierungsbedürftigkeit des Hauses. „Mit jedem Stück, das wir gemacht haben, hat es uns besser gefallen“, sagt er. Und irgendwann war die Leidenschaft für das Haus vollends entfacht. Seither genießen er und seine Frau alle Vor- und Nachteile eines Zweitwohnsitzes. Hier schätzt er das ganz andere Lebensgefühl als in der Stadt, das viele Grün – man muss nur das Rad aus der Garage holen und kann sofort losfahren. Als negativ empfindet er dagegen die ewige Hin- und Herfahrerei, das geringe kulturelle Angebot und dass ihn seine Freunde selten besuchen. Viel zu schleppen hat aber auch er nicht – auch er führt jetzt eben zwei Haushalte. Die bedeuten für ihn aber trotzdem doppelt so viel Arbeit – und auch fast doppelt so hohe Kosten. „Im Winter kann man ja an keinem Ort die Heizung ganz abstellen.“ Ein Haus muss außerdem zusätzlich in Stand gehalten werden. Nur das Putzen ist nicht so schlimm: „Der viele Staub und Dreck, den es in Wien gibt, den findet man auf dem Land nicht.“

Holz hacken für den Winter. Auch die Kubienas mussten einiges in ihre Hütte investieren, bevor es jenes freundliche Anwesen geworden ist, das ihnen heute so gefällt. Bis vor Kurzem gab es noch eine Holzheizung, für die Eltern und Kinder jedes Jahr ordentlich Holzscheite schleppen mussten. Der Mutter war das aber wichtig: „Ich möchte, dass meine Kinder wissen, woher Energie kommt.“ Ihr Häuschen möchte sie daher nicht missen. Weil es ein Ort ist, an dem sie (ebenso wie ihr Mann und ihre Kinder) abschalten kann. Die Entfernung von Wien spielt dabei eine große Rolle: „Man lässt mit der Distanz vieles hinter sich.“

Entgegen allen Vorurteilen scheinen sich auch ihre Kinder hier richtig wohlzufühlen. Sie laufen unbeschwert über die Wiese, verbringen Stunden im Wald, füttern Kühe, hüpfen in den See  und winken begeistert den Lkw-Fahrern, die auf der Landstraße vorbeirattern. Immer mit dabei: die Nachbarskinder, die ähnlich wie die Kubiena-Kinder an Wochenenden mit ihren Eltern aus Wien hierherfahren.
Dass ihre Kinder mit der Situation in Gscheid (viel Wiese, viele Kinder) großes Glück haben, wissen auch die Eltern. Auch Daniela Kubiena kennt die Geschichten von Kindern, die in Wochenendhäusern langweilige Wochenenden verbringen. Bei ihren Kindern ist das aber eher umgekehrt. „Wenn wir zwei Wochen nicht rausfahren, dann gibt es schon die große Nachfrage: Wann fahren wir endlich wieder hin?“ Im vergangenen Jahr brach die Familie sogar einen Urlaub in Kroatien nach wenigen Tagen ab, um wieder in ihr Ferienhaus zu fahren.

Den ältesten Sohn, Simon, ärgert mit seinen 14 Jahren dafür etwas anderes: Seine Freunde in Wien haben wenig Verständnis für Erholung in der Natur. „Die nehme ich nicht mehr mit“, sagt er. Und klingt ein wenig enttäuscht dabei. Tatsächlich bedeuten Ferienhäuser auch immer, irgendwie zerrissen zu sein. Und ein Umdenken für das jeweilige Umfeld. Die Kubiena-Eltern werden am Wochenende etwa nur mehr ganz selten eingeladen. „Wir sind ja nie da.“ Abendessen mit Freunden passieren dann unter der Woche. Dass die Familie auf Dauer ins Gscheid zieht, ist aber eher auszuschließen. Denn auch wenn es jetzt nicht zu sehen ist: Die Winter hier sind hart und lang. Und es regnet auch viel zu oft, sagt Daniela Kubiena. Außerdem möchte sie die Kinder nicht um Möglichkeiten bringen – fortzugehen ohne Auto, Gymnasium, Kultur. All das würde es hier nicht geben.

Man muss ja nicht immer hier sein, sonst wäre es auch gar nicht mehr dasselbe. Ein kleines Wochenendidyll, das manche lieben – und manche eben nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)