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Ökonom: „Österreich ist eher wie Italien“

Symbolbild
(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Josef Bollwein)

Der deutsche Ökonom Axel Börsch-Supan sieht im Interview mit der "Presse" den heimischen Sozialstaat in kritischem Zustand: „Österreich gibt zu viel für Alte aus und spart bei Kindern und Gesundheit.“

Die Presse: EZB-Chef Mario Draghi nannte den europäischen Sozialstaat ein Auslaufmodell. Hat er recht?

Axel Börsch-Supan: Nein, ganz im Gegenteil. Das Sozialstaatsmodell trägt zur Stabilität Europas bei. Im Gegensatz zu China gibt es hier einen Mittelstand, aus dem unsere Wettbewerbskraft wächst. Das würde alles nicht funktionieren ohne Gesundheits-, Arbeitslosen-, Pensionssysteme.

In der Schuldenkrise drängt sich aber doch die Frage auf, wie lange das finanzierbar bleibt?

Wir übertreiben natürlich hie und da. Wenn der Sozialstaat so viel kostet, dass er dem Land die Luft abschneidet, richtet er sich gegen sich selbst. Österreich ist Italien da näher als Schweden oder Deutschland. Man weiß, dass die Schweden einen funktionierenden Sozialstaat haben, trotzdem geben sie weniger dafür aus als Österreich.

Woran liegt das?

Die Verteilung ist anders. Österreich gibt sehr, sehr viel für alte Leute aus und viel weniger für Familien und Gesundheit. Österreich ist viel mehr ein italienischer Staat als ein skandinavischer. Und tatsächlich sind die Österreicher auch nicht so gesund wie die Skandinavier oder die Deutschen. Die sogenannte  gesunde Lebenserwartung liegt am unteren Ende Europas. Erstaunlich für ein so reiches Land.

Was kann Österreich von Skandinavien lernen?

Die skandinavischen Länder haben eine viel flexiblere Altersversorgung, die automatische Anpassungsmechanismen an die Alterung vorsieht. Das Pensionsalter ist nicht festgelegt wie in Österreich, sondern jeder kann selbst entscheiden. Wenn man länger in Pension ist, wird die jährliche Pension massiv niedriger, ist man kürzer im Ruhestand, wird sie massiv höher, sodass es sich auch finanziell lohnt, länger zu arbeiten.

In Österreich sind die meisten allerdings mit 60 schon in Pension.

Da macht Österreich auch einen Fehler. Die Regierung schickt die Leute sehr früh in die Pension. Sie gehen natürlich freiwillig, aber nur, weil es ihnen sehr leicht gemacht wird. Das nagt an den Sozialausgaben. Noch dazu zahlt Österreich sehr hohe Pensionen. Das geht natürlich ins Budget. In Österreich spart man dann eben bei Kindern und Gesundheit. Das ist keine nachhaltige Entscheidung.

Politiker tun sich mit Reformen aber schwer, weil die meisten Wähler bald Pensionisten sind.

Die haben aber auch Kinder und Enkelkinder. So egoistisch denken die Älteren nicht. Ein größeres Problem sind die Gewerkschaften. Sie haben in Österreich mehr Macht als anderswo und vertreten meist nicht den Durchschnittsarbeitnehmer – sondern eine ältere Klientel.

Ist das europäische Sozialmodell in Summe überhaupt leistbar?

Die Systeme müssen flexibel werden, sich anpassen können an gesellschaftliche Veränderungen. Es darf kein festgeschriebenes Pensionsantrittsalter geben, wenn sich die Lebenserwartung ändert. In Deutschland haben wir den Nachhaltigkeitsfaktor eingebaut, der das Pensionssystem herunterfährt, wenn die Bevölkerung altert, ohne dass die Politik eingreifen muss. Das hilft eine Menge. Die Italiener haben das auch gemacht, lassen es allerdings erst in zwanzig Jahren beginnen. Schweden hat ein ähnliches System. Diese Automatismen wären auch eine elegante Methode für Österreich.

Sie vergleichen Europa mit der Volksrepublik China. Warum?

Weil China zu dem Konkurrenten für Europa wird. Deutschland und Österreich exportieren in hoch spezialisierten Nischen. Da gibt es noch nicht so viel Konkurrenz von Chinesen. Aber das Land gibt pro Kopf doppelt so viel für Bildung aus wie Deutschland. Daher wachsen die Patentschmieden, die uns auch in den Nischen Konkurrenz machen. Noch kann keiner in China Autos bauen wie BMW, aber die lernen das.

Und was können die Europäer von den Chinesen lernen?

Die Investitionen in Bildung. Chinesische Eltern geben ihr letztes Hemd, damit die Kinder auf eine bessere Schule gehen können. In Österreich fließt das Geld stattdessen überproportional in Pensionen. China kennt kein Rentensystem. Das ist natürlich auch nicht gut. Und nur ein autoritäres Land kann es sich leisten, eine ganze Generation abzuschreiben. Aber die Bildungsausgaben sind enorm, und das sollte uns zu denken geben.

Gibt es Ihrer Meinung nach auch Sozialbereiche, aus denen sich der Staat zurückziehen sollte?

Man kann einen Teil der Altersvorsorge privatisieren. Auch hier hat Österreich Nachholbedarf. Man kann in der Gesundheit einiges auslagern, Studiengebühren einführen. Aber man kommt ohne Staat nicht aus.

Auf einen Blick

Der Mathematiker und Ökonom Axel Börsch-Supan (57) ist Direktor des Mannheimer Institutes für die Ökonomie des Demografischen Wandels und Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialpolitik. Er erforscht die Folgen alternder Gesellschaften für Sozialsysteme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)