Der Sturm erreichte Louisiana schwächer als befürchtet, die Dämme hielten den Fluten stand – bis auf einen Damm in einem Bezirk südlich New Orleans.
Hurrikan „Isaac“ hat in der Nacht auf Mittwoch (Ortszeit) das Ballungsgebiet von New Orleans im US-Staat Louisiana sowie angrenzende Küstenstreifen der Staaten Mississippi und Alabama mit Wucht erfasst – und, so wie es bisher aussieht, weniger Schaden angerichtet als von vielen befürchtet: Bis zum späten Mittwochnachmittag (MESZ) hatten die vom Wind aufgebauschten Wassermassen nur einen niedrigen Schutzdamm südlich von New Orleans überflutet und Teile eines Bezirks unter Wasser gesetzt. Todesopfer wurden bisher noch nicht gemeldet.
Isaac, der in der vergangenen Woche von Osten sehr langsam herangezogen kam und in Haiti und der Dominikanischen Republik mehr als 20 Todesopfer zur Folge hatte, erzeugte am Mittwoch maximale Windgeschwindigkeiten von um die 130 Stundenkilometer und gilt damit als Hurrikan der Stufe eins. Zum Vergleich: „Katrina“, die auf den Tag genau vor sieben Jahren New Orleans verwüstete, erzeugte Böen von 280 km/h und war somit ein Hurrikan der höchsten Stufe fünf (ab 250 km/h); damals starben etwa 1800 Menschen, die meisten in den Fluten, die auf Dammbrüche folgten.
Dammsystem nach „Katrina“ ausgebaut
Das 1718 von Franzosen gegründete New Orleans mit seinen heute (samt Umland) rund 1,4 Millionen Bewohnern liegt direkt am Golf von Mexiko im Mündungsgebiet des Mississippi sowie an einem See. Die Dammsysteme wurden nach der Katrina-Katastrophe massiv verstärkt und um mehr als 14 Milliarden Dollar ausgebaut.
Das am Mittwoch überflutete Gebiet ist jenes des Bezirks Plaquemines, einer besonders tief liegenden, marschigen Region, die sich südlich New Orleans wie ein Keil Richtung Südosten und beidseits des Mississippi weit ins Meer hinausschiebt. Die dortigen Dämme wurden bisher nicht so ausgebaut wie anderswo: Das ist hier nämlich technisch und vom nötigen geografischen Umfang her besonders anspruchsvoll, zudem werden nicht alle Dämme in Plaquemines von den Bundesbehörden betreut, sondern von der finanzschwachen Bezirksverwaltung. Und so konnte das aufgepeitschte Meer hier einen rund 2,4 Meter hohen Damm überwinden.
Der US-Bundesstaat Louisiana an der Mündung des Mississippi in den Golf von Mexiko wird häufig von Überschwemmungen heimgesucht. Nach der Flutkatastrophe als Folge des Hurrikans "Katrina" im Jahr 2005 wurde der Hochwasserschutz ausgebaut. Mehr ...
Flucht auf die Dächer
In dem Bezirk leben etwa 23.000 Menschen, nur einige Tausend davon sind laut der Bezirksverwaltung in Pointe à la Hache der Aufforderung nachgekommen, das Gebiet vorläufig zu verlassen. Viele mussten in die oberen Stockwerke ihrer Häuser und auf die Dächer flüchten, Berichten zufolge steht das Wasser in den Gebäuden drei bis vier Meter hoch. „Für viele dort ist die Sache noch nicht einmal halb vorüber“, sagt Richard Knabb, Direktor des Nationalen Hurrikanwarnzentrums. „Der trommelnde Regen wird noch mindestens bis Donnerstag anhalten.“
Die Sturmfluten bis etwa vier Meter Höhe wurden hingegen an allen anderen Stellen im Raum um New Orleans von den Dammsystemen aufgehalten. Weil sich Isaac aber sehr langsam bewegt, zuletzt mit etwa fünf bis neun Kilometern pro Stunde, gehen überproportional große Regenmassen auf das Land nieder, Meteorologen warnen daher vor lokalen Überflutungen und Hochwasser in den Flüssen. In den nächsten Tagen wird sich der Sturm Richtung Nordwesten über Land bewegen und dann rasch an Energie verlieren.
Bewaffnete Nationalgardisten im Einsatz
Bewaffnete Einheiten der Nationalgarde sind an vielen Stellen um und in New Orleans in Stellung gegangen, auch, um gegen Plünderer vorzugehen. Im Golf von Mexiko ist unterdessen die Ölförderung sowie die Ölverarbeitung in den Raffinerien an der US-Küste fast gänzlich zum Erliegen gekommen, auch erzwang der Sturm weitläufige Stromabschaltungen: In Louisiana sind etwa 400.000 Haushalte ohne Strom, etwa 200.000 sind in umliegenden US-Staaten betroffen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30. August 2012)