Niederösterreich kauft marode Skigebiete auf

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(c) Clemens Fabry

Im September entscheidet sich das Schicksal der wichtigsten Liftanlagen im Wiener Umland, des Semmerings und des Hochkars. Ein Zusperren der Skigebiete hätte für den Süden Niederösterreichs fatale Folgen.

St. Pölten. Für die drei wichtigsten Skigebiete Niederösterreichs wird der September zum Schicksalsmonat: Während schon am Montag die entscheidende Gläubigerversammlung zu den insolventen Hochkar-Liften stattfindet – mit deren Zukunft auch jene der Ötscherlifte in Lackenhof verbunden ist –, treffen gegen Ende des Monats Vertreter des Landes und der Hirschenkogel-Lifte am Semmering aufeinander. Thema der Verhandlungen: eine politisch gewünschte Beteiligung der öffentlichen Hand am „Zauberberg“.

Dem Vernehmen nach soll noch vor Beginn der heurigen Wintersaison eine Minderheitsbeteiligung des Landes Niederösterreich an der Betriebsgesellschaft hinter dem Semmering fixiert werden. Deren Geschäftsführerin Gudrun Eder bestätigt gegenüber der „Presse“, dass „das Land mit dem Wunsch einer Beteiligung auf uns zugekommen ist“. Genaueres will sie aber erst nach den für 20.September angesetzten Verhandlungen sagen. Derzeit hält die private „Eder-Grubner-Beteiligungsgesellschaft“ drei Viertel der Gesellschaftsanteile, als einzige öffentliche Körperschaft ist die Gemeinde Semmering mit einem Prozent beteiligt.

 

„Strategischer“ Skieinstieg

Auch im Büro der niederösterreichischen Wirtschafts- und Tourismuslandesrätin Petra Bohuslav (ÖVP) verweist man bezüglich eines Semmering-Einstieges auf offene Verhandlungen – besonders, was die möglichen Preisvorstellungen für eine Beteiligung des Landes betrifft.

Das Interesse des Landes an dem Skigebiet sei aber kein Geheimnis: Schon 2011 habe ein Gutachten sieben Skigebiete ausgemacht, die regionalpolitisch und touristisch besondere Bedeutung für Niederösterreich hätten, sagt Lukas Reutterer, Bürochef von Bohuslav. Von diesen sieben Gebieten habe eines, Mitterbach, engere Kriterien für einen Einstieg nicht erfüllt. Die übrigen sechs wären dagegen „strategisch wichtig“ für das Land: der Semmering, das Hochkar und Lackenhof sowie Annaberg, St. Corona am Wechsel und Mönichkirchen. Die drei letzteren Gebiete hat das Land bereits im Vorjahr übernommen und in die „Niederösterreichische Bergbahnen-Beteiligungsgesellschaft“, eine hundertprozentige Tochter der Landes-Holding Ecoplus, eingegliedert.

Der Einstieg des Landes in die Wintertourismusbranche hat vor allem wirtschaftliche Gründe: Für die Gemeinden, die die drei Skigebiete, die das Land bereits übernommen hat, bisher betrieben haben, waren die Liftanlagen in finanzieller Hinsicht gewaltige Verlustbringer – einerseits angesichts ständig notwendiger Investitionen, andererseits auch, weil die Zahl der Skitage im Land in den vergangenen Jahren ständig zurückgegangen ist. Besonders unter dem stetigen Modernisierungsdruck wäre eine Fortführung ohne ständige Finanzspritzen des Landes nicht mehr möglich gewesen.

Ein Zusperren der Skigebiete hätte aber für den Süden des Landes fatale Folgen: In den hinteren Teilen der niederösterreichischen Bergtäler, wo sich die betroffenen Skigebiete befinden, herrschen nämlich ähnlich strukturschwache Bedingungen wie im Waldviertel: Abwanderung, Überalterung und wenige Arbeitsplätze. Der Verlust der Skigebiete – und der damit verbundenen Herbergs- und Gastronomiebetriebe – wäre für viele Gemeinden der Todesstoß.

Weswegen das Land seine neue, mit einer nicht näher definierten „zweistelligen Millionensumme“ dotierte Beteiligungsgesellschaft auf große Einkaufstour schickte – „als Bekenntnis zum niederösterreichischen Skitourismus“, wie es im St. Pöltner Landhaus heißt. Soll heißen, dass die öffentliche Hand in den sauren Apfel beißt – und aus regionalpolitischen Gründen als Eigentümer für Verluste und Investitionen von Skigebieten aufkommt, die auf sich allein gestellt langfristig nicht überlebensfähig wären.

 

Hindernisse am Hochkar

An ihre Grenzen ist die Freigiebigkeit des Landes allerdings in den vergangenen Monaten am Hochkar gestoßen: Nachdem die dortige Liftgesellschaft im Juni Insolvenz angemeldet hatte, machte die „Vereinigte Bergbahnen GmbH“ von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel gemeinsam mit dem Land ein Angebot, die Anlage zu erwerben – dem Vernehmen nach in der Größenordnung von drei Millionen Euro. Dem Masseverwalter, dem Scheibbser Anwalt Christian Kies, war das aber zunächst zu wenig. Zwei Gutachtern zufolge hätte die Gesellschaft einen Wert von rund neun Millionen Euro: Kies machte sich auf die Suche nach anderen potenziellen Käufern.

Bis gestern hatten sich solche aber Kies zufolge nicht eingestellt – „ein, zwei“ Interessenten würden heute noch über ein Angebot entscheiden. Entscheiden sie dagegen und kommt ein weiteres von Kies beauftragtes Gutachten der Anlagenverwerter Karner & Dechow zu dem Ergebnis, dass eine Liquidierung weniger brächte als der Verkauf an Land und Schröcksnadel, könnten die Gläubiger sich schon am Montag dazu entschließen.

An den Hochkar-Einstieg von Schröcksnadel, zu dessen Gruppe derzeit sieben Skigebiete in Ober- und Niederösterreich, Tirol und Kärnten gehören, wäre „Presse“-Informationen zufolge ein weiterer Deal gekoppelt: Das Land würde sich mit 49 Prozent auch an den Ötscherliften in Lackenhof beteiligen, die schon jetzt Schröcksnadel gehören – die Mehrheit bliebe dort und am Hochkar ihm.

Auf einen Blick

Das Land Niederösterreich hat sich entschlossen, „strategische“ Beteiligungen an den Skigebieten Annaberg, St. Corona am Wechsel, Mönichkirchen sowie Semmering-Hirschenkogel, Hochkar und Lackenhof anzustreben. Die drei ersteren hat das Land bereits übernommen. Am Semmering wird im September über eine Minderheitsbeteiligung des Landes verhandelt, die Gläubiger des insolventen Hochkars entscheiden über einen Verkauf an das Land und die Schröcksnadel-Gruppe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2012)