Der österreichische Baukonzern Strabag baut die Tunnelröhre, mit der die kanadische Provinz Ontario die Energiegewinnung aus Wasserkraft forcieren will. Ein Milliardenprojekt.
Die Tunnelröhre ist gewaltig: zehn Kilometer lang mit einem Durchmesser von 12,7 Metern. Es ist warm in hundert Meter Tiefe im Felsgestein an den Niagarafällen. Die Lampen im Tunnel geben nur ein spärliches Licht. Bernhard Mitis, Ingenieur des österreichischen Baukonzerns Strabag, ist zufrieden. „Wir sind im Zeitplan. In einem Jahr wird durch diesen Tunnel Wasser zur Stromerzeugung fließen.“ In der Ferne tauchen aus dem Dunkel Scheinwerfer auf. Langsam kommen sie näher, werden größer. „Schoolbus“ steht auf dem gelben Fahrzeug. Aber es transportiert keine Schüler, sondern Arbeiter. Schichtwechsel im Tunnel an den Niagarafällen.
Der Busfahrer winkt freundlich, während er Richtung Tunnelausgang fährt. Bernhard Mitis grüßt zurück. „Pro Sekunde werden durch den Tunnel 500 Kubikmeter Wasser schießen. Dafür garantieren wir durch den Vertrag“, erklärt der 36 Jahre alte österreichische Ingenieur. Er trägt einen Schutzhelm mit einer auffallenden Flaggenkombination: Die rot-weiße kanadische Fahne mit dem Ahornblatt geht in die rot-weiß-rote Flagge Österreichs über.
Seit Ende 2007 lebt Mitis in der Niagararegion. Er ist Bauleiter des Milliardenprojekts, für das die Strabag den Zuschlag bekam: Im Auftrag der Provinz Ontario und des Stromerzeugers Ontario Power Generation einen Tunnel zu bauen, der oberhalb der Niagarafälle Wasser des Niagaraflusses aufnimmt und es um die Fälle herum und unter der Stadt Niagara Falls zum Sir Adam Beck-Kraftwerk leitet. Die Wassermenge soll pro Jahr 1,6 Milliarden Kilowatt- oder 1600 Gigawattstunden Energie liefern und den Strombedarf von 160.000 Haushalten decken.
Für Ontario, die bevölkerungsreichste kanadische Provinz, die aus der Stromversorgung aus Kohle aussteigen will, ist dies ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur „grünen, sauberen Energieversorgung“, sagt Ontario Power Generation (OPG) und spricht zugleich von einem „Monstertunnel“: Menge und Geschwindigkeit des Wasserdurchlaufs würden ein olympisches Schwimmbecken in wenigen Sekunden füllen. „Das Niagara-Tunnelprojekt ist ein Beispiel für den Umbau des Elektrizitätssystems Ontarios. Wir sichern damit eine saubere, moderne, verlässliche und kostengünstige Energieversorgung“, erklärt Ontarios Energieminister Chris Bentley.
Geregelte Wasserentnahme. Auf dem Niagara unterhalb der Wasserfälle nähert sich das Schiffchen „Maid of the Mist“ dem Hufeisenfall. Touristen in Regencapes blicken nach oben. Donnernd stürzen rund 2800 Kubikmeter Wasser pro Sekunde 55 Meter in die Tiefe. Seit Ende des 19.Jahrhunderts wird der Fluss, der die Grenze zwischen den USA und Kanada bildet, zur Stromerzeugung genutzt.
1950 regelten beide Staaten im Niagara-Vertrag die Wasserentnahme. Etwa zwei Drittel der Wassermenge dürfen abgeleitet werden, nachts mehr als am Tag. Genug Wasser soll über die Fälle fließen, damit Touristen aus aller Welt das Naturschauspiel erleben können. Bis zu 6000 Kubikmeter pro Sekunde stehen für Stromerzeugung in Ontario und im US-Staat New York bereit.
Bisher zweigt Kanada durch zwei Tunnel, die unter Niagara Falls verlaufen, etwa 1800 Kubikmeter pro Sekunde ab. Nun kommen 500 Kubikmeter hinzu.
Mitis steht im Einlaufschacht des Tunnels. Steil ragen Betonwände 20 Meter in die Höhe, darüber wölbt sich der blaue Himmel. Über diese Rampe wird das Wasser des Niagara in den Tunnel strömen. Der tiefste Punkt des Tunnels liegt 150 Meter unter der Erdoberfläche. „Der gesamte Wasserfluss erfolgt durch Schwerkraft und Höhenunterschied“, erläutert der Ingenieur. Zehn Kilometer flussabwärts wird das Wasser den Tunnel verlassen und die Wasserbecken des Kraftwerks speisen.
Vor acht Jahren schrieb die OPG das Projekt aus, im August 2005 erhielt die Strabag den Zuschlag. Als Kostenziel sind 985 Millionen Dollar für den Tunnel festgelegt – nach jetzigem Wechselkurs etwa 790 Mio. Euro –, die Gesamtkosten für OPG inklusive jener für den Umbau des Kraftwerks liegen bei 1,6 Milliarden Dollar (1,3 Mrd. Euro). Als Termin der Fertigstellung wurde Juni 2013 vereinbart. „Der Tunnel wird so gebaut, dass er 90 Jahre wartungsfrei betrieben werden kann“, erklärt Mitis. Ununterbrochen soll das Wasser fließen. Der Stromverkauf soll täglich einen Umsatz von 440.000 Dollar bringen.
Neben dem Einlaufschacht liegt der langsam verrostende Kopf einer riesigen Bohrmaschine. Es sind die Reste von „Big Becky“, der gigantischen, laut OPG weltweit größten Hartgestein-Tunnelbohrmaschine (TBM). Ihr Werk ist getan, der Tunnel ist gebohrt; am 13.Mai 2011 bejubelten Kanadier und Österreicher den Durchbruch.
Die Strabag-Experten um Projektleiter Ernst Gschnitzer hatten die Maschinenteile nach Niagara Falls gebracht und „Big Becky“ hier zusammengebaut. 150 Meter lang war die Maschine, sie wog mehr als 4000 Tonnen, der Bohrkopf hatte einen Durchmesser von 14,4 Metern. Während hundert Meter über ihr Touristen die Wasserfälle ansteuerten, fraß sich „Big Becky“ durch den Fels. „Direkt hinter der Bohrmaschine erfolgte die Stabilisierung des Gesteins mit Stahlmaschendraht, Stahlrippen, Bolzen und Spritzbeton“, schildert Mitis den Ablauf.
Jetzt wird der Tunnel weiter ausgebaut. Eine wasserdichte, nur wenige Millimeter dicke Membranfolie wird verlegt, darüber kommt eine weitere Zementschicht. Dies verringert den Durchmesser des Tunnels auf 12,7 Meter. „Wir müssen noch etwa drei Kilometer betonieren. Mitte November wollen wir damit fertig sein.“
Problem mit dem Gestein. Das größte Problem war die Gesteinsart. Nicht das ganz harte Gestein, sondern der Queenston shale, durch den sich „Big Becky“ über mehrere Kilometer durchbohren musste. Es ist ein weicheres Schiefergestein, das aufquellen und zur Ziegelproduktion verwendet werden kann. Die Sicherung des – wie Fachleute formulieren – „nachbrüchigen Gebirges“ war eine besondere Herausforderung. Durch die hohen Spannungen und anhaltenden Bewegungen im Gebirge kam es zweimal zu einem „fall of ground“: Mehrere Meter dicke Gesteinschichten stürzten von der Tunneldecke herab. „Es waren einige tausend Kubikmeter Gestein“, erinnert sich Mitis.
Gewaltige Gesteinsmengen zermalte „Big Becky“ auf ihrem 10,2 Kilometer langen Weg. Rund zwei Millionen Kubikmeter Geröll fielen durch die Bohrarbeiten an und wurden nahe des Auslaufschafts deponiert. Ein Teil des Schiefergesteins soll zur Ziegelproduktion verwendet werden. Der Rest wird begrünt. Die Gesteinsmengen sind gewaltig, „aber zum Skifahren sind die Hügel zu klein“, sagt der passionierte Skifahrer Mitis bedauernd.
Bis Juni nächsten Jahres ist noch viel zu tun. Die Innenverkleidung muss fertiggestellt werden, an Ein- und Auslaufschacht wird noch gearbeitet, die Elektroinstallationen müssen entfernt und der Tunnel, der fast doppelt so weit ist wie ein Straßentunnel, gespült werden.
450 Menschen arbeiten auf der Baustelle. Das Führungspersonal kommt vorwiegend aus Österreich, den Großteil der Belegschaft aber stellen Leute aus der näheren Umgebung. „Jedermann in Ontario kann auf dieses Projekt stolz sein. Strabag arbeitet überall auf der Welt. Wir sind immer wieder beeindruckt von der Qualitätsarbeit und der Arbeitshaltung der Arbeiter aus Ontario. Sie sind es, die dieses Projekt verwirklichen“, lobt Projektleiter Gschnitzer.
Bernhard Mitis richtet den Blick schon nach vorne. „Es ist eine interessante Erfahrung, aber meine Frau und ich wollen zurück in die Heimat“, sagt der gebürtige Salzburger, der in Ontario eigentlich nur eines vermisst, „richtige Berge“, auf denen seine fünf und zwei Jahre alten Kinder Skifahren lernen können. Einige Strabag-Ingenieure bleiben in Kanada. Der Konzern hat bereits einen Folgeauftrag: Für 290 Millionen Dollar baut er einen 15 Kilometer langen Abwasserstollen im Raum Toronto. Mit 3,6 Meter Durchmesser ist er viel kleiner als der Niagara-Tunnel. Nichts für „Big Becky“. Sie hat ausgedient.
Das Riesenprojekt
Das Projekt
Es wird ein Tunnel gebaut, der oberhalb der Niagarafälle Wasser des Niagaraflusses aufnimmt und um die Fälle herum zu einem Kraftwerk leitet.
Die Kosten
Als Ziel sind 985 Millionen Dollar (790 Millionen Euro) festgelegt. Mit dem erforderlichen Umbau des Kraftwerks werden sich die Kosten auf rund 1,6 Milliarden Dollar summieren.
Der Zeitplan
Die Fertigstellung ist mit Juni 2013 avisiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)