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Gesunde Nahrung: Der große Bioirrtum

Symbolbild
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Biologisch produzierte Nahrung hat laut einer aktuellen Studie der US-Universität Stanford praktisch keine gesundheitlichen Vorteile. Dennoch gibt es eine Reihe von guten Gründen, zu Biolebensmitteln zu greifen.

Wien. Forscher der renommierten US-Universität Stanford haben 237 Studien über Biolebensmittel genau unter die Lupe genommen und kamen zu dem Ergebnis, dass es für die Gesundheit kaum Unterschiede zu Nahrungsmitteln aus konventioneller Landwirtschaft gibt. Damit werden frühere große Studien, etwa eine britische aus dem Jahr 2009, bestätigt.

1 Gibt es Unterschiede zwischen Bio- und konventioneller Produktion?

Beim Gehalt an Nährstoffen und Vitaminen besteht kein grundsätzlicher Unterschied. Viel wichtiger als bio oder konventionell sind laut Studienautorin Dena Bravata unterschiedliche Produktionsmethoden, Wetterbedingungen oder der Reifegrad. Keine Unterschiede zwischen bio und konventionell gab es auch bei der Belastung mit gefährlichen Bakterien.

In einigen Details gibt es aber Unterschiede: Bioprodukte enthalten seltener Rückstände von Pflanzenschutzmitteln; bei konventionell gehaltenen Tieren kommen mehr antibiotikaresistente Bakterien vor, die schwer behandelbare Infektionen auslösen können; der Phosphorgehalt ist bei bio höher (was für Menschen mit Mangelerscheinungen positiv ist); und bei Biomilch wurde ein höherer Gehalt der gesunden Omega-3-Fettsäuren gemessen.

2 Wie umfassend ist die aktuelle Studie?

Analysiert wurden praktisch nur die Lebensmittel selbst. Es gibt kaum aussagekräftige Studien, wie sich eine unterschiedliche Ernährung langfristig auf die Gesundheit auswirkt. Das lässt sich nur schwer untersuchen, da es kaum Menschen gibt, die sich ausschließlich bio ernähren – und wenn, dann ist auch ihr Speisezettel anders zusammengesetzt. Keine wissenschaftlich gesicherten Aussagen kann man derzeit über Auswirkungen auf Kinder machen.

3 Woher kommt dann die Meinung, dass bio gesünder sei?

Kein seriöser Wissenschaftler – und auch die wenigsten Umweltgruppen – haben jemals behauptet, dass Biolebensmittel per se gesünder sind. Dennoch ist das Hauptmotiv der Konsumenten zum Kauf von Bioprodukten laut einer AMA-Umfrage „gesunde Ernährung“ (gefolgt von „keine Chemie“, „besserer Geschmack“ und „bessere Qualität/Kontrolle“). Erklärt wird die Diskrepanz dadurch, dass die Lebensmittelwerbung sehr gern mit idyllischen Bildern einer intakten Umwelt spielt – und viele Menschen (fälschlicherweise) „Natur“ mit „gesund“ gleichsetzen.

4 Haben Biolebensmittel abseits der Gesundheit dennoch Vorteile?

Es gibt viele gute Gründe, zu Produkten aus biologischer Wirtschaftsweise zu greifen. So ist bei ihnen garantiert, dass keine gentechnisch veränderten Pflanzen zum Einsatz kommen, die Standards in der Tierhaltung sind höher. Auch die Umwelt wird geschont: Herkömmliche Landwirtschaft verbraucht viel Energie – etwa für Maschinen oder synthetische Düngemittel – und Wasser, zudem werden die Böden stark belastet. Typischerweise – aber nicht zwingend – sind Biolebensmittel regionaler Herkunft, sie werden also nicht so weit transportiert.

Viele Konsumenten sind außerdem überzeugt, dass Biolebensmittel besser schmecken. Geschmack ist immer subjektiv, doch zum Beispiel bei Milch oder Obst gibt es objektive Sensoriktests, die das bestätigen.

5 Wie groß ist die wirtschaftliche Bedeutung von Biolebensmitteln?

Das Segment wird immer größer – und zwar weltweit. In den USA ist der Biomarkt im Vorjahr um zwölf Prozent gewachsen, in Deutschland um neun Prozent. Europaweit werden mit Biolebensmitteln derzeit 19,6 Milliarden Euro umgesetzt. Der Marktanteil ist in Österreich mit sechs Prozent einer der höchsten weltweit, die Pro-Kopf-Ausgaben dafür sind z. B. mehr als doppelt so hoch als in Frankreich.

Biolebensmittel sind deutlich teurer. Landwirte können daher höhere Erlöse erzielen, der Ertrag pro Hektar ist aber um bis zu ein Drittel niedriger. Die mehrjährige Umstellungszeit ist für die Bauern eine Durststrecke. Zum Ausgleich bekommen sie in Österreich höhere Förderungen. Eine Steigerung des Bioanteils ist erklärtes Ziel der heimischen Agrarpolitik. Diese Spezialisierung hat wirtschaftlich durchaus Sinn, wie die steigenden Exportzahlen etwa bei Biomilch belegen.

Lexikon

Biologische Landwirtschaft ist ein Überbegriff für verschiedene möglichst naturschonende Produktionsmethoden, die auf chemische Düngemittel und (weitgehend) auf Pestizide verzichten. Ein Hauptziel ist der langfristige Aufbau von Humus im Boden, dadurch steigt die Fruchtbarkeit – und CO2 wird gebunden. Bei weiterverarbeiteten Bioprodukten sind viele Zusatzstoffe verboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)