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Strache, Vilimsky und die Hakennase: Erschütternd ungebildet

Die Entgleisung der beiden FPÖ-Politiker wirft auch ein trübes Licht auf die darniederliegende Antisemitismusforschung.

Die Zweite Republik entstand und versteht sich als Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich. Antisemitismus, der einen integralen Aspekt der Nazi-Diktatur gebildet hat, ist in diesem Kontext nicht nur eine verwerfliche Haltung, sondern rüttelt an den Grundfesten der österreichischen Gesellschaft.

Dieser Zusammenhang mag FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache irgendwie einleuchten. Darum verwahrt er sich in der Öffentlichkeit, mit Antisemitismus in Verbindung gebracht zu werden.

 

Schamloser HC Strache

Wie im Fall der antisemitischen Karikatur auf seiner Website deutlich wird, tut er dies trotz gegensätzlicher Faktenlage. Strache kommt dabei zugute, dass er keine Scham kennt, sich als unwissend und ignorant zu positionieren. Die Unfähigkeit, Offensichtliches zu erkennen und Augenfälliges wahrzunehmen, ist sein politisches Signum.

Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, dass Symbole, Zeichen, Codes oder Embleme polysemantisch sind. Sie können unterschiedlich gedeutet werden, wobei immer eine subjektive Lesart mitschwingt. Wenn Strache oder auch sein Generalsekretär Harald Vilimsky in der Hakennase nichts Antisemitisches erkennt, dann legitimieren sie ihre Interpretation implizit mit dieser Vieldeutigkeit.

Allerdings – und das ist der Haken dabei – kommt Symbolen oftmals eine normative Geltung zu, oder es gibt einen gesellschaftlichen Konsens über deren Bedeutung. Dadurch versperren sie sich einer individuellen Auslegung. Ein negatives Vorrangzeichen auf der Straße kann beispielsweise nicht eigenmächtig als eine Aufforderung zum Beschleunigen umgedeutet werden.

Ähnlich ist es mit den Merkmalen einer antisemitischen Karikatur. Sie sind wiederholt erforscht worden, darüber wird in den Schulen gelehrt, und selbst eine gewöhnliche Zeitungslektüre macht die Leserschaft mit entsprechenden Codes vertraut. Deren Kenntnis ist Teil des kulturellen Grundwissens, auf dem die demokratische Verfasstheit der österreichischen Gesellschaft fußt.

 

Fremde im eigenen Land

Wenn Strache und Vilimsky trotzdem vorgeben, eine Hakennase nicht deuten zu können, muss man ihnen bescheinigen, in erschreckender Weise ungebildet zu sein. Sie stellen sich damit außerhalb jener gesellschaftlichen Übereinkunft, die das Zusammenleben der Menschen im Land leitet.

Anders als viele Flüchtlinge und Immigranten weigern sie sich, am gesellschaftlichen Grundkonsens teilzuhaben. Sie sind Fremde im eigenen Land. Straches Hinweis, dass seine jüdischen und israelischen Freunde seine Sichtweise teilen, entlasten ihn nicht im Geringsten. Selbst wenn Antisemiten es nicht glauben wollen: Es gibt auch dumme Juden.

 

Das Versagen der Forschung

Was im Umfeld der Entgleisung von Strache und Vilimsky auffällt, das ist die schwache bis fehlende Reaktion der über Antisemitismus Forschenden. Das hat nicht zuletzt wohl damit zu tun, dass die Antisemitismusforschung im Argen liegt. Seit geraumer Zeit schon scheint sich deren Tätigkeit in der Kompilation antisemitischer Vorgänge zu erschöpfen.

Aber wenn die Forschung nicht vorgibt, wie auf den alltäglichen Antisemitismus reagiert werden kann, fällt auch die gesellschaftliche Vermittlung entsprechender Strategien durch Wissensmultiplikatoren aus. Damit wird zu jener gesellschaftlichen Apathie beigetragen, in der Strache und seine Hintermänner gedeihen.

Klaus Hödl ist Historiker am Centrum für Jüdische Studien an der Universität Graz.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2012)