Wolfgang Pucher, nominiert als "Österreicher des Jahres - Kategorie "Humanitäres".
Ein älterer, vom Leben gezeichneter Mann sitzt auf der Bank, trinkt und raucht. Ein klassischer Sandler, der unter einer Brücke schläft, könnte man meinen. Doch der Mann hat eine dauerhafte Bleibe. Sein Zuhause ist das Vinzidorf in Graz-St. Leonhard und seine Bank befindet sich auf dem "Hauptplatz" des Dorfes.
Zu verdanken hat der ältere Mann seinen Wohnsitz dem Pfarrer der Grazer St. Vinzenz-Kirche, Wolfgang Pucher. Er gründete im Jahr 1993 das inzwischen aus 26 Baucontainern bestehende Dorf für rund 40 alkoholkranke Obdachlose, die keine andere Einrichtung haben wollte. Hier im Vinzidorf dürfen sie wohnen, ohne dem Alkohol abschwören zu müssen. Jeder Mensch könne so bleiben wie er will, betont Pucher. "Und wenn er schreien will, dann soll er halt schreien." Hier würden Menschen wohnen, die mit ihrem Leben eigentlich schon abgeschlossen hatten. Die Leute seien Behinderte und müssten auch als solche behandelt werden. Aber irgendetwas mache trotzdem jeder Bewohner zum Gemeinwohl: So habe einer der Ex-Obdachlosen etwa immer die Zigarettenkippen der anderen aufgehoben.
"Hässliche Arme", nennt Pucher die Bewohner seines Dorfes. Leute, für die sich die Gesellschaft kaum interessiert. Für die "schönen Armen", die das Idealbild des Bedürftigen verkörpern, hätten die Menschen mehr Mitleid, meint Pucher. Das seien Personen, die ohne eigene Schuld in Not gerieten und sich selbst bescheiden und zurückhaltend geben. Doch bereits als junger Pfarrer erkannte der 1939 geborene Pucher, dass auch den "hässlichen Armen" geholfen werden müsse. Als er etwa 30 Jahre alt war, erfuhr er kurz vor Weihnachten von der fürchterlichen, eiskalten Wohnstätte eines Mannes. Mit Hilfe einer Zeitung startete er einen Spendenaufruf für ihn. Doch die Aktion wurde kurzerhand abgebrochen, als sich herausstellte, dass der Mann einst kriminell war. Da habe er eines erkannt, erzählt Pucher. "Unter den Armen der Welt gibt es eine ewige Trennlinie."
Das Angebot, das Pucher für die "hässlichen Armen" parat hat, geht über das bloße Vinzidorf hinaus. Gleich angrenzend findet sich etwa die Vinzimed, eine eigene Krankenstube für die Bewohner des Dorfes. Das sei wichtig, erklärt Pucher, denn sonst würden die Dorfbewohner zu keinem Arzt gehen. Sogar eine eigene Abteilung am Friedhof hat das Vinzidorf bereits. Hier werde auch er mal begraben sein, betont Pucher.
Neben der Containersiedlung bietet Puchers Vinzenzgemeinschaft auch noch viele andere Hilfseinrichtungen an: Etwa das Vinzitel, dass als eine Art Hotel für kurzzeitig Obdachlose fungiert. Oder den Vinzibus, der seit 1991 täglich an drei Grazer Plätzen belegte Brote und Tee an Bedürftige verteilt.
Doch sein Engagement werde nicht von allen wohlwollend betrachtet, klagt Pucher. So habe er etwa für das Vinzidorf ursprünglich einen anderen Platz in Graz-Straßgang vorgesehen gehabt. Doch die Nachbarn hätten das Projekt mit Parolen wie "Nein zum Obdachlosenghetto" verhindert. Besonders schlimm blieb Pucher die damalige Bürgerversammlung in Erinnerung. "Ich habe keinen halben Satz sagen können, da haben 200 Leute schon gebrüllt", berichtet er. Pucher resignierte und gab das Projekt vor Ort auf. Lange habe er mit der Abneigung, die manche Leute gegen ihn haben, nicht umgehen können, erzählt Pucher. Doch dann habe er einen Spruch gelesen, der ihm nun hilft, die Proteste gegen sein Engagement zu verkraften: "Verdammt, wer sich der Verdammten annimmt."