"Hier werden nicht nur Autos repariert." Die Werkstatt in Wien-Floridsdorf ist ein sozialökonomischer Betrieb. Die meisten Mitarbeiter waren lange Zeit arbeitslos.
WIEN. "So ist das Leben", sagt Radomir Cabrillo und zuckt mit den Schultern. Keine Verbitterung, obwohl es jeder verstehen würde. Radomir Cabrillo erzählt seine Geschichte: "Ich war einmal ein reicher Mann."
Hier hat jeder seine Geschichte. Zwischen kaputten Autos, Ölwannen und Hebebühnen werden vor allem menschliche Schicksale repariert. Dabei ist es auf den ersten Blick eine ganz normale Kfz-Werkstatt. "Die Werkstatt" in der Hofherr-Schrantz-Gasse in Wien-Floridsdorf ist mehr. "Das hier ist ein sozialökonomischer Betrieb", sagt Rene Zehner. Er ist der Betriebsleiter. Zehner ist Sozialarbeiter. In der Werkstatt werden 21 Langzeitarbeitslose ausgebildet.
Seit knapp einem Jahr werden Autos und Motorräder repariert. Die Arbeiter haben 12 Monate lang Zeit, einen neuen Anfang zu schaffen. Vier von zehn Leuten haben bisher den Wiedereinstieg in die normale Berufswelt geschafft. "Kein schlechter Schnitt", meint Zehner.
Radomir Cabrillo hat einen Ölfleck am Kinn. "Es war der 17. November 1966." Damals war er 20 Jahre alt und vernarrt in Autos. Cabrillo verließ seine Heimatstadt Sarajewo, um in Wien solange zu arbeiten, bis er sich auch einen Opel leisten kann. So wie der Nachbarssohn, der damals Gastarbeiter in Deutschland war.
Er blieb bis 1983. "Dann ging ich nach Sarajewo zurück, um bei den olympischen Winterspielen mitzumachen." Cabrillo gründete eine Baufirma. Hatte eigene Lastwagen und Baugeräte. Das Geschäft ging blendend. "Ich war ein reicher Mann in Sarajewo."
Susanne Krammer ist auch reich: An Schicksalschlägen. Bis 1996 verlief ihr Leben völlig unspektakulär. Familie, Kind, 16 Jahre in der selben Firma als Sekretärin. Dann kündigte sie, weil sie es satt hatte, immer das Gleiche zu tun. Sie wollte einen neuen Job, mehr vom Leben. Sie bekam mehr, als sie vertragen konnte.
Scheidung, Schulden, Depressionen. "Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich keinen Job mehr bekomme", erinnert die 43-Jährige sich zurück. Irgendwann hat man ihr die Fernwärme abgedreht. Irgendwann bestand die Telefonrechnung vor allem aus Mahnspesen. "Und dann haben sie mich in die Baumgartner Höhe eingeliefert. In die Psychiatrie."
"Wir sind bei Rechnung Nummer 840", sagt Zehner. Jeden Tag haben wir etwa fünf Autos zu reparieren. Natürlich kann die Werkstatt nicht gewinnbringend arbeiten. Eine Mill. Euro kostet der Betrieb jedes Jahr. Drei Viertel finanziert das Arbeitsmarktservice. Ein Viertel muss die Werkstatt selber erwirtschaften. Neben zwei Meistern und Vorarbeitern arbeitet in der Werkstatt auch eine Sozialarbeiterin.
Was ist anders? "Früher hab ich solche Leute rausgeschmissen", erzählt Herbert Barries - der Werkmeister. Früher hat er in einem "normalen" Unternehmen gearbeitet. Wer nicht gespurt hat, wurde gefeuert. "Früher hatte ich mehr Stress mit den Kunden, jetzt hab ich mehr Stress mit den Mitarbeitern", meint Barries und lächelt gutmütig. Und die Kunden? "Kunden wie in jeder anderen Werkstätte auch", sagt Zehner. "Wir haben sogar einen Großkunden", betont er und zeigt auf ein gelbes Mofa. "Die Post bringt allen was", steht hinten auf dem Gepäckträger. Zumindest die Post im Weinviertel lässt hier reparieren.
"Für die Kunden sind wir eine günstige Werkstatt. Dafür dauert die Reparatur einen Tag länger", sagt Zehner. Die Mitarbeiter seien zumindest anfangs nicht sehr belastbar. "Hier gibt es Leute, die seit zehn Jahren keinen Job mehr gemacht haben."
"Der Krieg ist gekommen." Radomir Cabrillo hat alles verloren. Am 9. Mai 1990 war er wieder in Wien. Ein Flüchtling. Wieder von vorne anfangen - als Mechaniker. "Wenn du acht Jahre bei einer Firma arbeitest, bekommst du die Staatsbürgerschaft", erzählt er. Er schaffte nur sieben Jahre und neun Monate. Voriges Jahr wurde er gekündigt. "Ich habe meinen Chef angefleht."
Ab wann fangen die Leute hier an, sich einen neuen Job zu suchen? "Die Arbeitssuche beginnt ab dem ersten Tag", sagt Zehner. "Ich sag den Leuten: Gewöhn dich gar nicht an das Leben bei uns."