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Das Leben nachstellen

Dem Schicksal ein Schnipp- chen schlagen: Martin Suters packender „Zeitroman“.

Maßgeschneiderte Anzüge und Schuhe in gedeckten Farben, das Hemd weiß, die Haare dunkel und mit Gel in Form gebracht. Die Fotos von Martin Suter passen ins Bild, das man sich von ihm macht: ein in den Interviews freundlicher Schriftsteller, der glatt wirkt und sich schwer in die Karten schauen lässt. Sein Outfit wird fast schon zur Uniform, vielleicht sogar zur Rüstung. Suter hatte es mit dem Feuilleton immer schon schwer. Vor einiger Zeit zerzauste ihn auch noch die Wochenzeitung „Die Zeit“ und suchte ihn als Trivialautor zu desavouieren. Das könnte weh tun. So es Martin Suter nicht einfach egal ist.

Die Verkaufszahlen seiner Romane sprechen ohnehin eine ganz andere Sprache. Ist der Titel seines jüngsten Romans vielleicht doch ein kleiner Seitenhieb auf den Schmähartikel? Könnte schon sein. „Die Zeit, die Zeit“ heißt der Band, der ziemlich selbstbewusst daherkommt. Die Zeit – was ist das für ein Stoff, welch philosophisch undurchdringbares und zugleich faszinierendes Konstrukt?

Suter holt ein großes Thema auf den Boden zurück. Peter Thaler ist Witwer, seine Frau wurde ohne offensichtliches Motiv vor der gemeinsamen Wohnung erschossen. Für den Ehemann bricht die Welt zusammen, der Radius seiner Bewegungen wird kleiner, der Blick aus seinem Fenster zur allabendlichen Dauerbeschäftigung. Umso mehr irritiert es ihn,als er feststellt, dass sich im gegenüberliegenden Haus merkwürdige Dinge zutragen. Alte Bäume werden gegen jüngere ausgetauscht, Rabatte neu vermessen und Blumenstöcke millimetergenau neu in die Erde gepflanzt.


Ein Rennen gegen die Zeit

Knupp, sein Nachbar, startet gerade ein Experiment, wie sich herausstellt: Er will den Todestag seiner verstorbenen Frau nachstellen und Haus, Garten und Straße wieder in jenen Zustand zurückversetzen, in dem sie damals waren. Auf diese Weise möchte er dem Schicksal ein Schnippchen schlagen und das Ableben seiner Frau ungeschehen machen. Knuppholt Thaler an Bord seines Versuchs. Die zwei Männer tun sich zusammen, eine Tour de Force beginnt, ein Rennen gegen die Zeit, in deren Verlauf sich die beiden ziemlich tief ins Verbrechen verstricken.

Martin Suter gelingt es, einem ziemlich absurden und auch spröden Stoff einiges an Spannung abzugewinnen und seine Leser mit immer neuen Volten bei der Stange zu halten. Manchmal kracht's im Getriebe. Suter muss dann doch ordentlich herumschrauben, um sein Gefährt sicher über die Ziellinie zu bringen. Und doch: Man bleibt ihm auf den Fersen und fühlt sich gut unterhalten – besser als in manchem seiner letzten Romane, denen man den Fließbandcharakter ihrer Entstehung anmerkte.

Der Band wird die Bestsellerlisten nach oben kraxeln, Suter wird sich weitere Immobilien kaufen, auch neue Anzüge und Schuhe. Hört man ihn lachen? Seinen Lesern scheint's egal. Ihnen reichen die paar Stunden, da sie auf packende Weise aus dem Alltag weggetragen werden. Und was die Zeit bringt, wird sich ohnehin weisen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)