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Nicht zu nahe kommen!

In „Indigo“ scheint der Name Clemens Setz gleich zweimal auf: auf dem Umschlag als Autor und im Roman als eher unsympa-thische Hauptfigur, um die sich wilde Gerüchte ranken – eine Science-Fiction der Gegenwart.

Ein Favorit für den DeutschenBuchpreis: „Indigo“, der neue Roman von Clemens J. Setz. Zweimal ist der junge Grazer Autor schon an der Auszeichnung vorbeigeschrammt. Mit dem umfangreichen Roman „Die Frequenzen“ (2009) ebenso wie mit demErzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kinds“ (2011). In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die in ihrem Feuilleton auch nicht besser wird, stand vor einigen Wochen zu lesen, dass es sich bei dem Autor „um den Nachfolger von Daniel Kehlmann als Wunderkind der österreichischen Literatur“ handle. Eine Art Wunder ereignet sich auch in „Indigo“, denn hier tritt Setz, der in Graz Mathematik und Germanistik studiert hat, gleich zweimal auf: als Autor und als gleichnamige Hauptfigur.

Der Clemens Setz aus dem Buch, Mathematiklehrer an einem Institut Helianau in der Nähe von Graz, ist eine unsichere Figur. Vermutlich handelt es sich bei ihm sogar um einen brutalen Mörder, zumindest geht das Gerücht, dass er einem Menschen die Haut abgezogen haben soll. Von sich selbst sagt jener Clemens Setz, dass er Schriftsteller werden will. Aber nicht nur irgendeiner, sondern gleich der bedeutendste überhaupt. Diese Art von Unbescheidenheit nimmt das volle Risiko des Scheiterns. Dass das Buch „Indigo“ anders sein will als die anderen, merkt man ihm schon auf den ersten Blick an, denn es handelt sich bei ihm, auch wenn der Verlag es zwischen zwei schöne Deckel gebunden hat, zunächst um nichts anderes als einen Packen Papier. Verschiedene Schriftarten kommen zum Einsatz, um die disparaten Herkunftsorte der Materialien auszuweisen. Ab und zu finden sich im Text handschriftliche Notizen oder Abbildungen, die zur Erklärung beigefügt sind und dem Ganzen einen authentischen Eindruck verleihen. Als Leser bekommt manes hier nicht mit einem einheitlich zurückgerichteten Ganzen zu tun, nein: Man wühlt sich quasi durch das Material und stellt Verbindungen und Zusammenhänge selbstständig her.

Einiges indes sollte man über das Buch wissen. Etwa, was unter dem titelgebenden „Indigo“ zu verstehen ist. Hierbei handelt es sich um eine fiktive Krankheit, von der fast nur Kinder betroffen sind. Irgendwann im Übergang zum Erwachsenenalter verflüchtigen sich die Anzeichen. Die Anstalt Helianau, in der der Clemens Setz im Buch kurz seinen Dienst tut, ist ein spezielles Heim für solche Kinder und Jugendliche. Wer ihnen zu nahe kommt, hat bald mit Symptomen zu kämpfen: Übelkeit, Kopfweh, Erbrechen bis hin zum vollständigen Zusammenbruch.

Auf die Dauer ist es völlig unmöglich, Indigo-Kranken zu nahe zu sein. Einige „Dingos“, wie man sie abfällig nennt, sie sich aber auch selbst bezeichnen, stellt uns Setz hier näher vor. Bis zur richtigen Diagnose war es für viele von ihnen samt ihren Angehörigen eine lange Leidensgeschichte. In der Anstalt werden dann die teils Ultrasensibeln auch zu Objekten der Forschung. Wunderbar ist etwa der freie Tanz, den das Ensemble der Indigos im Hof aufführt. Eine interne Regelung der Distanzen liegt hier vor, die jedem einzelnen gerade noch bekömmlich ist, geleitet von einem unergründlich sanften und mathematisch exakten Gesetz.

Den Begriff des Indigo-Kindes kennt man aus der heutigen Esoterik-Szene. Dort bezeichnet man mit ihm Kinder mit besonderen psychischen und spirituellen Fähigkeiten. Deren Aura wurde von der amerikanischen Seherin und Therapeutin Nancy Ann Tappe als indigoblau bestimmt. Nahezu 100 Prozent der unter Zehnjährigen (und ich nehme an, in den entwickelten Ländern) sollen heute schon eine solch indigoblaue Aura haben, und schon wird davon gesprochen, dass hier eine neue Form von Menschen heranwächst, die ein Versprechen auf eine neue, andere und bessere Zukunft ist. Ein bisschen dient die Rede vom Indigo-Kind wohl aber auch als Trost für geplagte Eltern besonders aktiver Sprösslinge. So wird Indigo in der Fachliteratur da und dort auch für eine Umschreibung des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms gehalten.

Das Buch von Clemens J. Setz bezieht sich auf solche Realitäten indirekt, erzählerisch schafft es andere Evidenzen. Beispielsweise wird in einer Vielzahl einschlägiger Zitate aus Werken der Literatur und Kulturgeschichte der Beweis geführt, dass es das, was der Autor unter Indigo versteht, immer schon gegeben haben muss: Menschen, deren unmittelbare Nähe anderen unerträglich ist. Immer wieder sind es Geschichten der Einsamkeit, die Setz auf diese Weise erzählt und die er in den verschiedensten Bereichen findet. Als Bildspender besonders angetan haben es ihm dabei die Tiere und die Mathematik. Nur an wenigen Stellen werdendie Geschichten, aus denen Setz seine Bedeutsamkeiten baut, so richtig altklug: Eine Abbildung des Apfelmännchens beispielsweise hätte das Buch nicht gebraucht.

Mit zur Spannung, die „Indigo“ schon nach wenigen Seiten entfaltet, gehört, dass manche Indigo-Kinder aus dem Heim auf seltsame Art und Weise verschwinden. Der fiktive Clemens Setz gerät ganz in den Sog dieses Rätsels. Ferner sind die Lebensgeschichten der Indigo-Kinder auf vielfache Art ineinander verflochten. Auf eine letzte Erzählerinstanz indes, die die Zusammenhänge offenbart, warten man vergebens.

In seinen Details ist das Buch ungemein präzise, und die Figuren erwachen in ihm zu realem Leben. Wenn man will, kann man mit ihnen mitfühlen, -leiden und -zittern. Auf einer übergeordneten Ebene aber bleibt in „Indigo“ vieles vage und ungefähr. Das ist gut so, vor allem dann, wenn es um die Fragegeht, inwiefern diese Menschen als typische Phänomene ihrer Zeit zu verstehen sind. Dass Setz, wie es sich für einen bedeutenden Autor gehört, dort hinwill, wird in „Indigo“ offenkundig. Eine Science-Fiction der Gegenwart legt er mit diesem Buch vor.

An einer Stelle des Textes begreift eine der Figuren sich selbst und ihresgleichen als ein „Endprodukt“. Offen bleibt, wovon und wozu. Bei vielen Geschichten, die der Autor in dem Buch erzählt (und Setz ist ein exzellenter Geschichtenerzähler), fragt man sich, ob das wirklich wahr sein kann. Letztlich geht eine tiefe Verunsicherung durch den Text. „Irgendetwas“, so bringt es der Autor auf den Punkt, „stimmt mit uns nicht, wir sind nicht ganz richtig in der Welt.“ Ein wohltuendes Ende hingegen verspricht der Klappentext und beschreitet damit ganz neue Wege des Marketings. Das Buch, wird verkündet, sei „erholsam wie eine gute Massage. Hinterher spüren Sie jeden Muskel.“ Lesen als Wellness – das wäre fast schon wieder eine Geschichte für Clemens Setz. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)