Der Grüne Alexander Van der Bellen wurde am Freitag als neuer Gemeinderat angelobt. Uni-Beauftragter bleibt er bis auf Weiteres. Vor der Angelobung räumte der 68-Jährige durchaus Nervosität ein.
Wien. Der grüne Ex-Bundessprecher Alexander Van der Bellen ist am Freitag in der ersten Sitzung des Wiener Gemeinderats nach der Sommerpause angelobt worden. Bereits vor der Angelobung ergriff er das Wort: „Ich hoffe, dass wir einigermaßen miteinander auskommen“, wünschte er sich. Zum Start in der Kommunalpolitik gab es einen Blumenstrauß von Klubobmann David Ellensohn und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou. Zu den Gratulanten zählten auch Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) und Johann Gudenus, Klubobmann der Freiheitlichen.
Der frühere Nationalratsabgeordnete hatte sich bei der Wahl 2010 auf Platz eins der Landesliste vorgeschoben, blieb aber trotzdem im Parlament. Nun will er diesen, wie er selbst sagt, „Makel“ korrigieren. Van der Bellen folgt auf Sigrid Pilz, die zur Wiener Patientenanwältin bestellt wurde.
Abgesehen von seinem künftigen Schwerpunktthema, dem Wissenschaftsbereich, hegt der Wirtschaftsprofessor besonderes Interesse für Fragen der Zuwanderung, Ausländerfeindlichkeit und des Antisemitismus. „Themen, die im weiteren Kontext unter Provinzialismus fallen“, so der Neo-Mandatar. In seiner ersten fünfminütigen Rede ging er neben persönlichen Worten auf den Fall jenes Rabbiners ein, der vergangene Woche auf dem Schwedenplatz durch Fußballfans beschimpft worden war. Er fragte sich, wie er wohl reagieren würde, würde er mit einem Hitlergruß behelligt werden.
„Es ist kein Witz. Es ist mit Sicherheit kein Kavaliersdelikt“, verurteilte er den Angriff. Kritik gab es auch für die Polizisten, denen vorgeworfen wird, nicht eingeschritten zu sein – mit dem Argument, dass Fußballzeit sei, aber: „Es war nicht im Hanappi-Stadion. Und der Rabbiner hat auch kein Foul begangen. Er ging spazieren.“ Durch Antisemitismus entstehe ein Schaden für Wien: „Man macht so etwas nicht.“
Nichtraucher nach 50 Jahren
Vor der Angelobung räumte der 68-Jährige durchaus Nervosität ein. Auf die Beruhigungszigarette verzichtete er allerdings. Der passionierte Raucher hat nämlich vor Kurzem dem Glimmstängel abgeschworen, nachdem er an einem Seminar teilgenommen hatte, „in dem mir mein Suchtverhalten deutlich vor Augen geführt wurde“.
Zu ständig höheren Dosen zu greifen, während gleichzeitig die Wirkung immer stärker nachlässt, stoße „natürlich irgendwann an seine natürlichen Grenzen“. Ihm sei schließlich klar geworden, dass die Zigarette „kein Freund und Partner ist, sondern ein an mir relativ uninteressierter Transporteur von Gift“. Allerdings habe er für diesen Schritt 50 Jahre gebraucht, in denen er zuletzt bis zu zwei Schachteln am Tag geraucht habe. Dennoch: „Für Anti-Raucher-Kampagnen werde ich mich nicht einspannen lassen.“
Erfolglose Nachfolgersuche
Offen ist im Übrigen immer noch, ob Van der Bellen den für ihn geschaffenen Posten des städtischen Uni-Beauftragten – anders als ursprünglich angekündigt – weiter ausüben wird. Die Nachfolgersuche war bisher ohne Erfolg, soll aber bis zum Herbst abgeschlossen sein. Andernfalls: „Entweder es gibt dann einen Nachfolger oder es gibt keinen – dann bin ich das selbst.“
Eine Job Description hat er für Interessierte, die doch in seine Fußstapfen treten wollen, bereit: „Man braucht jemanden, der sich für Grundlagen- und angewandte Forschung interessiert. Bereit ist, entsprechende Energie dafür aufzuwenden und der diese Aufgabe ehrenamtlich macht.“ Vor allem das Ehrenamt sei es, das die mögliche Kandidatenliste „drastisch einschränkt“.
Einmal mehr beschäftigte auch die Ausweitung des Parkpickerl das Stadtparlament. Die ÖVP brachte im Anschluss an einen verbalen Schlagabtausch einen Neuwahlantrag ein. SPÖ und Grüne stimmten erwartungsgemäß gegen den Antrag, der dadurch abgelehnt wurde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)