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Sylvie Schenk: Sprengladung Literatur

Sylvie Schenk Sprengladung Literatur
(c) Picus Verlag
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Sylvie Schenk hebt in ihrem Roman das Leben eines Lehrers aus den Angeln. Ein Buch über Bücher und die Konsequenz von Worten.

Es ist nur ein kurzer Text, den Erik Jansen seinen Schülern zur Interpretation gibt, aber er wird seine geordnete Existenz aufwirbeln wie der Wind ein Blatt Papier: die Parabel „Der Aufbruch“ von Franz Kafka, tags zuvor „flott im Internet herausgepickt“. Erik Jansen, ein engagierter Deutschlehrer an einer Aachener Privatschule, erwartet brave Interpretationen mit jenen analytischen Werkzeugen, die er seinen Schülern in den Stunden zuvor in die Hand gelegt hat. Doch die Hausaufgabe seiner Schülerin Johanna – dem ersten Aufsatz folgen weitere, immer persönlichere Briefe – fällt aus diesem Rahmen, wirft existenzielle Fragen auf: Zunächst geht es um die Berechtigung des literarischen Kanons, dann um Befreiung aus Zwängen, schließlich um die Möglichkeit des Ausbruchs Johannas und Eriks. Den wohlgeordneten Jansen überfordert die Radikalität der Fragen seiner Schülerin, auch ihre sexuelle Provokation, er versucht sich aus der Affäre zu winden. Erfolglos: Johanna schießt ihn von der Schule. Der Roman schildert die Ereignisse im Rückblick, als Jansen – arbeitslos und verlassen – sich auf einer Gruppenreise durch Jordanien befindet: sein eigener Aufbruch im Kleinen.

Schenk, die drei gelungene Romane bei Picus veröffentlicht hat, schildert ihre Protagonisten psychologisch meisterhaft. Ist Erik Jansen nur ein feiger Lehrer, der die Implikationen der von ihm so geachteten Worte nicht begreift? Hat seine Schülerin in ihrem Ungestüm recht? Schwer zu sagen. Aber umso spannender zu lesen. som

 

Sylvie Schenk: „Der Aufbruch des Erik Jansen“, Picus, 168 Seiten, 19,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)