Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Cornelia Vospernik: Die Kunst, richtige Worte zu finden

Cornelia Vospernik Kunst richtige
(c) Kremayr & Scheriau
  • Drucken

Cornelia Vospernik legt mit ihrem Romandebüt "Genosse Wang fragt" einen China-Roman vor, der in die Alltagsphilosophie des Reichs der Mitte einführt.

Fragen zu stellen gilt seit Sokrates als Gradmesser für eigenständiges Denken. Auch in der chinesischen Philosophie werden Fragen gestellt, etwa in den „Lun yu“, den „Analekten“, jenen Schriften, die von Konfuzius' Schülern aufgezeichnet wurden: Der Schüler fragt, der Meister antwortet. Nach diesem Muster funktionieren auch Pressekonferenzen und Interviews: Journalist fragt, Politiker antwortet, bloß dass in China Frage und Antwort im Vorfeld mit dem Propagandaministerium ausgemacht werden.

Cornelia Vospernik, langjährige Korrespondentin des ORF im Reich der Mitte, hat diese Farce sicher oft erlebt. Treffend schildert sie die seltsamen Rituale rund um Pressekonferenzen, die verschiedenen Strategien der Journalisten, Karriere zu machen oder auch nur zu überleben, und nicht in den Verdacht zu geraten, ein Agent des Westens zu sein.

Einer dieser vor Angst gelähmten Sprachrohrjournalisten ist Genosse Wang, der für die Zeitung „Volksblatt“ schreibt. Bis er eines Tages beschließt, doch eine echte, eine kritische Frage zu stellen. Er will den Justizminister fragen, warum in China für so viele Delikte die Todesstrafe verhängt wird und warum man die wahren Zahlen nicht erfährt. Minutiös bereitet er sich auf die Pressekonferenz vor, sucht nach der perfekten Formulierung für die Frage. Er findet sie nicht und – er stellt die Frage nicht.

An der Unmöglichkeit, die Dinge korrekt zu benennen, verzweifelt Wang nicht nur, sondern wird beinahe wahnsinnig. Das erinnert ansatzweise an Robert M. Pirsigs „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“, in dem der Icherzähler darum ringt herauszufinden, was Qualität sei. In Vosperniks Roman wird das Verrücktwerden allerdings nur hingestellt, nicht geschildert, sodass es schwerfällt, sich in Wang wirklich hineinzufühlen.

Der Gewissenskonflikt in Sachen Berufsethos ist nicht sein einziger. Seine Frau verlässt den Journalisten und wieder ist er unfähig, sich zu äußern, die richtigen Worte zu finden, das Richtige zu tun. Seine Sehnsucht richtet sich auf Genossin Zhang, die Sekretärin, die ihm heißes Wasser für seinen Tee nachschenkt. Er glaubt sich ihrer jedoch nicht würdig und so beschränken sich seine erotischen Abenteuer darauf, an der Kollegin zu schnüffeln, wenn sie an ihm vorbeischwebt.

Taoistisches Nichthandeln. Um Genossin Zhang aus seinen Gedanken zu bannen, übt sich Wang in taoistischem Wu wei, dem Nichthandeln, Nichtwollen, Nicht-darüber-Nachdenken. Hier präsentiert Vospernik einen prototypisch chinesischen Lösungsansatz für ein allgemein menschliches Problem: Was tun, wenn die Liebe möglicherweise nicht erwidert wird?

Während es aber im Taoismus genau diese Selbstentäußerung, dieser Verzicht auf einen Eigenwillen ist, der die Menschen im Zustand der Harmonie erhält, fühlt sich Wang wie erstarrt. Hat er sich vom Dao entfernt, sich zu sehr den westlichen Vorstellungen von Individualität und Eigenverantwortung angenähert? Schließlich steht schon im Daodejing: „Die von alters her tüchtig waren im Walten nach dem Sinn, taten es nicht durch Aufklärung des Volkes, sondern dadurch, dass sie das Volk töricht hielten.“ Vospernik zeigt, wie sich die kommunistische Führung dieser überlieferten Ideen wie auch jener der konfuzianischen Tugenden des Edlen bedient, um die Menschen im Zaum zu halten, Widerstand im Keim zu ersticken. Zum anderen lässt sie Wang aber erkennen, dass sich auch das europäische Denken nicht so einfach chinesischen Verhältnissen überstülpen lässt. Die Fragen, die westliche Journalisten stellen – etwa die nach 20 Verschütteten in einem Bergwerk – erscheinen ihm irrelevant – China hätte andere, dringendere Probleme.

Der Roman behandelt große Themen. Nicht ganz geglückt ist Vospernik dabei, die auch in China so sehr erstrebte Mitte zu finden. Manche Bilder werden zu stark, bis zur Redundanz ausgewalzt, anderes bleibt fragmentarisch. Allerdings: Schon der Große Vorsitzende, um ein Zitat zu strapazieren, das auch von Vospernik in ihrem Roman zitiert wird, rief seine Landsleute dazu auf, durch schwimmen das Schwimmen zu lernen.

Cornelia Vospernik: Genosse Wang fragt. Krehmayr & Scheriau, 190 Seiten, 22 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)