Donau-Auen: Zurück zu natürlichen Ufern

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DonauAuen Zurueck natuerlichen Ufern(c) APA/KOVACS (KOVACS)
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Im Nationalpark Donau-Auen soll durch Uferumbau, Anbindung von Altarmen und vielem mehr der Natur und der Schifffahrt geholfen werden.

Schwapp – und fast wäre das Schlauchboot weg gewesen! Gerade noch konnte Martin Gerzabek, Rektor der Boku, hinspringen, um es zu sichern. Sonst wäre auch die Gruppe von Besuchern ein „Opfer“ des Twin City Liners geworden – nicht nur junge Fische, wie das seit der Einführung der Schnellbootstrecke zwischen Wien und Bratislava Naturschützer beklagen. Denn die hohe Geschwindigkeit des Schnellkatamarans (bis zu 69 km/h) verursacht einen fünfmal so hohen Wellenschlag wie andere Schiffe.

Am Donnerstag war eine Gruppe von Journalisten gemeinsam mit Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle gerade ans Ufer gegenüber von Hainburg gepaddelt, wo man den Ausführungen von Nationalpark-Direktor Carl Manzano lauschte, als der hohe Wellenschlag das im Schotter ruhende Boot fast wieder zurück in die Donau katapultierte. Wenn solche Kräfte wirken, kann man sich vorstellen, wie junge Fische, die bevorzugt in Ufernähe strömungsgeschützte Abschnitte suchen, mit den Wellen ans Land und an Steine geworfen werden.

„Es kommt zu massiven Verlusten von Fischlarven, die ja nur ein, zwei Zentimeter groß sind“, erklärt Manzano. Das neue Projekt, das er mit seinen Kollegen an diesem sonnigen Tag präsentierte, hat auch zum Ziel, die Kinderstube der Fische besser zu schützen: „Flussbauliches Gesamtprojekt: Donau östlich von Wien“ heißt das Großvorhaben (das 2006 eingereicht, 2009 positiv beurteilt, aber bisher nicht genehmigt wurde) – initiiert von der „via donau“, die seit 2005 die Erhaltung und Entwicklung der Wasserstraße Donau managt.


Umsetzung noch heuer. Ab Herbst 2012 wird nun ein Teil dieses Projekts als „Pilotversuch Bad Deutsch-Altenburg“ gestartet, die Hälfte der 14 Millionen Euro kommen aus der EU. Weltweit erstmals sollen hier eine ganze Reihe von Maßnahmen zugleich umgesetzt werden, die sowohl der Natur guttun als auch die Standards für die Schifffahrt verbessern sollen. Die für Besucher auffälligste Änderung wird sein, dass auf dem drei Kilometer langen Uferbereich des Pilotprojektes der „Steinwurf“ entfernt wird. Das sind die typischen Uferbefestigungen aus großen Steinen, die das Wasser der Donau in fixe Bahnen lenken. „Wir haben in einem anderen Abschnitt bereits 2006 diese ,lebensfeindliche‘ Struktur entfernt. Schauen Sie, was sich getan hat“, sagt Manzano. Um 30 bis 40 Meter ist die Donau bei Hainburg breiter geworden, das Ufer bietet Kies und geschützte Abschnitte für die Brut von Fischen und Ufervögeln. Die Verbreiterung des Flusslaufes wird als Schutz gegen Hochwasser angesehen und es verringert sich die Strömungsgeschwindigkeit. Außerdem werden die Buhnen, das sind Querbauwerke, die das Wasser in die Schifffahrtsrinne zusammendrängen, von gerade auf „Kipferlform“ umgebaut, die das Wasser zwar chaotischer, aber ökologisch wirksamer fließen lassen. „Das Gute am Nationalpark ist: Es fallen Interessen wie Grundbesitz weg, man kann schnell und großzügig arbeiten“, sagt Manzano.

Doch genau das bringt sein Team in eine paradoxe Situation: Für die Durchführung der Umbauten müssen Bagger auffahren, es wird eine riesige Baustelle. Und alles im Zeichen des Naturschutzes? „Freilich steckt hier Geld vom Infrastrukturministerium drin, trotzdem ist der Inhalt ökologisch“, erklärt Manzano. Neben der Rückführung vom künstlichen zum natürlichen Ufer werden Altarme der Donau, die bei Niedrigwasser austrocknen, wieder ganzjährig an den Hauptfluss angebunden. Auch das verschafft Fischen und Vögeln Refugien zur Aufzucht der Kinder und bringt wieder die Dynamik in die Au, die für dieses Ökosystem so wichtig ist.

„Wir wollen das Chaos“ sagt Manzano. Rektor Gerzabek, der selbst in den Donau-Auen geforscht hat, legt aktuelle Ergebnisse vor: „Die Dynamik hält den Boden jung: Messungen ergaben, dass im Nationalpark das Alter des Boden zwischen 30 und 3000 Jahren schwankt. Doch die wesentlichen Bodeneigenschaften entwickeln sich nur zu Beginn in den ersten 150 bis 200 Jahren. Danach tut sich nix mehr.“

Es braucht also jungen, gut gemischten Boden, damit er als CO2-Senke wirken und organischen Phosphor und andere wichtige Pflanzennährstoffe aufnehmen kann. „Die Geschwindigkeit, mit der die Au Kohlenstoff speichert, übersteigt alle bisher gemessenen Ökosysteme“, so Gerzabek. „Daher ist die Dynamik wichtig. Immerhin sind nur mehr an einem Bruchteil der Donau Erosion und Ablagerung möglich, im Vergleich zur Ursprungssituation vor der Regulierung.“ Im Promille-Bereich liegt der Anteil der Uferabschnitte, die eine natürliche Dynamik zulassen.


Erosion der Sohle. Früher lag das Durchschnittsalter der Böden bei 80 bis 90 Jahren, heute bei über 200 Jahren. „Dadurch kommt es zu einer dramatischen Kohlenstoffabnahme in den Böden“, sagt Gerzabek. Um dem entgegenzuwirken sollen im Großprojekt 40 Prozent des Ufers unterhalb von Wien „entsteint“ und renaturiert werden.

Im Gegensatz zum Ufer werden auf dem Grund der Donau die Steine vom Menschen nicht entfernt, sondern hinzugefügt. Denn die Sohlenerosion ist ein großes Problem, jährlich werden bis zu 400.000 Kubikmeter Kies mit der Strömung weggetragen. Man hört selbst im Paddelboot das Rauschen vom Kies, den die Donau „mitnimmt“. Derzeit ist ein durchschnittlicher Stein des Donauschotters 26 Millimeter groß: Durch die Zugabe von 40 bis 70 mm großen Steinen soll sich der Geschiebetransport auf ein Zehntel reduzieren. Die Steine würden sich nur 300 Meter statt drei Kilometer pro Jahr bewegen. Das macht die Sohlenstabilisierung bewältigbar: Dann muss nur mehr ein Zehntel der aktuellen Massen an Schotter in die Donau geschüttet werden, um den Wasserstand für die Schifffahrt hoch genug zu halten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)

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