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Chinas Wirtschaft geht die Luft aus

Chinas Wirtschaft geht Luft
(c) AP (Ng Han Guan)
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In China wächst die Industrie so langsam wie seit drei Jahren nicht. Wegen steigender Inflation bleiben der Regierung immer weniger Werkzeuge zum Gegensteuern.

Peking/Wladiwostok/Ag. Neben dem schuldengeplagten Europa und den USA, die nicht von ihrer hohen Arbeitslosenrate herunterkommen, tut sich eine weitere Baustelle der Weltwirtschaft auf: China. Lange wurde mit dem Aufschwung in Fernost die Hoffnung verknüpft, die Konjunkturlokomotive China könne auch der westlichen Wirtschaft wieder auf die Sprünge helfen. Neueste Zahlen lassen aber daran zweifeln. Im August wuchs die Industrieproduktion so langsam wie seit Mai 2009 nicht. Damit verlor sie deutlicher an Fahrt, als viele Experten erwartet hatten. Auch der Rückgang der Erzeugerpreise überraschte am Sonntag die Beobachter.

Im vergangenen Monat verlangsamte sich das Produktionswachstum auf 8,9 Prozent, die Prognose der Volkswirte lag im Schnitt bei 9,1 Prozent. Im Juli lag das Wachstum noch bei 9,2 Prozent. Die Erzeugerpreise – das sind jene Preise, die für Industriegüter bezahlt werden – fielen derweil den sechsten Monat in Folge. Während Analysten mit einem Rückgang von 3,3 Prozent im August gerechnet hatten, fielen sie um 3,5 Prozent.

Trotz allem stieg im August die Inflationsrate wieder an – von 1,8 auf 2,0 Prozent im Jahresvergleich. Das ist vor allem für China zwar ein niedriger Wert. Dennoch dürfte der Anstieg im August die Zentralbank davon abhalten, die Zinsen noch weiter zu senken. Schon im Juni und Juli hatte sie den Leitzins auf zuletzt 6,0 Prozent gesenkt. Zudem wurden seit November die Mindestreserven für die Banken dreimal gekappt, womit die Kreditvergabe der Banken angekurbelt werden sollte.

Acuh die Exporte Chinas wachsen geringer als erwartete. Im August konnte die Volksrepublik die für ihre Wirtschaft zentralen Verkäufe ins Ausland nicht so stark steigern wie erwartet. Die Ausfuhren stiegen um 2,7 Prozent, wie aus am Montag veröffentlichten Statistiken hervorging. Die Prognose lag bei drei Prozent. Die Importe fielen sogar überraschend um 2,6 Prozent, wie aus den Daten weiter hervorging. Hier war ein Plus von 3,5 Prozent erwartet worden.

 

124 Mrd. Euro für Infrastruktur

Zwar deuten die jüngsten Statistiken noch nicht auf eine „harte Landung“ hin, die einige Ökonomen befürchten. Für Beunruhigung sorgt jedoch die Tatsache, dass die Regierung in Peking gegen die Abkühlung immer machtloser wirkt. „Man muss sich wirklich fragen, ob es die Regierung vermasselt“, sagte Alistair Thornton vom US-amerikanischen Analysehaus IHS der „Financial Times“. „Obwohl es in den vergangenen neun Monaten teilweise heftige Maßnahmen gab, hat sich die Konjunktur nicht wieder belebt.“ Zuletzt war ein Konjunkturpaket im Ausmaß von 124 Mrd. Euro geschnürt worden. Mit dem Geld sollen 60 Infrastrukturprojekte wie Autobahnen, Häfen und Flughäfen realisiert werden.

Auf dem asiatisch-pazifischen Wirtschaftsforum (Apec) im russischen Wladiwostok verteidigte Chinas Präsident Hu Jintao am Wochenende seinen Kurs. „Wir werden die Binnennachfrage ankurbeln und ein stetiges und robustes Wachstum unterstützen ebenso wie die grundlegende Preisstabilität“, sagte er. Gleichzeitig versuchte er, die anderen Gipfelteilnehmer für ähnliche Maßnahmen zu gewinnen: „Regierungen sollten bei der Infrastruktur eine große Rolle spielen und die finanziellen Mittel dafür erhöhen.“ Die Auswirkungen der Finanzkrise seien noch längst nicht überwunden.

Die 21 teilnehmenden Länder des Apec-Treffens zeigten sich besorgt über die europäische Schuldenkrise. In ihrer Abschlusserklärung versprachen sie, sich mit stärkerem Wachstum gegen die Auswirkungen zu wappnen. „Wir sind entschlossen, gemeinsam zu arbeiten, um das Wachstum zu stützen und die Finanzstabilität zu fördern“, heißt es in der Erklärung. Konkrete Maßnahmen wurden jedoch nicht angekündigt.

 

Orientierung Richtung Asien

Die Apec-Nationen vereinen 40 Prozent der Weltbevölkerung und 54 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung auf sich. Gastgeber Wladimir Putin nutzte das Treffen, um Russland als Tor nach Asien zu empfehlen. Ebenso wie die USA versucht auch Russland, sich stärker auf die trotz allem noch wachsende Region zu konzentrieren – gerade in Zeiten schwachen Wachstums in Europa.

Beim Aufbau einer Freihandelszone in der Region konnten am Wochenende jedoch keine Fortschritte erzielt werden. Auch der Kampf um die Führungsrolle bleibt weiter ungeklärt.

Auf einen Blick

In China hat sich die Industrieproduktion im August unerwartet stark abgeschwächt. Gleichzeitig stieg die Inflationsrate leicht. Das gibt der Notenbank wenig Spielraum für Zinssenkungen. Überhaupt wirkt die Regierung in Peking angesichts der sich abkühlenden Wirtschaft immer machtloser. Jetzt versucht sie es mit neuen Infrastrukturprojekten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2012)