Die „Lange Nacht des Kabaretts“ vereint fünf heimische Kleinkünstler: Sprachwitz und verrückte Szenen des Landlebens ziehen sich wie ein roter Faden durch den abwechslungsreichen Abend.
Ein Potpourri aus Dialekten erwartet einen heuer bei der „Langen Nacht des Kabaretts“. Seit 15 Jahren existiert die Tradition, dass sich junge Kabarettisten zusammen tun, um gemeinsam die Kleinkunstbühnen und Wirtshäuser ganz Österreichs zu bereisen. Letztes Mal (2010) waren es drei Duos und ein Solokabarettist, diesmal sind es drei Solisten und ein Duo. Und es sind lauter Männer, letztes Mal hielten „Flüsterzweieck“ noch die Frauenquote hoch. 2012 strengen sich dafür Paul Pizzera, Didi Sommer, Wolfgang Feistritzer und das Duo BlöZinger an, nicht als „Buberlpartie“ rüber zu kommen. Das gelingt. Sie rocken von der ersten Minute an die Bühne: Zu fünft stehen sie mit dem Rücken zum Publikum, spielen live E-Gitarre und stellen sich zur Melodie von „We didn't start the fire“ mit „Wir san die Stars von heier“ vor.
Das Spiel mit der Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend: Egal, ob die Künstler Ausschnitte ihrer aktuellen Programme darbieten oder gemeinsam in neuen Sketches auftreten. Jeder Figur wird durch die Art, wie sie (meist Dialekt) spricht, ein ganz gewisser Stempel aufgedrückt. Es geht viel um das Leben am Land, von der selbstmörderischen Einöde eines Kärntner Bergdorfs (bei Feistritzer), über die kühle Stimmung beim Begräbnis in Oberösterreich (BlöZinger) und das Sudern, das die Mühlviertler anscheinend gut können (Sommer), bis zur völlig verrückten inzestuösen Familiengeschichte aus der Weststeiermark (Pizzera).
Sprachwissenschaftler hätten eine Freude damit, wie Paul Pizzera dabei von normaler steirischer Umgangssprache ins klare Hochdeutsch und gleich drauf in den ärgsten weststeirischen Dialekt verfällt. Beim Inhalt der Ausschnitte von „zu wahr, um schön zu sein“ hätten bei Pizzera jedoch Sozialwissenschaftler genug zu erarbeiten: Er singt (ähnlich wie Mike Supancic mit bekannten Melodien, bei denen man das Englische amüsant ins Steirische übertragen kann) von zerrütteten Familienverhältnissen mit lieblosen Eltern, Nazi-Oma, Wichser-Onkel und versteht am Ende nicht, warum ihn seine Freundin verlässt, nur weil er heimliche Videoaufnahmen von ihr auf youporn gestellt hat. Dass man bei all dem Graus aus dem Lachen kaum herauskommt, liegt am Charme und Feuer, das Pizzera mit seiner Gitarre versprüht.
Größte Freude hätten in der „Langen Nacht des Kabaretts“ auch Germanisten an Didi Sommer: Er stammt aus der Literaturszene, hat sich als Poetry-Slammer verdient gemacht und tourt nun als „Lesekabarettist“ mit seinem Programm „Du Sau“. Bei ihm merkt man, dass jedes Sprachspiel, jeder Betonungswechsel durchdacht und geprobt ist. Auf witzige Weise bringt er ein absurdes Feeling auf die Bühne, hebt sich auch im Outfit (rot-weiß-kariertes Hemd, Out-of-bed-Hairstyle und witziger Spitzbart) von den anderen ab und verwebt Dialektgedichte mit skurrilen Szenen aus dem mühlviertlerischem Alltag. Teils erinnert er dabei an den jungen Josef Hader, vor allem, wenn er vom Kunstdünger erzählt („I hab zehn von den blauen Kugerl gschafft, die andern Kinder hab'n schon nach fünfe gspieben“) oder sagt: „I kumm aus einer Gegend, wo die Leut net lachen und der Hass regiert. Aber wenigstens kumm i aus einer Gegend – und net aus der Stadt.“
Wolfgang Feistritzer hingegen zelebriert in den Ausschnitten aus „Kärnten. What else“ den Kärntner Dialekt: In Wien (Kabarett Niedermair) reicht allein das schon für reichlich Lacher – obwohl der Inhalt der Monologe eines Gemeindepolitikers und eines Lokalzeitungsreporters gar nicht zum Lachen wären: Korruption und Abschiebung von Asylantenkindern finden ebenso Erwähnung wie ein Lager zur Rückerziehung von jungen Kärntnern, die beim Studium in Wien so eigenartige Verhaltensweise angenommen haben, wie „Bitte“ und „Danke“ zu sagen. Das Lachen über das Übel der Kärntner Welt fällt einem leicht, wenn Feistritzer (geboren in Villach) die Situation analysiert – und dabei nicht im tiefen Eck des Villacher Faschings wühlt.
Die aus Linz stammenden BlöZinger (Robert BLÖchl und Roland PenZINGER) sind die einzigen Wiederholungstäter: Sie waren schon bei der letzten „Langen Nacht“ dabei. Praktisch, dass am 25. September ihr neues Programm „ERiCH“ startet (auch im Niedermair), denn so kommen die „Lange Nacht“-Besucher jetzt schon an Ausschnitte des Stücks rund um die Beerdigung von Vater Erich, bei dem sich die Brüder Simon und Jakob nach 20 Jahren wieder treffen. Auch sie schaffen es, aus einer bedrückenden Szenerie große Komik und Lacher herauszuholen. An ihnen hätten übrigens Cineasten eine Freude – in der kurzen Szene fanden sich schon zwei Referenzen auf bekannte Filme: Die Diskussion um das vom Vater vererbte Auto erinnert an „Rainman“, die Asche, die nach dem Krematorium nicht dort landet, wo sie hingehört, an „The Big Lebowski“.
Den mit Abstand größten Lacher entlockt übrigens Didi Sommer dem Publikum, wenn die fünf Künstler gemeinsam TV-Werbungen nachäffen und verhöhnen: „Wie ich in der Nachtschicht das erste Mal in die Friteuse rein gebrunzt hat. Das war mein McMoment!“ Fazit: Hohe Empfehlung für einen stimmigen Abend – der auch nach vier Stunden (die spielen wirklich so lange, wie Sie das wollen) nicht fad wird.