Der legendäre britische Träger Ark Royal wird dieser Tage von Portsmouth in die Türkei überstellt, wo er verschrottet wird – ein Symbol für den Abstieg der Royal Navy, das viele Briten empört.
Von hier aus stiegen „Harrier"-Jets auf, um marodierende serbische Truppen in den Balkankriegen der 1990er-Jahre zu bombardieren; von hier aus knatterten während der alliierten Irak-Invasion 2003 Hubschrauber mit Landungstruppen in den Südirak, und als im Frühjahr 2010 ein isländischer Vulkan Asche Richtung Europa spie und dort den Flugverkehr lahmlegte, brachte das Schiff Tausende auf dem Kontinent gestrandete Briten über den Kanal zurück nach England.
Doch nun endet alles auf einem Schrottplatz für Schiffe in der Türkei: Dort wird der Flugzeugträger „Ark Royal", einst Flaggschiff und der Stolz der Royal Navy, nämlich in Kürze verschrottet werden und etwa zu Konservendosen, Stahlträgern oder Büromöbeln verarbeitet.
Das 22.000-Tonnen-Schiff legte am Montag mit Hilfe von Schleppkähnen in der südenglischen Hafenstadt und Flottenbasis Portsmouth ab, vor den Augen Tausender Menschen, die vom Land oder von Booten aus zusahen und vielfach winkten. Zahlreiche frühere Crewmitglieder des 1985 in Dienst gestellten Trägers waren am Pier versammelt und trugen schwarze Armbänder wie bei einer Beerdigung. In Internetforen drückten Poster ihre Gefühle aus: „Ich spürte eine Mischung aus Trauer und Scham, als ich sah, wie man sie hinauszog", schrieb eine gewisse Elizabeth im Forum der „Daily Mail". „Das ist nicht mehr Großbritannien, die Regierung reißt der Royal Navy das Herz heraus."
Die „königliche Arche", die einst je nach Einsatzbedarf einen Mix aus zwölf bis 18 Harriers und vier bis zwölf Hubschraubern (insgesamt in der Regel maximal 24 Fluggeräte) trug, war nämlich im Frühjahr 2011 vom Dienst ausgeschieden worden - fünf Jahre früher als geplant, aber Britanniens Militär muss enorm sparen, was es seit 2010 vor allem bei der Navy tut. Das MoD gab zudem an, dass der Träger nach mehr als 25 Jahren und Fahrten auf allen Meeren in so üblem Zustand sei, dass sich eine Überholung nicht rentiert hätte: Man habe sich mit der Verschrottung, die im September des Vorjahres endgültig beschlossen worden war, mehr als 100 Millionen Pfund (125 Millionen Euro).
Nach der Ausmusterung wurde das 210 Meter lange und 32 Meter breite Schiff über eine Internetplattform für den Verkauf von Militärmaterial versteigert - und so erhielt die türkische Schiffsverschrottungsfirma „Leyal" den Zuschlag. Das Unternehmen, das in Aliağa nahe Izmir operiert, hatte laut MoD 2,9 Millionen Pfund (3,6 Millionen Euro) geboten - was natürlich nicht nach wahnsinnig viel klingt, hält man sich allein die Anschaffungskosten der Ark Royal vor Augen, die 1981 mit 320 Millionen Pfund beziffert wurden. Das waren 9,6 Milliarden Schilling, was auf Basis damaliger Kaufkraft ohne Einrechnung der Inflation heute etwa 700 Mio. Euro entspricht.
Doch kein Träger-Nachtklub in Hongkong.
Besonderen Ärger hatte in Großbritannien - und vor allem in Portsmouth, wo der Träger zuletzt ankerte - indes die Tatsache erregt, dass andere Bewerber um das Schiff unterlagen. Die wollten daraus etwa einen schwimmenden Hangar für zivile Hubschrauber („Heliport") vor London machen oder einen Nachtklub in Hongkong; andere schlugen den Umbau in ein Hospitalschiff für humanitäre Einsätze vor oder schlicht seine Versenkung vor der Küste, als Attraktion für Wracktaucher. Das MoD schied die Vorschläge als zu unsicher oder unangemessen aus.
Die Firma Leyal ist den Briten freilich bekannt: Das Anfang der 1980er gegründete Unternehmen, das mit seinen Umwelt- und Qualitätsmanagementzertifikaten wirbt, hat 2011 bereits den 2005 ausgemusterten Träger HMS „Invincible", ein Schwesterschiff der Ark Royal und Namensgeber der Invincible-Klasse, zerlegt und sein Metall in handliche, je etwa ein Meter lange Blöcke gegossen, die man an andere Firmen zur Weiterverarbeitung verkauft, etwa auch für Stahlträger und Kabel. Leyal will bisher mehr als 600 Schiffe zerlegt haben, vom Fischerboot über den Containerfrachter bis zum U-Boot; auch andere britische Kriegsschiffe, etwa die Zerstörer „Glasgow" und „Cardiff", waren dabei.
Niedergang der britischen Seemacht
Die Bilder der abgewrackten Invincible an der Küste der Türkei - einem Land, mit dem sich das Empire im Ersten Weltkrieg blutige Schlachten lieferte - haben viele Briten auch wegen ihres Symbolismus verstört: Sie stehen für den Niedergang der britischen Seemacht. Besaß die Royal Navy 1960 noch etwa 140 Zerstörer und Fregatten, sechs Kreuzer, neun Träger und um die 48 U-Boote, sind es heute nur noch 19 Zerstörer bzw. Fregatten, elf U-Boote und drei reine Hubschrauberträger bzw. amphibische Angriffsschiffe der „Albion"-Klasse mit maximal je 18 Helikoptern. Dazu kommt der Flugzeugträger „Illustrious", das letzte aktive Schiff der Invincible-Klasse. Die 1980 in Dienst gestellte Invincible focht übrigens 1982 bei der Rückeroberung der Falklandinseln im Südatlantik nach der argentinischen Okkupation im selben Jahr.
Die Illustrious soll 2014/15 ebenfalls ausscheiden, und: Sie und die Ark Royal haben seit längerem keine Flugzeuge mehr gesehen. Die Harrier-Staffeln wurden nämlich ab 2004 langsam aufgelöst, ebenfalls vor allem aus Kostengründen. Seit Ende 2010 hat die Royal Navy keine Kampfflugzeuge mehr, nur noch Hubschrauber, was für enorme Kritik nicht nur von Militärs sorgt, die zusehen, wie Seemächte wie Russland, Indien und China immer stärker werden.
Klein, aber...
Die Ark Royal war übrigens wie ihre beiden Schwestern kein besonders großer Flugzeugträger so wie etwa die „Supercarriers" der USA: Haben die bei einer Verdrängung von mehr als 80.000 Tonnen Platz für 80 bis 110 Flugzeuge und Hubschrauber, hatten die viel kleineren Britenschiffe der Invincible-Klasse Platz für ein Mix von nur zwei Dutzend Fluggeräten. Die letzte Air Group der Ark Royal bestand aus vier Harriers und zehn Helikoptern.
Erst um 2020 herum sollen die zwei neuen großen Flugzeugträger „Queen Elizabeth und „Prince of Wales" in Dienst gehen, bestückt mit je etwa 40 F-35 „Lightning II"-Kampfflugzeugen und Hubschraubern. Es steht aber schon jetzt fast fest, dass die Prince of Wales nur in eingemottetem Zustand betrieben und erst im Notfall aktiviert wird.
Die Ark Royal (einstige Besatzung etwa 1050 Mann samt Aircrews) war das fünfte Schiff mit diesem Namen. Das erste war eine Galeone, die 1588 als Flaggschiff des englischen Lord High Admirals Charles Howard of Effingham in der Schlacht gegen die Spanische Armada focht. Sie hatte etwa 55 Kanonen und ging 1636 nach einem Unfall in der Themse verloren. Die zweite Ark Royal war ein Träger für Wasserflugzeuge, der 1914 durch Umbau eines Frachters entstand und im Mittelmeer gegen die Türken zum Einsatz kam; später diente sie als Hilfsschiff und wurde 1944 ausgeschieden.
Legendäre Jagd auf die „Bismarck"
Berühmt wurde die dritte Ark Royal, obwohl sie nur eine kurze Karriere (1938-41) hatte. Sie bzw. ihre Flugzeuge griffen nicht nur italienische und Vichy-französische Kräfte im Mittelmeer an, vor allem starteten von hier jene „Swordfish"-Doppeldecker-Torpedobomber, die im Mai 1941 das gefürchtete deutsche Schlachtschiff „Bismarck" im Nordatlantik angriffen; ein Torpedo zerstörte das Ruder der Bismarck, die darauf kaum noch manövrierfähig war und von britischen Schiffen zusammengeschossen wurde. Im November 1941 wurde der Träger dann freilich vor Gibraltar von einem deutschen U-Boot versenkt.
Die vorletzte „königliche Arche" war erneut ein Träger, der von 1955-79 operierte und für bis zu 50 Fluggeräte (etwa „Sea Hawk"- und „Phantom"-Jets) ausgelegt war. Das technisch besonders fortschrittliche Schiff sah aber nie einen Kampfeinsatz; die spannendsten Vorfälle waren wohl, als im Jänner 1972 zwei „Buccaneer"-Bomber von ihm starteten und die damalige mittelamerikanische Kolonie Britisch-Honduras (heute Belize) demonstrativ überflogen, um durch Abschreckung eine drohende Invasion durch Guatemala zu verhindern. Zuvor war im November 1970 ein sowjetischer Zerstörer im Mittelmeer mit dem Träger kollidiert, es gab aber nur leichte Schäden.