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Bettina Wulff und die Maschine für modernen Rufmord

(c) Internet
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Bettina Wulff klagt den Konzern und löst eine Debatte aus. Verstärkt die automatische Hilfe bei der Sucheingabe die Dynamik der Verleumdung? Muss Google einschreiten? Oder führt das zu Zensur und Lobbymacht?

Für Don Basilio war die Verleumdung noch eine Naturgewalt: Wie sie als sanftes Lüftchen anhebt und sich zum verheerenden Gewitter steigert, schildert der heimtückische Musiklehrer im „Barbier von Sevilla“. Für heutige Zwecke müsste das Libretto von Rossinis Oper umgeschrieben werden: Der böse Tratsch mag immer noch einen analog geflüsterten Ausgang nehmen. Seine zerstörerische Dynamik aber gewinnt er heute sehr oft im Internet. Genauer: bei Google. Ganz genau: durch die „Autocomplete“-Funktion, die findige Programmierer dort vor vier Jahren geschaffen haben.

Wie das funktioniert, klingt zunächst ganz harmlos: Sie geben einen Begriff ein. Netterweise versucht die schlaue Maschine, zu erraten, was Sie eigentlich wissen wollen. So bessert das System Tippfehler aus. Mehr noch: Schon nach wenigen eingetippten Buchstaben erscheinen am Bildschirm treffsichere Vorschläge für eine komplette Suchabfrage. Praktisch und unbedenklich?

 

Promis und Firmen als Opfer

Angenommen, Sie wollen wissen, was aus der attraktiven Gattin des deutschen Ex-Präsidenten Wulff geworden ist. Sie brauchen nur die beiden ersten Buchstaben ihres Vornamens eingeben, und schon wird der Vorschlag generiert: „bettina wulff prostituierte“. Google lockt auf eine Fährte, auf die Sie als wohlmeinender, bösen Gerüchten abholder Mensch sonst nie gekommen wären. Das Herzstück der digitalen Welt wird so zu einer zeitgemäßen Version der Latrine, auf der sich Gerüchte in Windeseile unter Soldaten aller Dienstgrade verbreiteten.

Frau Wulff ist in illustrer Gesellschaft. Ähnlich geht es dem Schauspieler Brad Pitt, dem die Schwarm-Pestilenz der digitalen Gerüchteküche nachsagt, er sei geheimes Mitglied der Scientology-Sekte. Oder Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Nationalelf mit Frau und Kind, bei dem die Komplettierung schon an dritter Stelle „schwul“ vorschlägt. Schwulsein ist o. k., beteuert der Fußballer, aber dass männliche Verehrer ihm vor seiner Haustür auflauern, nerve doch ziemlich. Ohne digital potenzierte Gerüchtebasis hätte Lahm solche Sorgen wohl nicht. Bettina Wulff hat nun beim Landgericht Hamburg den US-Konzern verklagt. Die Ex-First-Lady ist nicht die erste Deutsche, die ihren Ruf durch die Komplettierungsvorschläge der Suchmaschine mit ihren absurden 96 Prozent Marktanteil beschädigt sieht. Nicht immer geht es ums Privatleben von Prominenten. Für Unternehmen etwa kann es fatal sein, wenn ihr Name um die Begriffe „Betrug“, „Pleite“ oder „Abzocke“ ergänzt wird.

Doch schon fünf deutsche Klagen hat die Allmacht aus Kalifornien routiniert abgewehrt. Ihre Rechtfertigung hat die Richter überzeugt, juristisch wie technisch. Der juristische Teil: Der Großteil der Links, die ungewollte Abfragen wie „Bettina Wulff Escort“ liefern, ist völlig legal. Ganz oben in der Liste finden sich der Wikipedia-Eintrag, Artikel seriöser Medien und Verweise auf Wulffs neue Biografie, die sie ja liebend gerne bewirbt. Wichtiger ist der technische Aspekt: Der Algorithmus, den die Komplettierung anwendet, beruht im Wesentlichen auf der statistischen Häufigkeit der Anfragen aller User. Sprich: Nicht Google ist böse, sondern wir alle, die wir misstrauisch, neiderfüllt und neugierig eine Bestätigung für aufgeschnappte Verdächtigungen suchen.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Algorithmen, bei der Suche wie beim Komplettieren, sind wohl gehütete Geheimnisse, vergleichbar mit der Rezeptur von Coca-Cola. Aber an den Ergebnissen lässt sich einiges ablesen. Vor allem, dass sehr wohl Eingriffe stattfinden und schwarze Listen unerwünschter Begriffe und Kombinationen existieren. Ein so geläufiges Wort wie „Bombe“ etwa wird bei der Eingabe nicht komplettiert. Sicher: Die berüchtigte Suchanfrage „Wie bastle ich eine Bombe?“ liefert Ergebnisse. Aber immerhin will sich Google nicht nachsagen lassen, es helfe dem terroristischen Nachwuchs auch noch auf die Sprünge. Im Bereich der Kinderpornografie werden auch Ergebnisse nicht angezeigt.

Weniger den moralischen Prinzipien des „Don't be evil“-Konzerns, sondern eher dem Druck der Musik- und Filmindustrie ist zu verdanken, dass der Nutzer nicht mit der Nase auf illegale Download-Angebote stößt. In Frankreich erstritten Menschenrechtsorganisationen, dass bei vielen Prominenten nicht „Jude“ als Ergänzung vorgeschlagen wird. Ein Italiener und ein Japaner wollten ihre Namen nicht mehr mit Verbrechen verknüpft sehen – und setzten sich durch.

 

(K)eine neue Realität

Es wäre also vermutlich ein Leichtes, die schwarze Liste um ein paar Rotlicht-Termini im Gefolge von Bettina Wulff zu ergänzen. Nur: Was wäre damit gewonnen? Der Präzedenzfall würde zahllose gefühlt oder tatsächlich Rufgeschädigte ermuntern, es der tapferen Dame gleichzutun. Letztlich bliebe Google nichts anderes übrig, als die smarte Funktion, die Abfragen beschleunigt, wieder abzuschalten. Dank ihrer Lobbymacht auf Gerichte verzichten können große Unternehmen. Ihr Deal mit Google mag lauten: Wir werben nur dann auf eurer Plattform, wenn ihr uns unerwünschte Assoziationen und Konkurrenten vom Leib haltet. Noch weniger erfreulich ist die Vorstellung, dass sich Google zum Richter aufschwingt und als oberste Zensurbehörde manche Suchergebnisse unterdrückt und andere fördert.

Was hat es also auf sich mit Google? Bildet diese monopolistische Maschine die Wirklichkeit nur getreu ab? Oder schafft sie eine eigene Realität? Diese Grundsatzfrage von ontologischer Wucht ist ein gefundenes Fressen für die Hausblogger auf Spiegel Online. Google muss seinen Algorithmus offenlegen, fordert voller Misstrauen Sascha Lobo. Denn die digitale Öffentlichkeit habe ein Recht zu erfahren, wie dieses „merkwürdige Konstrukt“ zustande kommt, das „enorme Wirkung auf die Welt hat“. „Der Suchalgorithmus spiegelt die Interessen und das Verhalten der Nutzer wider“, konstatiert hingegen Jakob Augstein. Die Gefahr komme von außen, von Störfaktoren wie Frau Wulff: „Suchergebnisse zu verformen bedeutet, die Wirklichkeit zu verformen.“ Nach dieser Lesart schafft Google nur einen digitalisierten Dorfplatz, auf dem wir tuscheln wie eh und je. Und mitten unter uns, als gewohntes Risiko, weilt immer noch Don Basilio.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2012)