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Schachermaier: Rosskur für Rappelkopf

Michael Schachermaier spricht über das Freudianische bei Raimunds Stück "Alpenkönig und Menschenfeind", das er im Burgtheater inszeniert.

Sie sind 29 Jahre alt, als jüngster Regisseur auf der Hauptbühne des Burgtheaters inszenieren Sie Raimunds „Alpenkönig und Menschenfeind“. Fürchten Sie sich? Haben Sie gleich Ja gesagt?

Ich war in einem Schockzustand. Ich dachte: Um Gottes willen, das ist zum Scheitern verurteilt. In Wien weiß doch jeder, wie Ferdinand Raimund funktioniert. Als mir die Inszenierung angeboten worden ist, habe ich mir zuerst einmal eine Auszeit genommen. Ich habe das Stück gelesen und geschaut: Was macht das mit mir? Bei mir müssen sich da immer früh klare Bilder einstellen. Das Stück ist schön und wahnsinnig spooky zugleich.

Raimund war für viele lange Zeit Kitsch. An der Abtragung dieses Irrtums arbeiten sich die Theaterleute schon seit Jahrzehnten ab. Wie sehen Sie diesen Autor?

Raimund war zu seiner Zeit ein großer Bühnenvisionär. Er strebte ein Gesamtkunstwerk an. Er wollte, dass das Darstellerische, die Musik, Bühne, Kostüme, aus einem Guss sind. Dem muss man Rechnung tragen. Es gibt seitenweise Beschreibungen von Naturstimmungen, Morgenröte. Die Malerei hat sich damals stark entwickelt. Bildende und darstellerische Kunst beflügeln einander in diesem Werk. Man muss aber auch einen Weg finden zwischen Pathos und Realismus. In „Alpenkönig und Menschenfeind“ ist sehr vieles enthalten: Es gibt meisterliche Dialoge, das Stück ist eine Tragikomödie und ganz großes Musiktheater, aber auch ein Lust- und ein Zauberspiel. Es wirkt sehr barock, hat aber auch tiefenpsychologische Ansätze. Ich finde, manche Szenen im „Alpenkönig“ haben Shakespeare-Niveau.

Beim Menschenfeind ist es ja relativ klar, wer das ist. Aber wer ist der Alpenkönig, eine Allegorie, heute?

Der Menschenfeind klafft in seiner Identität. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie Raimund 1828 lange vor Freud diese Figur getroffen hat: Der Rappelkopf ist Buchhändler und Gutsbesitzer. Er liest philosophische Bücher, die ihm „den Kopf verdrehen“, wie es im Stück heißt – und die vielleicht seine Krise ausgelöst haben neben den wirtschaftlichen Problemen, die er hat. Er hat sein ökonomisches Zentrum verloren. Beim Alpenkönig ist es schwieriger. Wir haben beschlossen, uns einfach hinzustellen und zu sagen: Ja, es gibt ihn. Er ist die Naturgewalt an sich, der letzte seiner Art, fast ein Schamane, der in den Bergen lebt. Der Alpenkönig unterzieht Rappelkopf einer psychotherapeutischen Rosskur.

Glauben Sie an Schamanismus?

Ich habe mich damit privat nicht wirklich auseinandergesetzt, aber ich kann solchen Naturreligionen viel abgewinnen. Ich verstehe, dass einen der Kontakt zur Natur beflügelt. Ich bin in der Konzeptionsphase wahnsinnig viel im Salzkammergut wandern gegangen. Mein Bühnenbildner, Damian Hitz, ist ein Schweizer. Wir sind durch die Alpen getigert, um zu erforschen, was es bedeutet, in einem Tal, auf einem Berg zu stehen. Das war eine wunderschöne Reise, die wir zusammen gemacht haben.

Wird es in Ihrer Inszenierung Verfremdungen geben?

Ich verlagere dieses Stück sicher nicht krampfhaft ins Heute. Ich schieße auch nicht auf das Reclamheft und inszeniere dann das, was herunterbröselt. Wir zeigen den zerrissenen Menschen Rappelkopf in seiner Seelenlandschaft, dabei gehen wir einen abstrakten, nicht den naturalistischen Weg. Aber ich werde nicht das Stück schwänzen. Diese Aufführung wird vom Text her 100 Prozent Raimund sein. Ich habe nicht vor, da sinnlos Zusatzstoff hineinzupumpen.

Kürzen Sie den Text?

Wir arbeiten nach dem Pars-pro-Toto-Prinzip. Ich habe das Stück, ohne ihm Gewalt anzutun, sehr reduziert, eingedickt, die Aufführung wird nicht länger als zwei Stunden dauern. Es gibt z. B. nur zwei Dienerfiguren, Lieschen und Habakuk, die für den ganzen Haushalt Rappelkopfs stehen. Es gibt auch keine Alpengeister, sondern nur den Alpenkönig.

Wird es eine andere als die Originalmusik geben? Popmusik?

Die Musik stammt von Eva Jantschitsch alias Gustav. Sie hat für jede Figur ein Couplet geschrieben. Es wird ein sehr musikalischer Abend, und wir haben auch ein Orchester. Die Musik ist ein Weg, die Aufführung „moderner“, unter Anführungszeichen, zu gestalten, ohne dass man auf das Stück draufhaut.

Mit Cornelius Obonya als Rappelkopf und Johannes Krisch als Alpenkönig haben Sie eine tolle Besetzung, bei der eigentlich nichts schiefgehen kann, oder?

Das macht viel aus. Ich habe mit Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann gemeinsam eine Wunschbesetzung gefunden. Da kann man sich glücklich schätzen. Das Ganze ist ein ziemlicher logistischer Aufwand: Die Schauspieler, auch Regina Fritsch (sie spielt Rappelkopfs Ehefrau Sophie) und Johann Adam Oest (gibt Rappelkopfs Diener Habakuk), sind sehr gefragt. Sie sind Feuer und Flamme, keiner fragt mich, was willst du hier mit deinen 29 Jahren auf der großen Bühne. Alle sind sehr aufgeschlossen und finden es spannend, dieses oft gespielte Werk einmal abseits von Aufführungsgeschichte und Tradition darzubieten.

Am Ende von „Alpenkönig und Menschenfeind“ wird Rappelkopf geläutert. Alles geht gut aus. Glaubte Raimund an sein eigenes Besserungsstück? Glauben Sie daran?

Dem Schluss muss man sich vorsichtig annähern und sich fragen: Ist das wirklich ein großes Happy End? Ich glaube, dass Raimund selbst nicht an Besserung geglaubt hat. Aber prinzipiell kann man sagen, die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst kann wohltuend und heilsam sein in der Kommunikation mit anderen. Das solipsistische Sich-Zurückziehen von anderen Menschen ist kein Weg, um glücklich zu werden. Der Alpenkönig zwingt den Rappelkopf, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Er ist auch eine Art Mephistofigur und verkörpert das Lustprinzip.

Was hat Sie zum Theater gelockt? War das ein Zufall? Viele jüngere Leute wollen eher zum Film oder zum Fernsehen?

Es war kein Zufall, ich hatte von Anfang an diese Lust an der unmittelbaren Arbeit mit Menschen. Ich habe beim Film oder beim Fernsehen nichts gesehen, bei dem ich mir dachte, ich habe solche Möglichkeiten wie beim Theater. Nur im Theater kann ich auf diese Weise in meiner eigenen Fantasie suchen, Bilder und Geschichten erzählen. Theater ist ein Live-Erlebnis, es hat etwas ganz Haptisches, Sinnliches, Unmittelbares. Ich habe Theater-, Film-, Medien- und Kulturwissenschaften studiert, aber für das praktische Theaterhandwerk ist das im Grunde sekundär. Ich war mit 16 Jahren Regieassistent in Bad Ischl, wo ich aufgewachsen bin. Ich bin Betriebsdirektor bei den Salzburger Festspielen. Schwimmen lernst du beim Schwimmen. e