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Wie "Claustria" den Fall Fritzl (er)klären will

Claustria Fall Fritzl erklaeren
(c) EPA (HELMUT FOHRINGER/POOL)
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Der Franzose Régis Jauffret hat für "Claustria" in Österreich recherchiert. Sein Roman ist kaum voyeuristisch, dafür großmäulig und naiv. Das ist ein Witz, aber für Österreich nicht lustig.

Sein Buch habe in Österreich schon große Aufregung verursacht, erzählte Régis Jauffret im Frühjahr französischen Journalisten. Ein bisschen hat er da übertrieben, denn „Die Presse“ war die einzige Zeitung, die eine Rezension der im Jänner erschienenen Originalausgabe von „Claustria“ brachte. Jetzt, mit einem halben Jahr Verspätung und der deutschen Übersetzung in den Buchhandlungen, ist die vorprogrammierte Erregung da, inszeniert etwa vom Nachrichtenmagazin „News“, das in seiner dieswöchigen Ausgabe „Fritzl. Die Vertuschung“ titelt, „Ein Buch, das Österreich schockiert“ und „Ein französischer Autor ermittelt besser als unsere Behörden“.

Worum geht es in Jauffrets „Fritzl“-Roman, der Ort, Zeit und bis auf die Vornamen der Kinder und der Ehefrau auch die Namen von der Realität übernimmt? Der Autor wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven. Er imaginiert das Weiterleben der Familie – so wird etwa Fritzls eingekerkerte und vergewaltigte Tochter, die hier Angelika heißt, durch ihre Memoiren steinreich. Er schildert die Gefangenschaft aus Sicht der Tochter; ihre Gefühlspalette reicht von Apathie bis zu sexuellem Verlangen nach ihrem Peiniger. Und er bringt „Einblicke“ in das Innenleben von Fritzl und seinem Anwalt. Großen Raum nimmt schließlich die Schilderung der privaten Recherchen des Ich-Erzählers ein.

 

„Relativ normale Umstände“

Der Autor hat, wie der Erzähler, am Prozess teilgenommen, aber zudem mit Polizisten, Ermittlern und Journalisten gesprochen. Und auch wenn Jauffret, um seine Helfer und Informanten zu schützen, keine Auskunft darüber gibt – man könnte vermuten, dass er es ebenso wie der Erzähler geschafft hat, nachts in den Keller einzudringen. „Im Keller war eine Bräunungslampe, sie hatten eine gemütliche Küche, einen Rowenta-Mixer (...) Hätten nicht die Fenster gefehlt, könnte man sagen, es waren relativ normale Umstände“, sagte Jauffret im Februar in einem Interview mit der „Presse“. Und fügte hinzu: „Es wurde behauptet, der Keller sei schalldicht gewesen, das stimmt nicht.“ Ein Gutachten sei zum gegenteiligen Schluss gekommen, man habe Hilferufe hören können. Jauffret fragt sich: Wie konnte die Ehefrau, wie konnten die Nachbarn nichts wissen? Wollte man in Wirklichkeit nicht die Wahrheit finden, sondern nur den für das österreichische Image so katastrophalen Fall so rasch wie möglich ad acta legen?

Das kann man sich allerdings auch ohne den Roman fragen. Jauffret weiß auch nicht mehr als der Duisburger Anwalt Klaus Groth, der vor drei Jahren erfolglos Strafanzeige gegen Fritzls Frau erstattete, unter anderem mit Verweis auf das oben erwähnte Akustikgutachten. Obwohl die Werbung für den Roman auf die Wichtigkeit der Ermittlungen des Autors pocht und der Roman selbst das geradezu aufdringlich suggeriert, hat Jauffret nichts grundsätzlich Neues zu bieten. Angesichts der Tatsache, dass er nicht einmal Deutsch spricht, ist das auch nicht verwunderlich. Trotzdem leitet er aus seinem wenige Wochen dauernden Aufenthalt weitreichende Erkenntnisse ab.

 

„Die Nazi-Zeit nie aufgearbeitet“

Zu diesen gehört auch, dass „Inzest eine typisch österreichische Angelegenheit“ sei, und dass, wie er auch im „Presse“-Interview erklärte, das angebliche Wegschauen der Nachbarn wohl mit dem Faktum zu tun habe, dass Österreich „die Nazi-Zeit nie aufgearbeitet“, „sich nie entschuldigt“ habe. Die großmäulige, naive Ungeniertheit, mit der er die Literatur benutzt, um den Fall Fritzl zu erklären, ist der eigentliche Fehler des Romans. Im Übrigen ist „Claustria“ stilistisch mittelmäßig, psychologisch reicht er über Erwartbares nicht hinaus. Jauffret hat eine Begabung für die Darstellung von Abseitigem und Perversem, als Leser fühlt man sich davon zugleich abgestoßen und fasziniert. In vielen französischen Zeitungen wurde er dafür sehr gelobt, da war die Rede vom „Roman des Jahres 2012“, einem „schwindelerregenden Werk“ oder „höchster Meisterschaft“ beim Ausloten seelischer Abgründe. Auch als österreichisches Sittenbild wurde er gelesen. Es gab aber auch Unbehagen angesichts des Umgangs mit Realität und Fiktion.

Ein Österreicher hätte kaum ein solches Buch schreiben können, meinte ein Journalist. „Sofort wären Psychiater, Polizisten, Krankenschwestern, Nachbarn gekommen und hätten gesagt, so und so war es nicht.“ Stattdessen scheint der Roman in Österreich nun gerade recht zu kommen, um den Fall Fritzl auflagenwirksam wieder aufzuwärmen. Dass dieselben Journalisten, die Jauffret bescheinigen, „besser zu ermitteln als die Behörden“, jahrelang Zeit hatten, im Land selbst (und im Unterschied zu Jauffret mit passablen Deutschkenntnissen) nach der „Wahrheit“ zu suchen und sie einzufordern, kümmert nicht.

Von einem ein paar Wochen herumschnüffelnden Autor so vor der literarischen (internationalen) Öffentlichkeit vorgeführt zu werden: Das ist ein Witz, aber für Österreich ist er nicht lustig. „Claustria“ ist die gerechte Strafe für österreichische Behörden, Politiker und Journalisten.

Zum Autor

Régis Jauffret, geboren 1955 in Marseille, gilt als literarischer Spezialist für psychopathische und verbrecherische Existenzen. In „Histoire d'amour“ versetzte er sich in einen Verge-waltiger, in „Clémence Picot“ in eine Kindsmörderin. Sein Roman „Sévère“ behandelte die Ermordung des Bankiers Edouard Stern durch seine Geliebte. Sein Roman „Claustria“ ist im Jänner 2012 erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)