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Verteidigen wir doch das Recht, andere beleidigen zu dürfen!

Der skandalöse Film „Innocence of Muslims“ zeigt ziemlich eindrucksvoll, was die Europäer unter Meinungsfreiheit verstehen. Viel ist es nicht.

Irgendwie darf man heilfroh darüber sein, dass Hillary Clinton nicht Außenministerin der (noch imaginären) „Vereinigten Staaten von Europa“ ist, sondern jene der „Vereinigten Staaten von Amerika“. Nachdem nämlich in der libyschen Hafenstadt Bengasi ein aufgebrachter Mob dem Leben von US-Botschafter Christopher Stevens und drei seiner Mitarbeiter ein jähes Ende gesetzt hatte, weil ein aus den USA stammender Videoclip die Gefühle aller Muslime verletze, fragte Clinton: „Wie konnte das in einem Land geschehen, dem wir zur Befreiung verholfen hatten? In einer Stadt, die wir vor der Zerstörung bewahrt hatten?“

Die für Europa relevante Frage wäre freilich nicht, warum sich einige Libyer so undankbar gegenüber ihren Befreiern aus den USA zeigen. Interessant zu wissen wäre, wie es eigentlich möglich ist, dass nach dem Anschlag nicht reihenweise europäische Spitzenpolitiker und namhafte Intellektuelle aufgestanden sind, um das Recht auf Veröffentlichung des provokanten Anti-Islam-Streifens mit aller Vehemenz zu verteidigen.

In aufgeklärten Rechtsstaaten gibt es nämlich nicht nur den Schutz vor Diskriminierung, sondern auch so etwas wie ein geschütztes Recht, beleidigen zu dürfen. Es heißt zwar nicht so, sondern nennt sich Freiheit der Kunst oder Recht auf „Meinungsfreiheit“. In westlichen Zivilisationen kollidiert dieses Recht erst dann mit dem Respekt vor religiösen Gefühlen, wenn das die Gerichte so sehen.

Das scheint in Europa gern vergessen zu werden. Wäre der besagte Anti-Islam-Streifen also auf dem Gebiet der Europäischen Union gedreht worden, hätte sich die diplomatische Elite des Kontinents nicht lange mit Grundsatzfragen aufgehalten. Sie wäre umgehend zur Tat geschritten, um Abbitte für ihre etwas großzügige Auslegung des Rechts auf Meinungsfreiheit zu leisten.

So, wie das auch zu Beginn des Jahres 2006 der Fall war, als sich ganz Europa dafür entschuldigte, dass die dänische Zeitung „Jyllands Posten“ ihren Lesern zwölf Mohammed-Karikaturen vorgesetzt hatte. Ohne auch nur eine der Zeichnungen je zu Gesicht bekommen zu haben, setzten sich weltweit Millionen von Muslime in Bewegung, um gegen den Angriff auf ihre religiösen Gefühle zu protestieren und dänische Botschaften abzufackeln. Das politische Europa ließ – wie auch die Mehrheit der Medien – Verständnis für die spontanen Zornesausbrüche erkennen. Statt eine flächendeckende Veröffentlichung der Zeichnungen in ganz Europa einzufordern. Denn nur so hätten sich die Betrachter selbst ein Bild darüber machen können, wie geschmacklos oder harmlos die Karikaturen denn nun wirklich waren.

Auch heute werden die Gewalttäter in Europa verstanden. So kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“ den Mord an drei US-Diplomaten am gestrigen Freitag folgendermaßen: „Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt.“ Auf so etwas muss man erst einmal kommen. Das wäre so, als wäre man im Fall einer geglückten Ermordung von Salman Rushdie zu dem Schluss gekommen, dieser hätte sich ja wohl denken können, dass seine „Satanischen Verse“ bei seinen Glaubensbrüdern zu etwas radikaleren Reaktionen führen könnten.


Während man also in München die wahren Täter von Bengasi längst entlarvt hat, verkriecht sich das intellektuelle Europa hinter einer ästhetischen Debatte, indem die künstlerische Ausführung des Anti-Islam-Films besprochen wird. Als ob es da etwas zu besprechen gäbe. Der Film ist indiskutabel. Ästhetisch wie inhaltlich. Und die Sache wäre ja wohl nicht besser, wenn sich dahinter ein künstlerisches Meisterwerk versteckte, oder? Entscheidend ist nicht, ob der Streifen gut oder schlecht gemacht ist. Entscheidend ist, dass Europa zu Beginn des dritten Jahrtausends kaum eine Gelegenheit verstreichen lässt, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit einer höchst fragwürdigen politischen Korrektheit zu opfern. Oder wie schon Mark Twain sagte: „Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.“

Dabei war Mark Twain noch nicht mal Europäer. Sondern Amerikaner.

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)