Der Junge vom Dorf und das Oxford English Dictionary

Menschen aus bescheidenen Verhältnissen erhalten erstaunliche Lebensaufgaben. Was ist mein Auftrag?

James Augustus Henry Murray wurde 1837 in Denholm geboren, einem kleinen Dorf im Süden Schottlands. Obwohl er sich seit frühester Kindheit als außerordentlich begabter und neugieriger Schüler erwies, musste James mit 14 Jahren die Schule verlassen, um zum Einkommen der Familie beizutragen. Er arbeitete als Kuhhirte, Dorfschullehrer und später als Bankangestellter in London.

Mit 25 heiratete er seine erste Frau Maggie. Die beiden verloren ihre einzige Tochter als Baby, bevor auch Maggie nach drei Ehejahren starb. Trotz dieser Schicksalsschläge setzte Murray seine Studien unablässig fort. Er lernte etwa 25 Sprachen, war Mitbegründer einer archäologischen Gesellschaft, studierte die Geologie und Botanik seiner Heimat und vertiefte sich zunehmend in englische Philologie.

Mit seiner zweiten Frau Ada hatte Murray elf Kinder, er wurde Schuldirektor in Mill Hill, nordwestlich von London. Neben der Tätigkeit als Lehrer und der Edition mehrerer mittelenglischer Texte akzeptierte Murray 1879 das Angebot von Oxford University Press, die Herausgeberschaft des Oxford English Dictionary zu übernehmen, was zu seinem Lebenswerk werden sollte.

Murray richtete das sogenannte Skriptorium ein – jene von Zettelkästen und Büchern überfüllte Werkstatt, in der er mit seinem kleinen Mitarbeiterteam hunderttausende Zitate sortierte, die freiwillige Helfer per Post aus aller Welt zusandten. Das zunächst bescheiden konzipierte Projekt kam erst 1928 als über 16.000-seitiges Werk zum Abschluss – dreizehn Jahre nach Murrays Tod.

Formal hatte er nur einen Bachelor erworben, doch brachte ihm seine wissenschaftliche Tätigkeit Ehrendoktorate von acht Universitäten ein. 1908 wurde Murray zum Sir geadelt. Der Junge aus Denholm wurde zum wohl größten Gelehrten der englischen Sprache aller Zeiten.

In der Kapelle der Mill-Hill-Schule predigte Murray häufig – mit Vorliebe über seinen Glauben an die göttliche Vorsehung. Was er selbst erlebte, fand er in biblischen Texten vorgezeichnet. Menschen aus bescheidenen Verhältnissen erhalten erstaunliche Lebensaufgaben – in der Bibel als göttliche Erwählung gedeutet.

Aus dem Schafhirten David wird der größte König Israels. „Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung“, antwortet Jeremia auf seine Berufung, doch der Auftrag bleibt: „Ehe ich dich im Mutterschoß bildete, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Mutterleib hervorkamst, habe ich dich geheiligt: Zum Propheten für die Nationen habe ich dich eingesetzt.“

Jesus wählte junge Burschen aus, die ihr Leben als Fischer verbringen wollten, um eine Bewegung zu gründen, die zu einer Weltreligion werden sollte. Menschen wie Murray oder die Fischer vom See Genezareth hinterlassen ein Staunen. Was ist mein Auftrag?
Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)