Josefstadt: Kasimir und Karoline sind rasch fertig

Kasimir Karoline sind rasch
Kasimir Karoline sind rasch(c) APA - Schlager
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Georg Schmiedleitner hat Ödön von Horváths tristes Volksstück "Kasimir und Karoline" rasant und einfallsreich inszeniert. Ensemble, Bühnenbild und Musik - alles ist hier stimmig.

Wie stellt man das Oktoberfest dar? In der Josefstadt hat Harald Thor einen nach vorn offenen, weißen Kasten auf die Bühne gestellt, dessen Innenwände voll Glühbirnen sind. Dieser Kubus, in dem sich hier am Anfang von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ die Darsteller versammeln, ist an Seilen befestigt. Hochgehoben beginnt er bald zu schwingen. Das ist ein schönes Symbol für die besoffene Stimmung auf der Wies'n in München, auch für die schwankenden Zwanziger-, Dreißigerjahre, in denen das Volksstück spielt.

Es herrscht die blanke Not

Zur Einstimmung ist zuvor Friedrich Schwardtmann angetrunken, mit einem Luftballonpferdchen in der Hand auf die Bühne geklettert. Schon spielt die Blasmusik, und in einem Videofilm sieht man in Schwarz-Weiß schlechte Zeiten: plündernder Mob in London, Armut in Berlin vor Hitlers Machtergreifung, Arbeitslose , Gestrauchelte. Es herrscht die blanke Not.

Vor diesem grauen Hintergrund spielt sich eine grausame Beziehungsgeschichte ab, die Georg Schmiedleitner zügig, unsentimental und präzis inszeniert hat – eine durchwegs gelungene Premiere war am Donnerstag zu sehen. Die gut neunzig Minuten sind hervorragend gemacht und haben große Sogwirkung, das Ensemble ist bestens besetzt. Als Karoline, die unbedingt das Oktoberfest besuchen will, sich dabei mit ihrem Freund zerkracht und in schlechte Gesellschaft gerät, glänzt Katharina Straßer. Sie kämpft um ein kleines bisschen Glück, sie verliert und rührt dabei, ohne dass zu viel Sentiment verspritzt wird. Alle hier sind ziemlich rauflustig.

Hoch oben kreist der Zeppelin

Der Grundton ist lakonisch. Ihr Kasimir, von Harald Windisch mit verhaltener Aggression und unverhüllter Traurigkeit gespielt, ist eben als Kraftfahrer entlassen worden. Das trübt die Sicht. Während Karoline den über München kreisenden Zeppelin bewundert, sieht Kasimir in ihm nur ein protziges Symbol für die Reichen, eine Ablenkung von den wahren Verhältnissen. Und schon beginnt, wie Karolines neuer Verehrer, die Zufallsbekanntschaft Schürzinger (Peter Scholz), gnadenlos berechnend voraussagt, die Entfremdung. Im Grunde aber, und das ist auch eine Botschaft dieses Abends, ist doch jeder längst allein. Menschen ohne Gefühle haben es viel leichter, lässt Horváth ausrichten.

Im Vergleich zu den Nachkommenden ist dieser Eis schleckende Zuschneider als echter Kleinbürger relativ harmlos. Der Merkl Franz und seine Erna zum Beispiel: Großartig geben Thomas Mraz und Gerti Drassl diese Paradebeispiele einer brutalisierten Gesellschaft. Der Franz greift der Erna nicht nebenbei ins Bier, sondern er fährt mit der Faust auf den Grund der Maß, also begehe er eine Vergewaltigung. Dieser Kleinkriminelle ist völlig verroht. So tief kann Prekariat sinken, das ist der Stoff, aus dem die bösen Horden sind. Noch schlimmer aber wirken die Vertreter am anderen Ende der sozialen Skala: Traumhaft verwirklicht Heribert Sasse den schmierigen Unternehmer Rauch, der sich Karoline für ein kurzes Abenteuer schnappt, und Herbert Föttinger gibt dessen Saufkumpanen Speer so schneidig-bizarr, dass einen fröstelt. Der Umgang der Herren wirkt fast übertrieben naturalistisch: Johanna Wolff und Michaela Schausberger spielen leichte Mädchen der Extraklasse, wahre Kunstwerke genereller Verschmiertheit.

Infernalischer Blasmusikpop

Wenn der Ballermann mit Saufen bis zum Umfallen ein Vorbild hat, dann muss es diese Wies'n sein, die irgendwann aussieht wie eine Sondermülldeponie von Maßkrügen, die einfach zum Kotzen ist. Laut geht es zu bei diesem Oktoberfest. Der Blasmusikpop von Clemens Hofer gleitet immer wieder vom Rustikalen ins Infernalische ab. Die Schauspieler aber beherrschen die Klaviatur an Zwischentönen in bester Weise.

Einer dieser zarten Momente: Straßer beginnt zu singen, „Schöne Nacht“. Doch ihr Ausdruck ist voll Trauer, der Abend, das ahnt sie bereits, wird profan. Dabei hat Karoline doch „nur ein Eis essen“ wollen, ein kleines bisschen Glück gesucht, wie das bei einer „Wies'nbraut“ halt so ist. „Geh, sei doch nicht so fad!“, sagt sie zum Schürzinger nach einem Kuss, zieht dann sein Gesicht in ihren Schoß. Schmiedleitner zelebriert auch das Vulgäre, und hier passt es genau.

Sasse wiederum, der die Verführung des Mädchens plant und in Vorfreude Unmengen an Alkohol in sich hineingeschüttet hat, wartet im weißen Kubus geil, verschmitzt, verschwitzt auf Erfüllung seiner Wünsche. Es kommt aber nicht der kleine Tod, sondern beinahe der große. Rauch greift sich ans Herz, es haut ihn um. Das wird völlig überzeugend vorgeführt. Dieser verhexte Oktoberfest-Würfel ist tückisch. Er kann gestandene Männer rasch aus der Bahn werfen, zum Überschlag bringen.

Am Schluss sehen alle Teilnehmer so ramponiert aus wie nach einem Crash mit dem Auto. Speer trägt einen dicken Kopfverband, Rauch blutet, der Merkl Franz wird abgeführt. Neue Paare bilden sich. Schürzinger schleppt die Karoline ab, die Erna schnappt sich den Kasimir. Aber wie es aussieht, werden auch diese Beziehungen in einem Unfall enden.

Termine im September: 15., 17., 18., 20., 21., 26., 27., 28., 19.30 Uhr. Weitere Informationen unter: www.josefstadt.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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