Regionale Anlage: Schluss mit "mageren" Zinsen

Schluss mageren Zinsen
Schluss mageren Zinsen(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Während es auf dem Finanzmarkt kaum Rendite gibt, ist der Bauer um die Ecke großzügig: Er zahlt für Darlehen üppige Zinsen - etwa in Form von Wurst und Fleisch.

Wien. Auf dem Kapitalmarkt werden die Zinsen dieser Tage zusehends kleiner. Weder bei sicheren Staatsanleihen noch auf dem Sparbuch sind noch mehr als zwei Prozent zu ergattern. Wohl aber beim Bauernhof um die Ecke: Norbert Hackl vom Schweinezuchtbetrieb Labonca im steirischen Burgau verspricht immerhin fünf Prozent pro Jahr. Wer ihm 1000 Euro leiht, erhält dafür zehn Jahre lang einen Einkaufsgutschein im Wert von 130 Euro pro Jahr.

Dieser kann im Hofladen gegen allerlei Wurst und Fleisch von den eigenen Sonnenschweinen oder andere Delikatessen eingetauscht werden. Labonca liefert auch nach Wien und Graz, wo die meisten „Anleger“ beheimatet sind. „Wir haben 200 Anteilsscheine aufgelegt, von denen haben wir jetzt die Hälfte verkauft“, erzählt Landwirt Hackl. Mit dem Erlös will er ein Weideschlachthaus bauen, in dem seine Schweine artgerecht und würdevoller als in der Industrie geschlachtet werden sollen. Ab 1000 Euro ist man bei dem Projekt dabei, 250.000 Euro sollen so und über ähnliche Finanzierungsinstrumente aufgestellt werden.

Das Modell von „Naturalzinsen“ hat sich gerade in der Wirtschaftskrise als großer Erfolg erwiesen. Viele Sparer vertrauen dem kleinen Lebensmittelproduzenten eher als einer anonymen Großbank und investieren fleißig.

Schuhe und Möbel als Zinsen

Bei einem Metzger in Franken lassen sich etwa „Wurstaktien“ erwerben, die ebenfalls mit Fleischwaren verzinst sind. Ähnliche Angebote gibt es bei diversen Brauereien. Wer lieber Süßes nascht, sollte sich an die Confiserie Lauenstein im fränkischen Ludwigsstadt wenden. Dort gibt es satte 8,5 Prozent „Trüffelzins“ zu holen. Bezahlt wird in Form von Pralinen und Schokolade. Wer sich für die herkömmliche Auszahlung der Zinsen entscheidet, bekommt vom Unternehmen nur 4,5 Prozent.

In Österreich ist auch die Firma Gea aus Niederösterreich auf den Zug aufgesprungen. Sie stellt die „Waldviertler Schuhe“, aber auch Taschen und Möbel her. Sparer können sich hier mit Anteilsscheinen à 200 Euro an der Errichtung von Fotovoltaikanlagen beteiligen. Zurückgezahlt wird die Investition mit elf Einkaufsgutscheinen im Wert von 30 Euro über eine Laufzeit von zehn Jahren. „Wir machen das schon seit fast zehn Jahren“, berichtet Petra Koller von Gea. „Viele Kunden nutzen das Angebot und sparen die Gutscheine an. Alle paar Jahre kaufen sie dann ein neues Paar Schuhe oder lassen ihre alten reparieren. Und für uns ist es viel billiger als ein Kredit.“

Begriffe nicht zu ernst nehmen

Auch der Biohof Adamah, bekannt für seine „Biokistln“, finanziert sich seine Solaranlage mit solchen Beteiligungen. Hier sind Anleger schon ab 100 Euro dabei. Dabei erhalten sie zehn Jahre lang Einkaufsgutscheine im Wert von insgesamt 150 Euro. Netter Zusatz: Adamah passt den Wert seiner Gutscheine an die Inflationsrate an.

Begriffe wie „Anleihe“, „Genussschein“ und „Zinsen“ sollten Sparer in diesem Zusammenhang aber nicht allzu ernst nehmen. Rein rechtlich gesehen handelt es sich bei den meisten Angeboten um ein Privatdarlehen. Geht das Unternehmen während der Laufzeit pleite, ist der Einsatz verloren. Mit einer wirklichen Anleihe hätte man dagegen einen besseren Gläubigerstatus.

Auch die Renditeversprechen sollten nicht für bare Münze genommen werden. Freilich ergeben sich rein rechnerisch gewisse Prozentzahlen. Jedoch sollte man nicht vergessen, dass die Zinsen „zweckgebunden“ sind. Wie viel Kaufkraft letztendlich herausspringt, hängt vor allem von den Preisen im jeweiligen Laden ab. [Illustration: Jasmin Ofner/Die Presse]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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