Verschwörung und geile Zauberei als Inspiration

Ein neues Buch deckt die Inspirationsquellen der „Zauberflöte“ auf: zwischen Geheimreligion und Wunderglauben.

Ein literarisches Brevier zur „Zauberflöte“ erscheint dieser Tage im deutschen Manesse Verlag. Darin kann man außer Schikaneders Libretto und Goethes Fragment gebliebener Fortsetzung jene Werke nachlesen, von denen sich vor allem Schikaneder inspirieren ließ. Dazu gehört vor allem die Geschichte „Lulu oder die Zauberflöte“ des 1793 verstorbenen deutschen Pastors August Jacob Liebeskind. In ihr tritt ein Königssohn mithilfe einer ihm von einer Fee gegebenen Zauberflöte gegen einen geilen Zauberer an, der eine Jungfrau gefangen hält.

In Louis de Mallys Erzählung „Der Zauberkönig“ findet sich das Motiv des Prinzen, der sich in das Bildnis einer geraubten Prinzessin verliebt. Der Roman „Die Geschichte des Sethos“ von Abbé Jean Terrasson wiederum handelt vom ägyptischen Prinzen Sethos, der in eine geheime Priesterschaft eingeweiht wird.

Die antiken Mysterien waren damals besonders unter den Freimaurern in Mode, und der Freimaurer Mozart scheint ebenfalls fasziniert gewesen zu sein. Glaubt man dem Herausgeber des Bandes, dem deutschen Ägyptologen Jan Assmann, brachten Vorträge über die ägyptischen Mysterien Mozart auf die Idee einer „opera duplex“: einer „Doppeloper“ mit volkstümlicher Außen- und geheimer Innenseite.

Seine Grundthese, die er 2005 in seinem Buch „Die Zauberflöte“ erörtert hat, stellt er auch in diesem Buch in Kurzfassung dar. Assmann weist nach, dass Mozart 1785 in einer Wiener Loge Reden eines gewissen Anton Kreil über die ägyptischen Mysterien hörte. Kreil behauptete, die in Ägypten entdeckten unterirdischen Anlagen seien keine Gräber, sondern Zentren einer klandestinen Religion und Wissenschaft. In Ägypten habe es eine Doppelreligion gegeben, und zwar die offizielle polytheistische Volksreligion und eine philosophische Geheimreligion. Diese Tradition sei noch lebendig – in der „wissenschaftlichen Freimaurerei“.

Pantheistische Urreligion. Kreils Theorie war politisch brisant. Sie besagte, dass die Volksreligion zwar eine derzeit noch notwendige Erfindung sei, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, aber die Wahrheit in einer pantheistischen Urreligion liege – eine Vorstellung, die auch Adam Weishaupt bei der Gründung des Illuminatenordens geleitet hat.

Ist die „Zauberflöte“ also außen Zaubermärchen und Maschinenoper, innen Mysterium? Auch Schikaneder war zeitweise Freimaurer, wenngleich er bald wieder aus der Loge geworfen wurde, vermutlich wegen seiner Frauengeschichten. Sein gemeinsam mit Mozart „fleißig durchdachtes“ Libretto, wie er schreibt, enthält laut Assmann den Einweihungsweg, wie ihn sich die Wiener Freimaurer vorgestellt haben: Illusionierung – Tamino glaubt der Königin der Nacht. Desillusionierung – sie beginnt mit den drei Damen, die freimaurerische Ideale verkünden. Kleine Mysterien – die drei Knaben führen Tamino in den Hain. Große Mysterien – Tamino muss der Geliebten gegenüber schweigen.

Assmanns Forschungen sind ein weiterer Baustein in der Deutung der „Zauberflöte“ als Freimaurer-Oper. Dass sie von masonischen Symbolen wimmelt, ist bekannt. So spiele, meint Assmann, neben der Zahl drei die 18 eine große Rolle („Grad des Rosenkreuzers“). Mehrere Stücke sind 18 Takte lang, Sarastro wird im 18.Auftritt des 1.Aktes eingeführt, 18Priester begleiten ihn, 18-mal wird sein Name gesprochen, 18-mal gesungen etc.

Anleitung zum Tarockspiel. Manche meinten auch schon, dass Mozart ein dezidiert kirchenfeindliches Illuminaten-Oratorium schreiben wollte, und spekulierten: Spielt der Name Papageno am Ende auf den Papst („papa“) und das Volk („gens“) oder die Ursprungsbezeichnung „genus“ an, steht Papageno für die Menschen, die alles der Kirche nachplappern, persifliert das „Pa-pa-pa-pa“ des berühmten Duetts die „Papa“-Rufe der Gläubigen am Petersplatz?

Es gibt freilich noch weit abenteuerlichere Deutungen. So haben auch schon manche „Die Zauberflöte“ als verschlüsselte Entsprechung zum Tarockspiel verstanden oder als Anleitung zur Herstellung des Steins der Weisen.

„Die Zauberflöte“: Ein literarischer Opernbegleiter. Mit dem Libretto Schikaneders und verwandten Märchendichtungen. Hrsg.: Jan Assmann, Manesse Verlag, 448 Seiten, 20,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

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