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Deutschland: Die Kasse zahlt, die Hürden bleiben

Auch beim großen Nachbarn ist Burn-out ein großes Thema: Wer ist nur gestresst, wer leidet an einer echten Depression?

Worüber in Österreich debattiert wird, gibt es in Deutschland schon lange: die Psychotherapie auf Krankenschein, mit voller Übernahme der Kosten. Für „seelische Krankheiten“ werden psychoanalytische Verfahren und Verhaltenstherapien von den Krankenkassen anerkannt. In der Praxis – im doppelten Sinn – erwarten den Patienten aber dann doch zahlreiche Hürden.

Die Anlaufstellen sind dünn gesät, denn nur wenige Psychotherapeuten erhalten von den Kassen eine Zulassung. Bundesweit sollen 2000 bis 4000 solcher Adressen fehlen. Die Folge: Die Wartelisten sind so lang, dass manche zugelassene Therapeuten gar keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Wer sich behandeln lassen will, muss mehrere Wochen auf ein Erstgespräch warten. Erst Monate später beginnt dann die eigentliche Behandlung mit regelmäßigen Terminen.

Zwar muss die Krankenkasse laut Gesetz in dringenden Fällen auch die Kosten einer Privatpraxis rückerstatten, wenn der Patient nachweisen kann, dass er sonst nicht rechtzeitig zu einer Behandlung gekommen wäre. Die Zusage muss er sich aber schon im Vorfeld mit allerlei Nachweisen und Bescheinigungen einholen. Etwas zynisch ließe sich sagen: Wer diese zermürbende Bürokratie hinkriegt, ist nicht wirklich krank; und wer wirklich krank ist, kriegt das nicht hin.

Zweifel an der Volkskrankheit. Dass die Krankenkassen so auf die Bremsen steigen, dürfte auch an der steigenden Popularität der Modediagnose Burn-out liegen. Hier beginnt in Deutschland ein Umdenken: Je mehr die neue Volkskrankheit in Talkshows und Schlagzeilen Furore macht, desto mehr Unbehagen bereitet sie den meisten seriösen Seelendoktoren.

Wie das „Handy“ ist der Begriff ein deutsches Phänomen und im angelsächsischen Raum gänzlich unbekannt. Es gibt für Burn-out keine Definition, und in internationalen Verzeichnissen anerkannter Krankheiten scheint der Begriff nicht auf. Streng genommen müsste es um depressive Symptome gehen, die durch das Berufsleben ausgelöst werden und ohne die belastende Arbeitssituation wieder vergehen. Das ist aber für Depressionen zumindest untypisch: In der Regel verstärken sie sich im Urlaub; und oft schützt Arbeit eher vor einem psychischen Leiden, als dass sie es verstärkt.

Immer mehr setzt sich daher in der deutschen Öffentlichkeit die Überzeugung durch, dass die Selbstdiagnose Burn-out zwei ganz unterschiedliche Dinge bedeutet. Zum einen gehe es offenbar um den altbekannten Stress, der nichts Pathologisches an sich ist. Warum er heute als belastender empfunden wird, darüber wird spekuliert: Es könnte an der laufenden Erreichbarkeit durch digitale Medien liegen, die das Abschalten erschweren. Oder es geht um die Überforderung, der sich viele Menschen in einer stark individualisierten Leistungsgesellschaft unter dem Einfluss von Idealbildern aus den Medien selbst aussetzen.

Das alles sind gesellschaftliche Entwicklungen, die bedenklich genug sind – aber dafür bräuchte man nicht mehr Psychiater mit Kassenverträgen. Zum anderen versteckt sich hinter dem Hilferuf „Burn-out!“ aber häufig etwas ganz anderes: eine handfeste Depression. Auch die gab es schon vor zehn Jahren. Aber die Akzeptanz von psychischen Krankheiten hat in Deutschland deutlich zugenommen. Psychische Störungen sind schon der wichtigste Grund für Frühpensionierungen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit: Ihr Anteil stieg von 24 auf 39 Prozent. Das alarmiert wiederum die Unternehmen: Psychisch bedingte Fehlzeiten und Ausfälle bedeuten für sie bares Geld.

Für viele Seelenkranke erleichtert das Wort „Burn-out“ das Bekenntnis zu ihrem Leiden. Es klingt ja fast wie eine Auszeichnung: Wer ausgebrannt ist, muss davor ordentlich gebrannt haben, als fleißiger und zielstrebiger Mensch. Dass es dabei in Wirklichkeit um eine Depression geht, die meist weit tiefere Gründe hat als Überforderung im Job, erkennt erst der Psychiater. Er weiß, dass er rasch und intensiv helfen müsste – und dazu fehlen, trotz besserer gesetzlicher Voraussetzungen, auch in Deutschland die Mittel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)