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Tarek Leitner: "Hässlichkeit ist objektivierbar"

Tarek Leitner Haesslichkeit objektivierbar
(c) Brandstätter Verlag / Florian Gröschl
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"Zeit im Bild"-Moderator Tarek Leitner geht in seinem Buch "Mut zur Schönheit" den Ursachen der Verschandelung ganzer Regionen und dem Unsinn moderner Raumordnung nach. Ein "Presse"-Interview.

Was bringt einen „Zeit im Bild“-Moderator dazu, ein Plädoyer gegen die Verschandelung in Buchform zu formulieren? Zu viele Bundesländer-Beiträge über Kreisverkehr-Eröffnungen und Lärmschutz-Spatenstiche?

Tarek Leitner: Nein. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, wenn man sich anschaut, wie unsere Politik und Gesellschaft funktionieren und wie unser Leben aussieht, erkennt man nicht immer nur das Unsichtbare, also Beziehungen und Entwicklungen. Sondern auch das, was sich manifestiert und äußerlich präsentiert. Wenn man genauer schaut, erschrickt man irgendwann, dass es nirgendwo mehr schön ist. Das habe ich erkannt und darüber schreiben müssen.

 

Das ist doch rein subjektiv.

Das widerlege ich. Es geht nicht um Geschmack, sondern um Verschandelung. Das ist objektivierbar. Ich glaube, das lässt sich an Kleinigkeiten beweisen. Wenn man auf Urlaub fährt, will man in der Regel dort hinfahren, wo es nicht hässlich, sondern schön ist. Aus gutem Grund fahren die Leute nicht nach Attnang-Puchheim auf Sommerurlaub, obwohl es günstig liegt, nämlich am Tor zum Salzkammergut, an einer Bundesstraße und an einem Bahnknotenpunkt. Aber es ist nicht schön. Oder Liezen? Das liegt am Eingang in ein Skigebiet und an der Autobahn. Wenn man bei Liezen abfährt, schaut es aber aus wie in Los Angeles: Ein Diskontcenter steht neben dem anderen. Jeder findet das hässlich. Daher ist es objektivierbar, es geht nicht um Geschmack.

 

Was ist hässlich? Eine Fußgängerzone mit den üblichen Diskontern wie auch in der Wiener Innenstadt? Oder als Gegenbeispiel: Jeder Mensch, der nach Udine oder ins Friaul fährt, fährt Meilen durch Industriezonen, Einkaufszentren und Stau. Trotzdem würde ich nicht sagen, es ist dort hässlich. Sind wir kritischer, wenn es um unsere Heimat geht?

Wir haben uns angelernt, uns Orte schön zu denken obwohl wir sie nicht mehr schön sehen. Wir sagen das schöne Udine, das schöne Salzkammergut, die schöne Obersteiermark: Wir glauben daran, dass es schön ist. Aber wenn wir nicht mit dem Teleobjektiv schauen, also in die alte Innenstadt, in das liebe Dorf im Salzkammergut oder im Waldviertel, sondern mit dem normalen Weitwinkel, dann sehen wir alles: die Kreisverkehr-Ungetüme mit den Diskontmarktzentren, die sich etwa durch das ganze Waldviertel erstrecken.

 

Es gibt Gegenbeispiele: Vorarlberg.

Vorarlberg ist ein positives Beispiel, das kommt in meinem Buch vor. Was wir heute aber machen: Wir verbrauchen große Flächen für einfach errichtete Dinge, die nur dem Postulat unterliegen, besonders billig zu sein.

 

Man kann sich darauf einigen, dass Kreisverkehre und diese Marktzentren grauenhaft sind, aber Hässlichkeit gibt es auch in Wien: etwa die Verhüttelung der Innenstadt mit Kiosken und Ständen. Trotzdem wird den Christkindl- oder Ostermarkt niemand hässlich empfinden. In Wahrheit ist die Punschstandlkultur ein Anschlag auf die Geschmacksnerven; ein Stück Schlumpfhausen.

Der Punschstand ist insofern kein so großes Problem, weil er vorübergehend ist, er zerstört nicht nachhaltig unsere Umgebung. Da kann man auch einen Bogen rundherum machen. Das Interessantere am Weihnachstmarkt ist das, dass wir uns damit Surrogate für Schönheit schaffen. Die ganze Weihnachtsverzierung, die wir anbringen, am liebsten schon Ende Oktober, soll uns zu dem Idyll verhelfen, das wir in unserer wirklichen Umgebung weitgehend eliminiert haben.

 

Der Weihnachtsmarkt als die alpine Südsee-Idee sozusagen.

Das ist unsere Palme auf einer einsamen Insel. Wir stellen sie uns in den Garten und verzieren in ganz kitschiger Weise unsere Lebensumgebung für ein paar Wochen und projizieren eine Schönheit hinein, die es gar nicht mehr gibt.

 

Eigentlich wäre die erste Maßnahme für Ihre Ästhetik des Landes ein Verbot von Einfamilienhäusern.

Es gibt eine überproportionale Zunahme von Einfamilienhäusern in Niederösterreich. Dabei ist das Bevölkerungswachstum eklatant niedriger. Eine Menge Leute will ins Grüne. Sie kommen aber dann alle wieder in einem Bereich zusammen, der immer dichter verbaut wird, weil die Leute so viele Annehmlichkeiten haben wollen. Wir schaffen uns dadurch in einer noch nie dagewesenen Intensität Hybridräume, die nicht Land und nicht Stadt sind. Das geschieht im Moment ganz intensiv am Siedlungsrand: Ich nenne das die „Postumfahrungsstraßenzeit“. Seit den Siebziger-/Achtzigerjahren gibt es die Idee, man müsse den Durchzugsverkehr vom Dorf fernhalten. Da wurden Umfahrungsstraßen gebaut. Dann fuhr keiner mehr durchs Dorf. Weil keine Frequenz schlecht für die Wirtschaft ist, ist später am Ortsrand ein neues Zentrum gebaut worden und die Diskontmarktketten siedelten sich an diesen Umfahrungsstraßen an. Mittlerweile müssen auch die Kleinen aus den Ortszentren nachziehen. Der lokale Bäcker, der im Ort sein Verkaufslokal hat, hat dort draußen auch auf wenigen Quadratmetern ein Geschäft. Auch der Optiker hat dort seine Zelte aufgeschlagen. Alles, was im Dorf war, muss übersiedeln. Aber kein Mensch setzt sich nach dem Einkauf beim Bäcker in diesen Einkaufszentren vor die Parkplatzwüste und den Fahnenwald, um noch einen Kaffee zu trinken. Wir bauen also das gleiche Dorf, das nun leer geworden ist, in all seinen Funktionalitäten nochmals entlang der Umfahrungsstraße – nur diesmal viel mehr Platz verschwendend und viel, viel hässlicher.

 

Manche Dinge findet man unästhetisch, die ihre Notwendigkeit haben, etwa Lärmschutzwände.

Man kann bei allen Dingen, die man tut, in Qualität investieren oder gestalterischen Willen einfließen lassen. Oder man kann sie unter dem Postulat der Wirtschaftlichkeit so billig und kurzlebig wie nur möglich machen. Wir lassen uns aufgrund des Arguments der Wirtschaftlichkeit zu viel gefallen. Am leichtesten ist es für uns zu akzeptieren, wenn uns jemand sagt, das rechnet sich. Da sind wir bereit, uns für ein paar Cent die Schönheit abkaufen und Scheußlichkeit einreden zu lassen. Auch auf unserem Arbeitsplatz lassen wir uns viel mehr Scheußlichkeiten zumuten, als wir uns in unserem Wohnzimmer zumuten.

 

Ähnlich ist es im Urlaub oder in manchen Hotels.

Insbesondere wenn es um Sport und Betätigungsfreizeit geht, unterliegt das immer mehr einem Leistungsdenken und einer Technikverliebtheit. Da geht es nicht mehr darum, die schöne Landschaft zu genießen. Der Gipfel ist beispielsweise, in einer Halle Ski zu fahren. Das ist doch so ziemlich das Letzte, wo man Ski fahren will, wenn man einmal auf einer Schneepiste war.

Zurück zur sogenannten Wirtschaftlichkeit. Dass die Asfinag oder die Bundesländer so viel sparen wäre neu. Also deswegen wird eine Lärmschutzwand nicht hässlicher.

Man kann das jetzt nicht an den Lärmschutzwänden aufhängen.

 

Dann drehe ich es um: Man könnte der öffentlichen Verwaltung in vielen Bundesländern dreimal so viel geben, es würde sicher nicht dreimal so ästhetisch gebaut, davon bin ich überzeugt. In der öffentlichen Verwaltung herrscht eine Geschmacklosigkeit, die nichts mit Geld zu tun hat. Auch die Einfamilienhäuser mit fetten Balkonen, ionischen Säulen und sieben Flatscreen-Geräten kosten viel.

Natürlich gibt es das. Aber ich glaube, dass die öffentliche Hand einem Druck ausgesetzt ist, den die Gesellschaft in ihrem Wirtschaftlichkeitsdenken erzeugt. Die Gesellschaft, letztlich sind es die Parteien, unterbieten sich beim Billigsein dieser Dinge, das sieht man ja etwa gerade beim anstehenden Parlamentsumbau.

 

Gegenbeispiel: Ich glaube, dass gewisse Kommunen und Institutionen gerade mit Geld die meisten Geschmacklosigkeiten anrichten. Man denke an die Muhr-Brunnen der Wiener Innenstadt. Die braucht kein Mensch, sie sind hässlich, verschandeln den Stadtraum und kosten viel Geld. Mit Sparsamkeit hätte man in diesem Fall der Sache der Ästhetik geholfen.

Das widerlegt nicht meine These. Auch mit Geld kann man noch was Hässliches bauen.

 

Ein ZiB-Moderator schreibt ein Buch. Ist das ein Ausgleichssport?

Am Ende kommen in meinem Beruf 20 Sekunden oder 1 Minute oder 5 Minuten raus. Es ist manchmal sehr wohltuend, sich mit einem Thema länger zu befassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)