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Der Tankstellenpächter als Dämon

Tankstellenpaechter Daemon
nakoula(c) REUTERS (BRET HARTMAN)
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In Südkalifornien verhörte die Polizei den mutmaßlichen Produzenten des Mohammed-Films, der die islamische Welt entflammt. Er ist als notorischer Betrüger vorbestraft.

In der Nacht zum Samstag, knapp nach Mitternacht, als ein Großteil der Reportermeute schon abgezogen war, klopfte die Polizei an die Tür des seit Tagen belagerten Hauses in einer Sackgasse von Cerritos, einem Städtchen in der suburbanen Wüste von Los Angeles. Fotografen und Kameraleute hielten dennoch die Augenblicke fest, in dem der derzeit womöglich gefährdetste Mann der Welt aus seinem Haus trat, gebückt, vermummt hinter einem weißen Schal, in einen Mantel gehüllt, bedeckt mit einer Mütze und Brillen.

Die Polizisten, die seit Mittwoch für seine Sicherheit sorgen, schleppten Nakoula Basseley Nakoula alias Sam Bacile zwar nicht mit Handschellen ab. Doch die Bilder sollten eine Goodwill-Geste signalisieren an die aufgehetzten Islamisten, die seit dem Jahrestag des 11. September mit einer Welle von Protesten und Ausschreitungen einen Flächenbrand in der arabischen Welt auslösten – von Tunis bis Kairo, von Khartum bis Jakarta, die Supermacht USA herausforderten und den Westen in Aufruhr versetzten. Die USA wollten ein Zeichen setzen: Seht her, sollte die vorübergehende Einvernahme des mutmaßlichen Regisseurs und Produzenten des Films „Innocence of Muslims“ bedeuten, wir knöpfen uns den Kerl vor, der eure religiöse Gefühle in den Schmutz gezogen hat.

Die Polizei von Cerritos belangte den 55-jährigen koptischen Christen indes nicht wegen seines Schundfilms – die US-Verfassung hält die Meinungs- und Religionsfreiheit als „heiliges Gut“ hoch. Sie verhörte den vorbestraften Betrüger vielmehr wegen Missachtung der Bewähungsauflagen. Der einstige Tankstellenbetreiber Nakoula war 2010 wegen Kreditkartenbetrugs zu einer Haftstrafe von 21 Monaten und einer Geldstrafe von 794.700 Dollar verurteilt worden. Im Juni 2011 kam er frei. Bald danach sollen unter anderem an der Blue Cloud Movie Ranch in Santa Clarita – einem beliebten Hollywood-Drehort – die Dreharbeiten zu jenem Film begonnen haben, den nur ganz wenige Zuschauer in voller Länge je zu Gesicht bekommen haben.


Ein Phantom mit Pseudonymen. Das Phantom, auch als mutmaßlicher Drogenhändler vorbestraft, befleißigte sich mehr als eines Dutzend Namen, um seine Spuren zu verwischen – mehr oder weniger Abwandlungen wie Nicola Bacily. Darüber hinaus führte er mehrere Sozialversicherungsnummern und mindestens 15 Kreditkarten. Wie das Register zeigt, meldete er schon im Jahr 2000 Bankrott an, seine Tankstelle stand mit 166.000 Dollar in der Kreide. Der Richter brummte ihm bei seiner Freilassung mehrere Auflagen auf – darunter das Verbot der Benutzung des Internets und von Computern für eine Dauer von fünf Jahren. Allein schon durch das Hochladen des Filmtrailers auf das Internet-Portal YouTube dürfte er gegen die richterlichen Einschränkungen verstoßen haben.

Während Google eine Bitte des Weißen Hauses auf eine Revision der Firmenpolitik über den Bann von Filmen auf YouTube zumindest im Westen zurückwies, zeigte Nakoula einen Anflug von Reue. Er bereue zwar nicht die Produktion des Films, aber er fühle sich mitschuldig am Tod der US-Diplomaten und ihres Schutzpersonals in Bengasi, erklärte er in einem Radio-Interview. Gegenüber dem „Wall Street Journal“ hatte er zunächst angegeben, er sei ein aus Israel stammender Immobilienhändler namens Sam Bacile, jüdische Sponsoren hätten ihm insgesamt fünf Millionen Dollar zur Verfügung gestellt – eine der zahllosen Finten des notorischen Betrügers. Das Handy-Telefonat brachte die US-Medien indessen auf seine Fährte. Es dauerte keine 24 Stunden, bis sie ihn ausfindig gemacht hatten.

Nakoula hatte auch die Schauspieler hinters Licht geführt, als er sie für das Projekt „Desert Warrior“ („Wüstenkrieger) köderte – ein Low-Budget-Film, konzipiert als historischer Abenteuerfilm, der in Arabien spielt. In Wirklichkeit heißt seine Filmfirma „Media for Christ“, und sie verschreibt sich der Propagierung christlicher Werte. „Der Islam ist ein Krebsgeschwür“, lautet sein Credo. Bei der Vermarktung des Films, der unter dem Titel „Die Unschuld Osama bin Ladens“ am 30. Juni angeblich zwei Mal im Vine-Kino in Los Angeles zur Aufführung kam, griffen ihm drei Islam-Hasser zur Hand: Der Vietnam-Veteran Steve Klein, ein kalifornischer Versicherungsvertreter und evangelikaler Christ, der Pastor Terry Jones, ein Provokateur aus Florida und nicht zuletzt der koptische Aktivist Morris Sadek, der in er Nähe Washingtons lebt, sind in der Szene einschlägig berüchtigt.


Aus dem Nirwana des Internet. Seit Juli kursiert der Trailer völlig unbemerkt im Nirwana des Internet. Erst als Sadek den Trailer ins Arabische übertrug und ein ägyptischer TV-Sender im Vorfeld des Jahrestags zum 11. September darüber berichtete, sprang der Funke der Empörung über. Innerhalb weniger Tage geriet der billig produzierte Amateurfilm zum Skandal und ein dubioser Tankstellenbesitzer und religiöser Eiferer, von dem sich die koptische Kirche und die Exilgemeinde distanzierten, zum Dämon der islamischen Welt.

Westliche Botschaften bangen vor neuen Unruhen, und Soldaten in Afghanistan fürchten um ihr Leben. Ein Angriff der Taliban, ein angeblicher Racheakt, forderte im Camp Bastion – dem Einsatzort auch von Prinz Harry – den Tod zweier US-Marines. Und die al-Qaida schürt eifrig den Volkszorn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)