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Deutschland droht "Stromlücke"

Deutschland droht Stromluecke
(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Der Erfolg von Sonnen- und Windkraft macht konventionelle Kraftwerke in Deutschland unrentabel. Im kommenden Winter drohen den Deutschen Versorgungslücken, die im Extremfall zu Blackouts führen könnten.

Berlin/Frankfurt/Red./Ag. Die viel bejubelte „Energiewende“ und der Erfolg von Wind- und Sonnenstrom stürzen Deutschland in ein beträchtliches Energiedilemma: Eine Schwemme an hochsubventioniertem, an den Strombörsen aber nur zu Niedrigstpreisen absetzbaren Ökostrom macht konventionelle Kohle- und Gaskraftwerke, aber auch Pumpspeicher unrentabel. Genau diese Vorrichtungen werden aber benötigt, um die Schwankungen in der Ökostromerzeugung und deren Rückgang im Winter abzufangen.

Die Konsequenz: Im kommenden Winter drohen den Deutschen Versorgungslücken, die im Extremfall zu Blackouts führen könnten. Die Gefahr ist so real, dass die deutsche Regierung den Kraftwerksbetreibern am Wochenende ein „Abschaltverbot“ für Kohle- und Gaskraftwerke angedroht hat. Das könnte in Form einer entsprechenden Ergänzung des Energiewirtschaftsgesetzes geschehen.

Das schöne Wetter und eine günstige Windsituation im Norden treiben den deutschen Energieexperten jedenfalls den Schweiß auf die Stirn: Sonnen- und Windkraftwerke laufen auf Hochtouren, die Ökostromproduktion eilt von Rekord zu Rekord, am vergangenen Freitag war der Anteil des Ökostroms an der Leipziger Strombörse auf den noch nie registrierten Wert von 45 Prozent geklettert.

 

Überangebot an den Strombörsen

Das Problem: Die Spitzen treten zwischen 13 und 14 Uhr (dann, wenn eben die Sonne am intensivsten scheint) auf, zu dieser Zeit ist aber die Nachfrage relativ gering. Der hoch subventionierte Ökostrom, für den die Anlagenbetreiber Abnahmegarantien zu Fixpreisen besitzen, sorgt an den Strombörsen für Überangebot und macht dort die Strompreise kaputt. Viele konventionelle Kraftwerke werden dadurch unrentabel, weshalb sie in nächster Zeit vom Netz genommen werden sollten.

Das Problem: Stromverbrauchsspitzen treten nicht an Sommernachmittagen, sondern an nebligen (und damit sonnenlosen und windarmen) Winterabenden auf. Hier müssen Gas- und Kohlekraftwerke einspringen – die aber nicht zur Verfügung stehen, wenn sie „eingemottet“ werden.

Schon im vorigen Winter waren Versorgungslücken nur vermieden worden, indem alle Gas- und Kohlekraftwerke auf vollen Touren liefen. Auch österreichische „Fossil“-Kraftwerke haben mehrfach ausschließlich für den deutschen Markt produziert. Ähnliche Probleme bereitet die Ökostromschwemme den Pumpspeicherwerken, die eigentlich als „Speicher“ für Ökostrom dienen sollten. Der Chef des deutschen Stromkonzerns Vattenfall, Tuomo Hatakka, sagte am Wochenende, die Wirtschaftlichkeit dieser Anlagen habe sich so dramatisch verschlechtert, dass Vattenfall seine Pumpspeicherkraftwerke infrage stelle. Die funktionierten bisher so, dass Wasser mit billigem Nachtstrom hochgepumpt wurde, um zu den Verbrauchsspitzen (etwa um die Mittagszeit) teuren Spitzenstrom zu produzieren. Weil die Stromschwemme aus Ökoanlagen aber gerade zur Mittagszeit den Strompreis drückt, rentieren sich Pumpspeicherwerke nicht mehr .

Österreich baut seine Pumpspeicher gerade aus, um den Deutschen beim Ausgleich zu helfen. Das dürfte das bessere Geschäft sein: Hochgepumpt wird mit sehr billigem deutschen Solar-Importstrom, „abgearbeitet“ wird dann, wenn in Deutschland Engpässe auftreten, für den Strom also Höchstpreise zu erzielen sind.

 

Strom aus Atombomben

Noch ein Kuriosum aus der deutschen Stromwelt: Nach einem Zeitungsbericht vom Wochenende wird in deutschen Kernkraftwerken Uran aus „recycelten“ russischen Atombomben „verfeuert“. Auch Plutonium aus russischen Bomben soll in Deutschland verwendet werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)