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Peter Fabjan: "Harmlos war Bernhard nie"

Thomas Bernhard bei den Proben zu
(c) Harry Weber/Theatermuseum
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Beim Thomas-Bernhard-Festival in Goldegg sprach Raimund Fellinger mit Bernhards Bruder Peter Fabjan über Kindheitserinnerungen, Bruderliebe, Selbstmordversuche und den Tod.

Raimund Fellinger: Sie sind 1938 in Traunstein geboren, weil, wie wir aus den autobiografischen Erzählungen wissen, die Familie dorthin gezogen ist. Was haben Sie bis 1945 für Erinnerungen an Ihren älteren Bruder?

Peter Fabjan: In Erinnerung habe ich eine Situation, der ich noch ein Leben lang ausgesetzt war: Dass der Bruder ein sehr frühreifer und selbstbestimmter Mensch war, der mich als einen lieben Kerl damals im Krieg aufs Fahrrad gesetzt und zum „Hamstern“ mitgenommen hat. Mit dem Blondschopf vorne drauf hat Thomas bei den Bäuerinnen, die eigentlich schon genug gehabt hatten von den vielen Leuten aus der Stadt, die gekommen sind, um Milch, Butter oder sogar einmal ein Ei zu ergattern, natürlich das Herz noch einmal öffnen können. Er hat mich auch im Fasching mitgenommen, er hat mich benutzt, weil es ihm Spaß gemacht hat: Da hat er mir vorne einen riesigen Polster reingestopft, mir ein langes Kleid angezogen und mich in die Stadt geschleppt. Ich war natürlich beleidigt, weil ich mich entstellt fühlte. Alle Zuschauer hatten einen Riesenspaß, er hatte seinen Spaß, ich hatte meinen nicht.

Dann folgte aus den bekannten Gründen – man musste sich nach dem Krieg für die österreichische oder die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden – die Umsiedlung nach Salzburg. Da lebten Sie dann in einer Großfamilie mit dem alles beherrschenden Großvater, den Bernhard ja in den Himmel gehoben hat. Was hat dieser Großvater, der Ihren Bruder zum Schreiben von Gedichten ermuntert hat, denn mit Ihnen gemacht?

Er hat uns kleinere Kinder wohl als liebe Tierchen betrachtet, wusste, dass sein Enkel Thomas seiner bedurfte, wir Kleineren nicht. Um ihn hat er sich gekümmert, das war erkennbar das Wichtigste für ihn. In einer Tagebuchaufzeichnung des Großvaters habe ich jetzt einmal folgende Episode gelesen: Er sei aus der Wohnung – er hatte natürlich ein eigenes Zimmer mit Polstertür – weggegangen, und ich sei ihm vor der Wohnungstür begegnet. Er sagte irgendetwas Freundliches wie „Peterle“ zu mir und ich schaute zu ihm auf und sagte nur: „Grüß Gott.“ Da war er dann doch ein wenig irritiert darüber, dass er behandelt wurde, als ob er ein Fremder wäre. Offenbar war er das doch für uns.

 

Als Sie zum Medizinstudium in Wien waren, lebte Ihr Bruder in der Obkirchergasse. Hatten damals Sie Thomas Bernhard auf dem Schirm oder er Sie?

Als ich zum Präsenzdienst eingerückt war, hatte er mir sinnigerweise noch sein Buch „Auf der Erde und in der Hölle“ samt Widmung mitgegeben. Dann ward er nicht mehr gesehen, und ich war für ihn verschwunden. Als ich dann in Wien ankam, vergingen kaum ein paar Wochen, und ich bekam zu meiner Überraschung einen Anruf von Thomas. Er hat sich damals sehr um mich bemüht. In der Situation war mir das gar nicht so sehr bewusst, ich habe es teils erst später aus seinen Briefen aus dieser Zeit nachvollzogen. Als ich für vier Wochen in Wales war, hat er mir einen ausführlichen Brief geschrieben, in dem stand, was ich mir in London alles ansehen sollte. Er hat immer versucht, für mich ein Tor in eine andere Welt aufzumachen als nur die akademisch-medizinische, weil er meinte, dass die Akademiker unter sich blieben und Ärzte immer nur wieder Ärzte treffen würden. Das ist bei mir teilweise gelungen, aber dem Bild vom Bruder, das er gern gehabt hätte, bin ich natürlich nie gerecht geworden. Dass er mir trotzdem sein Erbe anvertraut hat, habe ich nie wirklich begriffen, aber ich habe es angenommen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich keine andere Wahl habe. Jetzt habe ich eben den Zweitberuf des Halbbruders von Thomas Bernhard.

Erlauben Sie, dass ich widerspreche. Sie haben für „Frost“ nicht nur durch ihre Famulatur in Schwarzach Imaginationsanstöße gegeben. Bernhard sagte, es sei auch der Bruder gewesen, der „Frost“ überhaupt eingereicht hatte, damit er, Bernhard, den beklagenswerten „kleinen“ Staatspreis erhalte, den es übrigens damals noch gar nicht gab.

Das war doch so gelaufen: Er hat mir das Manuskript in die Hand gedrückt und mich angewiesen, das dort beim Portier abzugeben.

Das hat er aber ganz anders dargestellt.

Natürlich hat er es anders dargestellt. Er hat ja immer – das war auch sein gutes Recht – sein Bild stilisiert. Es hätte auch anders sein können, aber es war eben so.

Als Sie als Internist nach Gmunden gingen, das ja nur wenige Kilometer vom Vierkanthof in Ohlsdorf entfernt ist, haben Sie also beide bewusst entschieden, dass es eine größere Nähe geben wird.

Diese Nähe hat es schon vorher gegeben. Ich war ja auch schon von Wien aus oft bei ihm, und später von Wels aus war ich sicher auch jedes Wochenende bei ihm. Ab 1975 war ich dann eben in Gmunden.

An dieser Stelle kommt natürlich auch die Krankengeschichte des Thomas Bernhard in den Fokus. Können Sie die kurz skizzieren?

Ich kann vor allem etwas richtigstellen. Unmittelbar nach Thomas' Tod bekam man alle möglichen Krankheiten zu lesen, an denen er angeblich gestorben war. Ich glaube, in Spanien ist er an Darmkrebs, heute noch ist er in Frankreich an einer Tuberkulose verstorben. In Österreich hatte jemand zwei Jahre nach seinem Tod die Idee, er hätte sich selbst umgebracht, in der Schweiz verzapft man das heute noch, dass er sich einen Plastiksack über den Kopf gestülpt habe. Lauter grauenvolle Sachen, die man sich aus den Fingern gesogen hat. Er war in der Zeit, als er das Haus gekauft hatte, zwei, drei Jahre ziemlich stabil gewesen, da war die Lungentuberkulose ausgeheilt. Richtigstellungen darüber, wann und wo er sich angesteckt hatte, war er nie zugänglich, weil er wusste, dass ihm Erklärungen seine lebenslange Wut auf sein Schicksal gemildert hätten, und die war doch eine der wesentlichen Triebfedern seines Schaffens. Orhan Pamuk hat einmal gesagt, das, was er an Bernhard so bewundere, sei der unheimliche Zorn, der in seinen Werken zu fühlen sei. Den hat er auch weiterhin gebraucht und gewollt.

Was war dann die tatsächliche Todesursache?

Nach den stabilen Jahren begann dann plötzlich eine Atemnot, die ich und mein Doktorvater zunächst für eine Allergie hielten. Dann stellte sich heraus, dass er eine Drüsenschwellung im Brustkorb hatte, und das war ein Frühzeichen einer Krankheit, die man dann in Wels diagnostizierte: Morbus Boeck-Besnier-Schaumann. Sie hat mit der Tuberkulose nicht unmittelbar zu tun, kann aber damit zu tun haben, weil in der Tuberkulose das Immunsystem über die Jahre äußerst gefordert ist. Wenn das Immunsystem dann als Fehlleistung eigene Körperorgane angreift, ist das diese seltsame Krankheit, die er bekommen hat. Gestorben ist er an der Erschöpfung des Herzens als Folge dieser Krankheit. Zu meiner Studienzeit glaubte man, dass man das höchstens drei oder vier Jahre überlebt. Dass er es knapp zehn Jahre überlebt hat, war eine Folge der Fortentwicklung der medikamentösen Medizin. Der Preis, den er in Form der Nebenwirkungen des Medikamentencocktails zahlen musste, war aber grauenhaft. Ein anderer Mensch hätte früher aufgegeben. Aber neben dem Leidenden gab es eben auch den Thomas Bernhard, der sich in die Kunst gerettet hatte, und der wollte natürlich nie sterben. Er hat sich bis zuletzt wahnsinnig schwer damit getan, sich einzugestehen, dass er einfach nicht mehr kann.

Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem Thomas Bernhard wusste, dass er unheilbar krank ist?

Das war mit der Diagnose in Wels, also Anfang der 80er-Jahre, klar. Er wusste also die letzten acht, neun Jahre, dass er unheilbar krank war. Er hat ja auch immer ironisch, lachend und lächelnd gesagt, dass das Todesvogerl da auf seiner Schulter sitzt, er hat gewusst, dass er keine Chance hatte, auszukommen. Aber er hat immer gekämpft. In den letzten Jahren konnte er zwar keine große Prosa mehr schreiben, allerdings waren die Theaterstücke auch nicht ohne. Dieses letzte Stück zum Beispiel, Heldenplatz.

Die 70er-Jahre haben Thomas Bernhard den ganz großen Erfolg gebracht. Hat das etwas an der Beziehung zwischen ihm und Ihnen geändert?

Man muss zunächst sehen, dass das eine Beziehung zwischen zwei doch sehr unterschiedlichen Brüdern war. Wir hatten zwar dieselbe Mutter, aber der pannonische Teil von mir war schon etwas völlig anderes. Er hat mich nie aufgegeben, hat mich zu allen Premieren mitgenommen, er hat eben doch gehofft, dass er in mir den Bruder bekommen wird, mit dem er Dinge besprechen kann, die er mit niemandem besprach außer mit seinem Lebensmenschen, Frau Stavianicek. Es war eine sehr lebendige Beziehung, die auch zu Veränderungen imstande war. Eine Grundkonstellation war aber schon auch die, dass mein Bruder auf mich eifersüchtig war: Ich war derjenige, der studieren durfte. Später war mir klar: Er musste froh sein, dass ihm diese Schule einer akademischen Ausbildung für sein Leben erspart geblieben ist. Mit Blick auf das, wo er herkam, hatte ich oft die Assoziation zu Kaspar Hauser: Er hat all das, was er später an literarischem und persönlichem Format darstellte, aus sich selbst heraus geschöpft. Und das war schon sehr außergewöhnlich. Seine eigene Grundkonstitution, die auch seine zölibatäre Lebensweise erklärt, hat er mir gegenüber einmal so zusammengefasst: „Meine Krankheit ist die Distanz.“

Um Thomas Bernhard haben sich rasch auch Mythen gebildet. Einer davon war, dass er ein Österreich-Hasser sei.

Er hat Österreich geliebt, allerdings ein anderes als das, das ihm in der Tageszeitung präsentiert wurde. Für ihn hat die österreichische Geschichte eine große Rolle gespielt. In einem kleinen, sehr eleganten Zimmer seines Hauses hängt ein Gemälde von Josef II. Ein häufig gefragtes Thema ist auch „Bernhard und die Frauen“. Es haben immer wieder junge Frauen ihn sehr geschätzt – und auch mehr von ihm erwartet im Sinne einer engeren Beziehung. Aber er hat außer Hedwig Stavianicek, die ihm nach dem Großvater alles bedeutet hat, die aber 37 Jahre älter war als er, niemanden an sich herangelassen.

Und das Thema „Bernhard und seine Häuser“?

Man muss dabei bedenken, dass er von der Mutter weggegeben werden musste, damit sie arbeiten gehen konnte. Er hat immer gespürt, dass er ein Außenseiter ist, dass er nie in die Gesellschaft hineinfinden wird. Das hat schon in jungen Jahre zu großer Einsamkeit geführt – er hatte ja schon in Traunstein Selbstmordversuche unternommen. Er war sein Leben lang labil und suizidgefährdet, er war sein Leben lang ein Leidender. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass er auch seine Erfolge mit einer außergewöhnlichen Intensität erlebt hat. Er hat mir einmal erzählt, dass er nach einem großen Theatererfolg am Fenster stand, heulend vor Glück, dass ihm das alles gelingt. Künstlerisch würde ich sagen, dass er ein Dämon war, auf gute und böse Weise. Es sind Menschen an ihm zerbrochen. Harmlos war er nie. Das Bonmot wird Marcel Reich-Ranicki zugeschrieben: Wer ihn liebt, hat ihn unterschätzt. Wer ihn hasst, hat ihn zu wenig gelesen.

Thomas Bernhard Festival

Peter Fabjan (*1938) war lange Jahre Facharzt für Innere Medizin in Gmunden. Er ist der Halbbruder des Schriftstellers Thomas Bernhard (1931–1989) und dessen Erbe.

Raimund Fellinger (*1951), Präsident der Internationalen Thomas-Bernhard-Gesellschaft, ist Cheflektor bei Suhrkamp.

In Goldegg fand vom 13.–16. September 2012 das Thomas-Bernhard-Festival „Verstörungen“ statt. Fellinger führte dabei mit Fabjan ein ausführliches Gespräch, dessen Kurzform oben abgedruckt ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)