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Rotlichtaffäre: Preisabsprachen im Nobelbordell

(c) APA
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Die Affäre um Bordellbesuche in Deutschland, die dem heimischen Stahlkonzern Voestalpine als Bewirtungsspesen verrechnet wurden, ufert aus. 93 Rechnungen über 140.000 Euro wurden schon gefunden.

Wien/Berlin/red./ag. Die „Rotlicht-affäre“ um den heimischen Stahlkonzern Voest zieht immer weitere Kreise: In der Buchhaltung der deutschen Voest-Tochter Voestalpine Kloeckner Bahntechnik (VABT) sind weitere verdeckte Bordellrechnungen aufgetaucht, womit sich die Zahl der von Voest-Mitarbeitern auf Spesen abgerechneten Bordellbesuche auf 93 und die dafür dem Unternehmen verrechnete Summe auf knapp 140.000 Euro erhöht. „Beglückt“ wurden die Etablissements Bel Ami in Berlin („Deutschlands edelstes Bordell“, wie es in der Werbung heißt), die „Eule“ im deutschen Ratingen und ein Swingerclub in Essen.

Deutsche Zeitungen berichten, dass die Bordellaffäre im Zusammenhang mit dem in Deutschland aufgeflogenen Schienenkartell steht. Die Voest hatte laut deutschen Kartellbehörden Schienenpreise mit deutschen Mitbewerbern abgesprochen und damit vor allem der Deutschen Bahn in den Jahren 2002 bis 2008 einen Schaden von 500 Mio. Euro verursacht. Die beteiligten Firmen (unter anderem zwei Voestalpine-Töchter und ThyssenKrupp) müssen deshalb 124,5 Mio. Euro Bußgeld bezahlen, die deutschen Behörden ermitteln aber weiter.

Kartellfeier auf Spesenrechnung

Nach Angaben deutscher Medien sollen die Preis- und Mengenabsprachen jeweils in Bordellen auf Kosten der Unternehmen „gefeiert“ worden sein. Die Voestalpine bestreitet freilich einen Zusammenhang zwischen dem Kartell und den Bordellbesuchen. Mitarbeiter von ThyssenKrupp und der Deutschen Bahn sollen jedenfalls an den der Voestalpine als Spesen verrechneten Bordellpartys teilgenommen haben. ThyssenKrupp und die Deutsche Bahn haben in der Vorwoche mitgeteilt, sie wüssten nichts von derartigen Ausflügen ihrer Manager. Alle drei Unternehmen betonten, dass Nachtklubbesuche jedenfalls gegen die Compliance-Regeln der Unternehmen verstoßen.

Bei der Voestalpine hieß es am Dienstag, man gehe den Vorwürfen nach und dulde keine derartigen Verfehlungen. Von den fünf Mitarbeitern, die derartige Spesen eingereicht hatten, hätten vier das Unternehmen schon verlassen. Darunter der fristlos entlassene frühere Geschäftsführer der deutschen Tochter. Der Stahlkonzern prüft jetzt, wie er das Geld für die dem Unternehmen verrechneten Bordellbesuche von den Missetätern zurückholen könnte.

Insgesamt ist auf den Spesenrechnungen die einschlägige „Bewirtung“ von 28 Personen angeführt. Bei der Voest wird unterdessen aber angezweifelt, ob die auf den Abrechnungen aufgeführten Personen tatsächlich mit den Teilnehmern an den Bordellpartys ident sind. Ein involvierter Voest-Mitarbeiter hat nach Angaben des Unternehmens ausgesagt, der unterdessen ausgeschiedene Geschäftsführer der deutschen Schienentochter habe ihn jeweils angewiesen, welche Teilnehmer auf den Abrechnungen angeführt werden sollen. Dies führe zur Annahme, dass aufgeführte Personen an den „Anlässen“ nicht teilgenommen hätten.

Laut dem deutschen „Handelsblatt“ ist das Berliner Nobelbordell Bel Ami im Schienenkartell als „Nebenstelle“ gehandelt worden. Die Bordellbesuche seien der „wichtigste Kitt“ des Schienenkartells gewesen. Bei den Bel-Ami-Rechnungen sei als Zahlungsempfänger eine unverfängliche „Gastronomiebetriebs Ges.m.b.H.“ angeführt worden.

Gängige Praxis oder nicht?

Die betroffenen Unternehmen beeilten sich in den vergangenen Tagen, zu betonen, dass derartige Partys „nicht gängige Praxis“ seien. Insgesamt scheint das Feiern in Nachtklubs in der Firmenwelt aber nicht so selten zu sein. Auch ganz offiziell: Das „Bel Ami“ beispielsweise rühmt sich auf seiner Website, im Jänner eine „After Show Party“ für das schwedische Modeunternehmen Björn Borg ausgerichtet zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)