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EZB: „Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn“

(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
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Der Chef der Deutschen Bundesbank zitiert Goethe als Vorreiter im Kampf gegen die Inflation. Weidmann ist gegen weitere Staatsanleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB).

Wien. Jens Weidmann, der Präsident der Deutschen Bundesbank, wird in seinem Einsatz für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik immer kreativer. Weidmann ist gegen weitere Staatsanleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB), wie sie EZB-Chef Mario Draghi angekündigt hat. In einer bemerkenswerten Rede in Frankfurt am Dienstag bemühte Weidmann sogar Johann Wolfgang von Goethes Erkenntnisse über Gold, Papiergeld und Inflation.

 

„Am Golde hängt doch alles“

Weidmanns Rede beginnt mit einem Ausflug in die Geschichte des Geldes – zum Gold. „Über die längsten Phasen der Menschheitsgeschichte dienten konkrete Gegenstände als Geld, wir sprechen daher von Warengeld. Insbesondere genossen und genießen edle und seltene Metalle – an erster Stelle Gold – wegen ihrer angenommenen Werthaltigkeit hohes Vertrauen“, sagte Weidmann und zitierte Margarete aus Goethes „Faust I“: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.“

Das heutige Geldsystem ist freilich vom Gold gelöst, seit die USA 1971 das „Goldfenster“ geschlossen und die Bindung des Dollars an das Edelmetall aufgehoben haben. „In Kurzform: Heutiges Geld ist durch keinerlei Sachwerte mehr gedeckt“, so Weidmann. Im Unterschied zu Gold sei Papiergeld lediglich durch das Vertrauen gedeckt, das die Menschen ihm entgegenbringen. Vertrauen, das in diesen Tagen schwindet: „In der Tat dürfte der Umstand, dass Notenbanken quasi aus dem Nichts Geld schaffen können, vielen Beobachtern als etwas Überraschendes, Seltsames, vielleicht sogar Mystisches, Traumhaftes – oder auch Albtraumhaftes – vorkommen.“

Dies hätte auch Goethe schon erkannt, so Weidmann – vor fast 200Jahren. In „Faust II“ gibt es eine „Gelddruckszene“, in der der Kaiser klagt: „Ich habe satt das ewige Wie und Wenn. Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn.“ Worauf Mephisto antwortet: „Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr.“

Der Kaiser macht Mephisto daraufhin quasi zum „Notenbankchef“ mit der Lizenz zum Papiergelddrucken. Weidmann sieht in der Geschichte eine Versinnbildlichung der teuflischen Gefahren der Inflation und sagt in seiner Rede: „Zwar kann sich der Staat im ,Faust II‘ in einem ersten Schritt seiner Schulden entledigen, während die private Konsumnachfrage stark steigt und einen Aufschwung befeuert. Im weiteren Verlauf artet das Treiben jedoch in Inflation aus, und das Geldwesen wird infolge der rapiden Geldentwertung zerstört.“ Dieser Part der Rede richtet sich offenbar direkt an europäische Politiker, die das Staatsschuldenproblem durch Inflation und „Gelddrucken“ lösen wollen. Langfristig funktioniere das nicht, so Weidmann.

 

„Außergewöhnliches Privileg“

Weidmann pocht auf die Notwendigkeit für Notenbanker, sich öffentlich zu äußern, und auf die Unabhängigkeit von Zentralbanken. Diese sei ein „außergewöhnliches Privileg“ – jedoch kein Selbstzweck. „Vielmehr dient sie im Kern dazu, glaubwürdig sicherzustellen, dass sich die Geldpolitik ungehindert darauf konzentrieren kann, den Geldwert stabil zu halten“, so Weidmann. Zu oft hätten staatliche Begehrlichkeiten in die inflationäre Katastrophe geführt: „Schaut man in der Historie zurück, so wurden staatliche Notenbanken früher oft gerade deshalb geschaffen, um den Regenten möglichst freien Zugriff auf scheinbar unbegrenzte Finanzmittel zu geben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)