Keine Rekordpreise, kein Blingbling auf der Wiener Kunstmesse. Viel hat sich bei der russisch geleiteten „Viennafair“ nicht verändert, neu sind vor allem „Wording“ und Energie.
Wie Elfe Tinkerbell schwebt die eine im kleinen Neongelben ins Dunkel einer leeren Halle, während dort die andere, wie ein Vamp aus „Twilight“ inszeniert, schon wartet. Was man auf dem polarisierenden Werbeplakat für die „Viennafair“, auf dem die zwei neuen künstlerischen Leiterinnen selbst für die Messe werben, aussetzen könnte, ist: Die omnipräsenten iPhones fehlen. Und es ist zu klein. So viel Selbstironie hätte Litfaßsäulenformat verdient, nicht A3. Aber derlei Selbstinszenierungen akzeptiert man in Wien höchstens von älteren Herren, Charisma heißt das dann.
Die „Viennafair“ aber hat die nächste Stufe ihrer immer schräger, immer interessanter werdenden Laufbahn gezündet: In ihrer achten Ausgabe, mit ihrem vierten Leitungsteam ist sie plötzlich „russisch“ geworden. Das heißt, sie wurde von russischen Investoren übernommen, von zwei jungen Kuratorinnen „aus dem Osten“ (Christina Steinbrecher und Vita Zaman) organisiert und soll von einer neuen Sammlergeneration zum (finanziellen) Erfolg werden.
Jetzt scheint ganz Wien darauf zu warten, dass vier, fünf Oligarchen in die Messehalle einreiten und alles aufkaufen – das demolierte goldene Einfamilienhaus Erwin Wurms bei Ropac, den mit Blattgold belegten Motorradhelm Veronica Janssens' bei Micheline Swajzer. Aber nein. Zwar erwartete man zur gestrigen Preview mit Dasha Zhukova, Galeristin und Lebensgefährtin von Roman Abramovich, das It-Girl der russischen Kunstwelt. Aber ob sie jetzt tatsächlich durch die Messe Wien rauschte oder nicht – geschenkt.
Die Klischeemühle dreht durch
Wenn es um Russen, Geld und Kunst geht, drehen die Klischeemühlen durch. Weder gibt es heuer besonders teure (Investment!) Kunst zu kaufen noch besonders schillernde (schlechter Geschmack!). Das Seltsame ist, dass sich (bis auf einen bewachten Sotheby's-Stand) nicht viel verändert hat. 120 Galerien, darunter 47 aus den Schwerpunktländern Zentral- und Osteuropa, zeigen Kunst, die man sich großteils wirklich leisten kann. Die Wiener Galerienszene ist geschlossen mit ihrem Best-of angetreten, was wirklich schön ist, selbst der Platzhirsch aus Salzburg, Ropac, hat sich bitten lassen.
In der kühler und großzügiger wirkenden Messearchitektur findet man eine Sonderschau der Istanbuler Galerienszene und eine etwas verwinkelt daherkommende, „Quintet“ genannte Präsentation „neuer“ Kunst aus Aserbaidschan, Weißrussland, Georgien, Kasachstan und der Ukraine. Bei der man u.a. lernt, dass die Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten, Leyla Aliyeva, Künstlerin ist und übergroße Herzmodelle in durchaus schicke Gothic-Objekte verwandelt.
Nach dem Charme von Exleiter Edek Bartz und dem überraschend diskreten Intellektualismus des Ex-Leitungsteams Schöllhammer/Saxenhuber ist die Messe mit der russisch finanzierten Girl-Power im internationalen Kunstwelt-Speak angekommen. Wenn es Steinbrecher/Zaman dabei gelingen sollte, neben ihrer „target audience“ (jungen Sammlern aus dem Osten) auch noch die jungen Wiener zu erreichen, kann wohl von einem Erfolg gesprochen werden. Aber auch dabei kochen sie mit Wasser, und zwar mit einem ambitionierten Rahmenprogramm, das vor allem auf die heimische E(lektrik)-Musikszene (Tosca, Quehenberger) setzt.
Was durch das „Wording“ (Investment, Art Industry etc.) bei dieser „Viennafair“ allerdings offensichtlicher geworden ist, ist der Seiltanz zwischen Kunst und Kapital, den Kunstmessen praktizieren: So werden etwa auch die Mitglieder der Ankaufsjury des Viennafair-Kunstfonds das im Foyer platzierte, aufblasbare Riesenrattenpaar passieren, in den USA Symbol antikapitalistischer Proteste. Und das „Art Industry Forum“ wird ungeachtet dessen eröffnet, dass die Messe eine ganze Koje der Solidarität mit der anarchistischen Punkband Pussy Riot widmet. Es sind diese Widersprüche, die Kunstmessen so sympathisch, so menschlich machen.
Neue Zugänge
In einem eigenen Blog versucht die „Viennafair“, Einblicke hinter die Kulissen zu geben, auf thenewcontemporary.com sind ein paar Interviews mit Galeristen und Kuratoren zu finden, Fotos von Events oder der neue Anti-Putin-Film von Pussy Riot.
Geöffnet ist die Messe bis Sonntag, heute und Samstag: 11–10h, Fr: 11–21h, So: 11-18h. 11–14h: freier Eintritt für Studierende, regulärer Eintritt: 18€, Ermäßigungen: www.viennafair.at.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)