Amanshausers Welt: 263 Ecuador

In Quito leben Handwerk, Süßes, Glücksbäder, Hüte und ein Künstler.

Luis Banda hat Wirtschaft studiert. Doch dann zog es ihn zurück in eine muffige, heiße, feuchte, höchstens 15 Quadratmeter große Stube, in der auch sein Vater und sein Großvater ihr Leben verbrachten. In einer heißen Riesenpfanne rüttelt er an den kleinen, picksüßen Kügelchen. Aus Zucker, kochendem Honig, Erdnüssen und Zitrone produziert er Tag für Tag „Colaciones“, die typische Quito-Süßspeise, die es in mehreren Geschmacksrichtungen und vielen Farben gibt. Luis Banda gehört zu den Letzten, die sie noch händisch herstellen. „So wie ich hierher zurückkam“, lächelt Banda, „so kommen alle Leute immer wieder zu mir zurück. Colaciones sind ein Stück ihrer Kindheit.“

Emma Lagler betreibt ihren Beruf auch in der vierten Generation. Gerade reibt sie ein nacktes, schreiendes Baby mit Blumenblättern ein. Dem Baby muss es ja nicht gefallen. Es muss wirken. Und Emmas Ruf besagt, dass ihre Kräuterbehandlungen wirken. Vorliegendes Baby leidet unter Bauchschmerzen. „Nach drei oder vier Sitzungen wird es ihm besser gehen“, sagt Emma, „das ist ein Erfahrungswert.“ An ihrer Eingangstür hängt ein Schild: „Befreiung von allen Übeln, Säuberungen, Glücksbäder!“ Doch die Dame legt großen Wert darauf, keine unseriösen Zaubereien zu begehen. „Wenn jemand eine schwerere Krankheit hat, schicke ich ihn selbstverständlich zum Arzt.“ Bis zu diesem Punkt vertraut sie auf die traditionellen Heilkräfte aus der Zeit, bevor die Kolonialisten kamen.

Luis López und seine Frau betreiben das einzige Hutgeschäft des Landes. Über siebzig verschiedene Modelle werden von den beiden hergestellt. Natürlich führt er auch einen klassischen Tirolerhut. „Es war eine Marktlücke“, erklärt López, ein freundlicher Mann mit traurigen Augen, „mir war klar, Hutmacher gibt es nur wenige, das wird benötigt. Die Nachfrage gab mir recht.“ Für die Hut-Exaltiertheit des Typus Elton John ist er nicht zuständig, das machen andere. Und so ganz in die Branche passt er auch nicht. „Das Klischee des Modeschöpfers ist ja, dass er homosexuell ist und so eine Art Lebenskünstler. Beides war nichts für mich.“ López und seine Frau stellen solide, internationale Hüte her. Mehr nicht. „Schauen Sie doch einmal Ihr Käppchen an. Das ist ästhetisch unbefriedigend. Da haben wir bessere!“ Und die hat er wirklich.

Auch Humberto Santacruz jr. freut sich, wenn Leute kommen – in seine Klavierwerkstatt in der Künstlerstraße La Ronda. Sein Beruf: Klavierdoktor in dritter Generation. Er ist Meister in der Kunst, kaputte alte Klaviere wieder funktionsfähig zu machen. Klavierspielen ist nicht ganz seine Sache, aber leider spielt er Besuchern extrem gern seine Songs vor. Anschließend „schenkt“ er ihnen eine selbst gebrannte CD. Man soll so viel geben, wie sie einem wert ist, sagt Humberto verschmitzt. Warum nur ist unter den Handwerkern der Künstler der Penetranteste?


Martin Amanshauser, Logbuch Welt, 52 Reiseziele. www.amanshauser.at

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