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Manfred Lütz: "Der Tod war früher nicht bedrängender"

(c) Teresa Zoetl
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Für Manfred Lütz lassen wir uns von lauter falschen Welten täuschen. Der Psychiater kritisiert Freud und Hirnforscher, plädiert für Gott und stürmt die Bestsellerlisten. Ein Phänomen im O-Ton.

Die Presse: Sie behaupten, dass wir alle einer großen Täuschung unterliegen. Warum?

Manfred Lütz: Wir alle leben heute unvermeidlich in künstlichen Welten, die sich uns als die einzig wahre Welt aufdrängen. So geraten wir in Gefahr, das eigentliche, existenzielle Leben zu verpassen.

Eine solche künstliche Welt ist für Sie die Psychoanalyse - als Mythos, der alles erklären will. Sie therapieren lösungsorientiert: Erlaubt ist, was hilft. Was sagen ihre Kollegen dazu?

In einer Zeitung aus Wien darf man keine kritischen Bemerkungen über die klassische Psychoanalyse machen, das kann ich gut verstehen. Aber Scherz beiseite, ich habe selber eine psychoanalytische Ausbildung gemacht, aber ich wende das nicht mehr an, weil es zu defizitorientiert ist, nach dem Motto: Sie lächeln so, was verdrängen Sie? Die Psychoanalyse hat historische Verdienste, aber die Therapieeffizienzforschung hat ergeben, dass die große Analyse nur für Gesunde geeignet ist. Wir konzentrieren uns heute schulübergreifend vor allem auf die Kräfte der Patienten und suchen Lösungen. Darüber ging mein Buch „Irre, wir behandeln die Falschen“.

Sie wettern auch gegen die Hirnforschung, weil die unsere schönen Gefühle bei einem Sonnenuntergang als bloße Randphänomene von Hirnprozessen entlarvt.

Ich wettere in meinem Buch überhaupt nicht, ich versuche aufzuklären. Ich war befreundet mit einem berühmten Hirnforscher, Detlev B. Lincke, aber ich warne vor naiven Hirnforschern, die den gut verkäuflichen Eindruck erwecken, in Wahrheit bestehe die ganze Psyche aus Neurotransmitterphänomenen. Das ist natürlich wissenschaftlicher Unsinn. Die biologische Perspektive ist nur eine Perspektive, eine sehr nützliche, aber keineswegs die einzige, unter der man die Psyche sehen kann.

Für Hirnforscher ist die Willensfreiheit eine Täuschung. Sie drehen den Spieß einfach um und erklären die Wissenschaft zur Täuschung. Mit welchem Recht?

Es gibt viele seriöse Hirnforscher, die sehr gut wissen, dass sie mit ihren Mitteln die Willensfreiheit weder beweisen noch widerlegen können. Und ich behaupte auch nicht, dass die Wissenschaft eine Täuschung sei. Aber wenn man denkt, die Welt sei bloß das, was die Wissenschaft beschreibt, dann täuscht man sich, dann ist man wissenschaftsgläubig und das ist das Gegenteil von wissenschaftlich. Liebe, die Überzeugung, gut und böse handeln zu können, der Sinn des Lebens, das sind alles Fragen, die die Wissenschaft nicht beantworten kann, diese Dinge kann man nicht wissen, man ist ihrer gewiss und das ist viel mehr als Wissen. Auch ein Hirnforscher liebt seine Frau. Und er sagt dann nicht: Mein Frontalhirn spielt verrückt, ich gebe dir ein MRT-Bild von mir, dann weißt du, dass ich dich wirklich liebe. Solche Wissenschaftler werden sich kaum fortpflanzen.

Es gibt sie aber auch nicht. Wir kommen existenziellen Themen doch ohnehin nicht aus, eben weil sie existenziell sind.

Natürlich gibt es keinen Menschen, der gar nicht mehr existenziell lebt. Das wäre ja nur noch ein Roboter. Wenn wir aber aus Versehen die künstlichen Welten für die eigentliche Welt halten und die Liebe zu unseren Kindern, die Hilfe für einen Freund in Not demgegenüber für weniger wahr, dann leben wir in einer falschen Welt.

Ihre Kritik am Fernsehen ist nicht neu. Schon Neil Postman glaubte, wir würden uns zu Tode amüsieren. Wir leben aber immer noch. Haben wir die Scheinwelt der Medien nicht längst durchschaut?

Verteufeln ist schlecht. Ich finde es auch ganz dämlich, wenn man in Talkshows auftritt und vor den Medien warnt. Aber es geht darum, sich von dieser künstlichen Welt nicht aufsaugen zu lassen. Es gibt Menschen, die sind ganz erschüttert, wenn in der „Lindenstraße“ jemand stirbt, und merken nicht, dass ihre Nachbarin wirklich stirbt.

Sie kritisieren, dass wir den Tod verdrängen. Früher ging das nicht: Man starb früh, durch Krankheit, Seuchen, Kriege oder am Richtplatz. Glauben Sie, die Menschen waren damals glücklicher?

Ich widerspreche! Der Tod war damals nicht bedrängender. Die Menschen leben heute erheblich kürzer. Im Mittelalter lebten sie ihr diesseitiges plus ewiges Leben. Der Tod war bloß ein Durchgang ins Ewige Leben. Und der Totenschädel war im Barock eine Aufforderung, das begrenzte Leben intensiv zu leben – durchaus lustvoll, nicht nur fromm.

Zeichnen Sie dieses Bild nicht zu rosig? Die Menschen wussten ja nicht, ob sie in den Himmel oder in die Hölle kommen. Das bereitete ihnen Selbstzweifel und Seelenpein.

Die mittelalterlichen Busprediger mussten immer wieder predigen. Hätten die Leute damals die totale Panik vor der Hölle gehabt, wäre das nicht nötig gewesen. Offensichtlich nahmen sie das nicht übertrieben ernst und ließen sich nicht davon abbringen, kräftig zu sündigen.

Die US-Amerikaner sind die religiösesten Menschen der Welt. Zugleich sagt man ihnen oft Oberflächlichkeit nach. In ihrer Diktion: Sie lassen sich von künstlichen Welten besonders leicht täuschen. Wie passt das zusammen?

Ich glaube, dass die Aversion gegen Christentum und Kirche bei uns sozialpsychologische Ursachen hat. Wie haben autoritäre Traditionen: Kaiser, Führer, Vater Staat. Heute gibt es aber hier fast keine protestablen Objekte mehr – außer der katholischen Kirche. In Amerika war Religion nie autoritär, nie obrigkeitlich. Im Gegenteil: Die Anhänger protestantischer Sekten, die ausgewandert sind, haben da Freiheit erlebt.

Für jede künstliche Welt ziehen Sie das Fazit: Dort ist kein Platz für Gott. Für einen überzeugten Atheisten ist Religion die realitätsfernste aller Scheinwelten. Deshalb wird er mit ihrem Buch wenig anfangen können.

Das ist ein Missverständnis! Atheisten kommen in meinem Buch erheblich besser weg als Theologen. Das Buch ist für Atheisten und Christen geschrieben, für Taxifahrer und Bankdirektoren, denn sie alle haben dasselbe Problem, ihr unwiederholbares Leben zu verpassen. Damit nicht am Ende auf dem Grabstein steht: Er lebte still und unscheinbar, er starb, weil es so üblich war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)