Mercedes: Zuerst schießen, dann bremsen

(c) Werk
  • Drucken

Wenn sich Räuchereiche an Kirsche schmiegt: Mit dem CLS Shooting Brake als viertürigem Coupé mit Laderaummehrwert erweitert Mercedes den Streichelzoo der noblen Nischenbegründer.

Die Verästelungen werden immer feiner. Im Durchmischen der gängigen Formate hat speziell Mercedes eine gewisse Meisterschaft entwickelt. Zuletzt räkelte sich die Limousine, um die Eleganz eines Coupés zu gewinnen. Das war (auf Basis der E-Klasse) der CLS von 2004. Die Baureihe hat es erstaunlich schnell zum Klassiker gebracht. Das Beispiel machte Schule, überzeugend der Passat CC, interessant: Audis merkwürdig sinistrer A7 Sportback.

In zweiter Generation verzweigt sich der CLS nun abermals. Um gleich klarzustellen, dass wir es nicht mit einem ordinären, geschäftsmäßigen Kombi zu tun haben, kommt ein Begriff zu Ehren, der bislang eher nur Feinspitzen geläufig war: Shooting Brake.

Grüße von der Insel

Viele Vertreter dieser Gattung gibt es nicht. Vom Aston Martin DB5, den sich Firmenchef David Brown (daher das DB) 1963 zum jagdfreundlichen Zweitürkombi umbauen ließ, wurden insgesamt zwölf Stück gefertigt. In der Jagd liegt immerhin der Ursprung des Namens: Brakes waren eine bestimmte Bauart von Pferdekutschen, von denen aus offenbar ganz gern in die Flur geballert wurde.

Ziemlich englisch auch der Reliant Scimitar GTE von 1968. Von den 14.000 gebauten Stück hat es vermutlich kaum eines über die Insel hinaus geschafft. Geraune der Kenner schließlich beim prominentesten Vertreter: Volvo P1800 vulgo Schneewittchensarg, ein Hippie unter Schweden.

Irgendwie netter Spleen übrigens, den Mercedes da an den Tag legt: Für ein besonders prunkvolles Modell von Maybach wurde schon der schöne Begriff des Landaulet wieder zum Leben erweckt. (Die Zielgruppe durchgeknallte Diktatoren konnte die Marke allerdings auch nicht retten.)

Was bietet der CLS Shooting Brake neben der flotten Extravaganz, eine Nische in der Nische zu besetzen? Mehr Laderaum als das Modell mit Kofferraumdeckel, nämlich 70 Liter zusätzlich, maximal 1550 Liter bei umgeklappten Rücksitzen. Markant mehr Kopffreiheit im Fond, da das Dach länger nach hinten gezogen ist. Und dank eines zusätzlichen Fingerbreit fast fünf Meter Länge im Ganzen. Bereits zum Klassenstandard – siehe BMW-3er-Kombi – gehört es, dass die Heckklappe (bei Mercedes heißt sie stilgerecht Rückwandtür) automatisch auf- und zuschwingt. Im CLS legt sie eine einigermaßen knapp geschnittene Öffnung frei, einer Luke gleich, doch der Stauraum dahinter ist ansehnlich. Vor allem, wenn man beim Anschaffen der Extras nicht fad ist: Den Laderaumboden kann man in Kirschholz mit Intarsien aus Aluminium und Räuchereiche haben.

Parkett statt Laminat

Das lässt aber lieber bleiben, wer tatsächlich Dinge zu transportieren gedenkt. Auf dem rutschigen Parkett findet Ladung kaum Halt, macht aber sicher schöne Kratzer. Mit der rutschfesten Matte wiederum sieht man erst nix von Alu und Räuchereiche.

Dringend zu empfehlen, wenn sich nicht fast alle CLS-Käufer ohnehin dafür entscheiden, sind die wunderbaren Lichtspiele in Form der Voll-LED-Scheinwerfer. Mit etwa 2000 Euro ein unbedeutender Posten bei Preisen ab 66.960 Euro für den 204 PS starken Vierzylinderdiesel.

Immerhin serienmäßig ist die Luftfederung der Hinterachse, und damit wären wir bei einem wesentlichen Mehrwert der CLS-Baureihe: Sie stammt von der E-Klasse ab, fährt sich aber ungleich freudvoller als diese. Es macht Spaß, das mit fast zwei Tonnen doch massige Auto über eine kurvige Strecke zu treiben. Umso mehr, wenn nicht nur im Laderaum, sondern auch vorn viel Holz verbaut ist, namentlich die 5,5 Liter Hubraum des 500er-Achtzylinders – einer der herausragenden Luxusmotoren dieser Tage, optional mit Allrad. Frivol: die AMG-Variante mit 525 PS. Trotzdem keine Shooting Brakes für die USA. Die Amis wollen keine Kombis, auch nicht geräucherte.

Auf einen Blick

Mercedes CLS Shooting Brake

Maße: L/B/H: 4956/2075/1416 mm. Radstand: 2874 mm. Leergewicht: 1830–2005 kg. Ladevol.: 590 l.

Motoren/Preise
Diesel: 250 CDI (204 PS): 66.960€. 350 CDI (265 PS): 72.250 €. 350 CDI 4Matic: 76.180 €.
Benzin: 350 (306 PS): 74.120 €. 500 (408 PS): 95.730 €. 4Matic: 102.330 €. 63 AMG (525 PS): 139.810 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.