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Ganz knapp vor Ungarn

„Symptom einer kranken Gesellschaft“: Maximilian Gottschlich über Judenhass und Israelfeindschaft in Österreich .

Maximilian Gottschlich stützt seine Analysen zum österreichischen Antisemitismus auf Jean-Paul Sartres Bestimmung des Antisemitismus als „Leidenschaft“ und auf zentrale Überlegungen von Theodor W. Adorno zur Schuldabwehr. Das ist hierzulande alles andere als selbstverständlich, wo jegliche Beschäftigung mit Antisemitismus misstrauisch beäugt und, wie Gottschlich in seinem Vorwort treffend schreibt, als „das österreichische Harmoniebedürfnis störendes Thema“ erachtet wird. Er begreift den Antisemitismus als „Symptom einer kranken Gesellschaft“. Dementsprechend sieht er die Notwendigkeit, nicht nur gegen den Antisemitismus selbst, sondern gegen das „Leiden der Gesellschaft“, dessen Ausdruck er sei, aktiv zu werden.
Seine Schrift hebt sich angenehm von jenen distanzierten und langweiligen Wälzern ab, bei denen man den Eindruck gewinnt, die Autoren könnten sich ebenso gut wie mit dem Antisemitismus auch mit isländischer Steuerpolitik befassen: „In Wahrheit gibt es letztlich nur ein einziges tragendes Motiv, sich mit Antisemitismus zu beschäftigen: ihm Widerstand entgegenzusetzen.“ Gottschlich, der Professor am Wiener Publizistikinstitut ist, fände es unerträglich, „unter dem fadenscheinigen Titel sogenannter wissenschaftlicher Objektivität bloß unbeteiligter Chronist des antisemitischen Wahns zu sein.“ Den akademischen Verwaltern der Antisemitismusbeforschung schreibt er ins Stammbuch: „Antisemitismus ist kein Thema wie jedes andere. Wer es dazu macht, wird seinem ihm innewohnenden moralischen Imperativ nicht gerecht.“

Weil es ihm um die Bekämpfung des gegenwärtigen Antisemitismus zu tun ist, versteht er seine historischen Ausführungen als „Anamnese“, die der „Deutung der aktuellen Symptomatik“ der „sozialen Krankheit“ Antisemitismus dienen soll. Gottschlich analysiert die Auseinandersetzungen aus der Regierungszeit Bruno Kreiskys und rund um die Präsidentschaftskandidatur Kurt Waldheims als „versäumte Gelegenheiten“ einer Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Herausragend ist Gottschlichs Buch aber auf Grund seiner Beschäftigung mit den antisemitischen Ressentiments gegen Israel, die in Österreich gerade von vielen jener bei der Kritik ausgespart bleiben oder womöglich sogar selbst bedient werden, die sich um die Durchbrechung der Tabuisierung der NS-Vergangenheit verdient gemacht haben.

Gottschlich neigt zu Ungenauigkeiten und Pauschalisierungen, wenn es um die Linke geht, doch er bietet eine differenzierte Medienanalyse zur österreichischen Nahostberichterstattung und kommt zu dem Ergebnis, dass keineswegs nur Boulevardblätter wie die „Kronen Zeitung“, sondern mitunter auch der „Standard“ in der Berichterstattung über Israel dem „kommunikationsstrategischen Kalkül der Hamas“ gefolgt ist. Antizionistisch und antisemitisch „überbordende Israel-Kritik“ gehöre zum normalen „öffentlichen Diskurs in Österreich“.

Gottschlich bescheinigt der österreichischen Gesellschaft „eine verminderte Widerstandskraft gegen die allgegenwärtige antisemitische Versuchung“. Die von ihm angeführten Umfragedaten untermauern diesen Befund. Eine Studie von 2010 zeigt, dass der österreichische Opfermythos, der für die postnazistische Gesellschaft konstitutiv war, zwar angekratzt, aber keineswegs verschwunden ist: Weiterhin halten 37 Prozent der Österreicher ihr Land für das „erste Opfer Hitlers“. Mehr als die Hälfte lehnte 2010 jegliche staatliche Unterstützung für jüdische Gemeinden ab. 44 Prozent der Österreicher fanden 2011, „die Juden beherrschen die Geschäftswelt“, was hierzulande allerdings als großer Fortschritt durchgehen kann: 1986 waren es noch 64 Prozent. Während zu Zeiten der zweiten Intifada 59 Prozent der EU-Bürger Israel für die „größte Gefahr für den Weltfrieden“ hielten, waren es in Österreich 69 Prozent. 42 Prozent der Österreicher meinten 2011, die Israelis würden sich gegenüber den Palästinensern genauso „die Nazis gegenüber den Juden“ verhalten. 44 Prozent der Europäer finden, „dass die Juden immer noch zu viel über den Holocaust reden“. In Österreich meinen das 55 Prozent. 43 Prozent der Österreicher machen die Juden für die aktuelle Finanzkrise verantwortlich, womit sie unter allen europäischen Ländern den zweiten Platz belegen. In ihren wahnhaften Projektionen müssen sie sich derzeit nur den Ungarn geschlagen geben, die mit 46 Prozent auf Platz eins rangieren.

Gottschlich hält fest: „Es ist ein großer Irrtum zu meinen, dass es heute lediglich darum ginge, antisemitische Restbestände aus der Zeit der Naziherrschaft in Europa zu beseitigen.“ Während in seinem Buch die gegen Israel gerichteten Vernichtungsdrohungen des iranischen Regimes nur am Rande erwähnt werden, hat er sie in anderen Zusammenhängen in aller Deutlichkeit thematisiert. Auf die Frage, ob die österreichische Politik die „Versäumnisse“ im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit „aufholen“ könne, antwortete er mit einer Klarheit, die hierzulande nur selten anzutreffen ist: „Man kann nur verhindern, dass sie sich wiederholen. Und das heißt heute ganz klar, die drohende Gefahr eines zweiten Holocaust im Nahen Osten zu sehen, wenn der Iran nicht an der Produktion der Atombombe gehindert wird.“  ■