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Der bescheidene »King of Cool«

(C) Suhrkamp Verlag
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US-Autor Don Winslow hat einen Bildungsroman der anderen Art geschrieben. Sein Drogendrama »Kings of Cool« ist Thriller und Nachschlagewerk in einem – und macht süchtig.

Don Winslow weiß, was man Autoren unterstellt, die einen ersten Band nach dem zweiten schreiben: „Der will nur den Erfolg ausschlachten“, sagte er dazu kürzlich im Interview mit dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Das hat ihn nicht gehindert, es trotzdem zu tun. „Kings of Cool“ ist die Vorgeschichte zu „Zeit des Zorns“, in dem es um das wilde, von Drogen geprägte Leben von Ben, Chon und O ging. Mit seinem neuen Buch erweitert der amerikanische Schriftsteller das Universum des infernalischen Trios um das ihrer Eltern. Es ist ein Trip zurück bis in das kalifornische Laguna Beach der 1960er-Jahre, als Hippies und Surfer aufeinandertrafen.

Herausgekommen ist ein gesellschaftskritischer Bildungsroman der anderen Art. Ein Thriller als Nachschlagewerk, das hat man noch nicht gelesen. Wer etwa Seite 194 aufschlägt, erfährt, warum der „War on Drugs“ der USA zum Scheitern verurteilt ist. Und auf Seite 247 steht, warum das Rechtssystem nicht dem Recht, sondern dem System dient. Auch wer wissen will, dass es in Kalifornien Immobilienblasen nicht erst seit der aktuellen Finanzkrise gibt, wird aufgeklärt. Man könnte ohnehin fast wahllos eine Seite aus „Kings of Cool“ aufschlagen und ein passendes Zitat zur Lage in Kalifornien, den USA oder der Welt finden. Thematische Ernsthaftigkeit und verspielter Sprachwitz wechseln einander mitunter rasant ab und gehen nicht selten ineinander auf. Es ist wie ein 349-seitiger Hochseilakt, bei dem Winslow niemals die Trittsicherheit verliert.


Schritt nach Hollywood. Es gibt momentan wohl keinen zweiten zeitgenössischen US-Krimiautor, der so zielsicher ein Meisterwerk nach dem anderen abliefert. Winslow, in dessen Büchern immer wieder Surfer eine große Rolle spielen, reitet spätestens seit dem mexikanischen Drogenepos „Tage der Toten“ selbst auf der Erfolgswelle. Und er hat offenbar nicht vor, so schnell davon wieder herunterzukommen. „Zeit des Zorns“ wurde gerade erst von Hollywood-Legende Oliver Stone verfilmt und läuft im Oktober in den heimischen Kinos an. Winslow hat am Drehbuch mitgeschrieben. Auch am Filmskript für seinen Thriller „Satori“ mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle wirkt er mit.

Das Geheimnis seines Erfolges? Längst hat er die engen Grenzen des Krimigenres gesprengt. „Ich ändere die Perspektive mitten im Satz, wenn ich das Gefühl habe, die Kurve zu kriegen. Wenn es funktioniert, dann funktioniert es“, sagte er im bereits erwähnten Interview. Und es funktioniert, weil es mit einer unglaublichen Leichtigkeit geschieht und kein selbstverliebter Manierismus des Autors ist. Ein Lob gebührt an dieser Stelle der Übersetzerin Conny Lösch. Sie schafft das Unmögliche: Winslows Sprachbasteleien verlieren nichts an Authentizität.


Worte als Waffen. Sein in „Zeit des Zorns“ und „Kings of Cool“ auf die Spitze getriebener fragmentarischer Schreibstil (305 Kapitel auf 349 Seiten) ist kein Zufall. Er hält damit der modernen, nie zur Ruhe kommenden Gesellschaft einen Spiegel vor. Da besteht ein Kapitel schon einmal – geradezu ideal für Twitter-Nutzer – nur aus einem Satz, der dann auch noch das Online-Lexikon Wikipedia zitiert.

Das mag nicht jedermanns Sache sein. Wer klassisch erzählte Thriller schätzt, sollte sich lieber älteren Werken des Autors zuwenden – wie dem ausgezeichneten Versicherungsbetrugsdrama „Sprache des Feuers“, das vor Kurzem erstmals auf Deutsch erschienen ist. Und auch wer vor expliziter Darstellung von Gewalt zurückschreckt, sei gewarnt. Winslow hat es aber aufgegeben, sich gegen den Vorwurf unnötiger Brutalität zu wehren. Die Wirklichkeit sei noch viel schlimmer, betont er immer wieder.

„Kings of Cool“ ist auch eine Parabel darüber, wie aus dem amerikanischen Traum ein Albtraum werden konnte. Dabei lässt sich Winslow politisch nicht vereinnahmen. Sowohl Liberale als auch Republikaner bekommen ihr Fett ab. Zudem beweist er Selbstironie. An einer Stelle lässt er Chon fragen, was Worte sind: „a) Mittel der Kommunikation. b) Mittel gescheiterter Kommunikation. c) Werkzeuge. d) Waffen. e) a bis d.“ Die richtige Antwort: „f) völlig egal.“ Don Winslow, der eigentliche „King of Cool“, ist bei all seinem Erfolg bescheiden geblieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2012)