Idole: Die Sache mit dem weiblichen Vorbild

Zum Karrierestart steht das Verhältnis Frauen zu Männer noch 50:50. In der mittleren Etage sind noch 30 Prozent Damen, an der Spitze nur mehr zehn Prozent. Weibliche Role Models sind rar.

Clemens Fabry
Clemens Fabry
Bank Austria

Montagabend, nach der „Fast Forward“-Diskussion. An den Tischen wird eifrig diskutiert: Was braucht es, damit Frauen gleichrangig mit Männern Karriere machen können? Es hapert an weiblichen Role Models, an denen sich ehrgeizige Frauen orientieren können, wirft Genderexpertin und King's-College-Professorin Elisabeth Kelan ein. Rundfrage an die umstehenden Damen (übrigens allesamt Geschäftsführerinnen oder selbst in leitenden Positionen):

Welche sind denn ihre weiblichen Vorbilder? Betretenes Schweigen. Trotz bemühtem Nachdenkens findet sich kein nacheiferungswürdiges Idol. Männer reagieren hier anders, kontert Kelan. Für sie sind Vorbilder eine einfache Sache, aus dem Stand würden ihnen genügend beruflich erfolgreiche Vorbilder einfallen. Die dürfen dann gerne auch unrealistisch überlebensgroß oder in unerreichbarer (Hollywood-)Ferne sein.

Hingegen genüge beruflicher Erfolg nicht, um einer Frau als Vorbild zu taugen. Sie erwarte von Geschlechtsgenossinnen zusätzlich einen (Ehe-)Mann oder wenigstens Lebenspartner und obendrein eine heile Familie mit Kindern, „für die man auch Zeit hat“. Alles gleichzeitig natürlich: „Funktioniert es in einem der drei Lebensbereiche nicht so gut, heißt es sofort, die ist toll im Beruf, aber privat läuft es halt nicht so gut“, subsumiert die „Management Thinker to Watch“ (Copyright „Times“).

Wunderfrauen sind rar

„Perfektionismus ist die falsche Herangehensweise“, rät Kelan, die für sich selbst baukastengleich aus mehreren Vorbildern  jeweils eine herausragende Eigenschaft herausgepickt hat: Lynda Gratton etwa von der London Business School, „wegen ihrer tollen Art, mit dem Publikum zu interagieren“. Herminia Ibarra von Insead wegen ihrer Fähigkeit, „hoch technische Forschung einfach und verständlich zu kommunizieren“.

Oder Andrea Maihofer von der Universität Basel wegen ihres ruhigen Stils, Meetings zu leiten. Ihre Vorbilder sind nicht zwingend Frauen: Auch einen Investmentbanker und zwei (männliche) Consultants nennt Kelan, jeweils wegen einer speziellen Stärke. Und zuletzt ihre Yogalehrerin: „Wie sie ihren Unterricht gestaltet und den Fluss der Klasse choreografiert. Das ist in der Yogaklasse nicht anders als an der Universität.“ Mit am Tisch steht auch Erste-Bank-Personalchefin Sabine Mlnarsky-Bstaendig. Auch sie versuchte einst, ihren Filialmitarbeiterinnen Vorbilder zu liefern, indem sie „tolle Frauen vor den Vorhang zerrte“.

Was sich als „Rohrkrepierer“ erwies: „Solche Topmanagerinnen waren viel zu weit weg. Meine Damen wollten normale Filialleiterinnen sehen, die ihnen vorleben, wie Beruf und Familie nebeneinander funktionieren können.“ Mlnarsky-Bstaendig schwenkte daraufhin um und präsentiert nun erfolgreiche Kolleginnen von nebenan: „Der Wille zur Karriere stieg sofort signifikant!“ Ihr Fazit: „Nicht von oben ziehen, sondern von unten drücken.“



Gründungspartnerin Dorda Brugger Jordis

„Mich beeindruckte Margaret Thatcher. Sie ist ihren Weg mutig und konsequent gegangen, hat sich nie instrumentalisieren lassen, aber auch nie ihre eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt, sondern es ging ihr meinem Eindruck nach immer um die Sache selbst. Frauen, die es geschafft haben, die gläserne Decke zu durchbrechen, zeigen anderen Frauen, dass dies sehr wohl gelingen kann. Sie ermutigen sie mit ihrem Erfolg und stärken ihr Selbstvertrauen.“



Eigentümerin, Geschäftsführerin Interio

„Mein persönliches Vorbild ist Coco Chanel. Sie hat eine dauerhafte Marke und ein Modehaus geschaffen und in der Mode selbst ,Pieces‘ kreiert, die über viele Jahre aktuell geblieben sind. Fachlich ist es Karl Wlaschek, ein Visionär im Handel, der auch mein persönlicher Lehrmeister war. Es ist natürlich wichtig, anhand von Vorbildern zu zeigen, welche unterschiedlichen Karrieremöglichkeiten es gibt – auch wenn jeder selbst seinen eigenen Weg finden muss.“



Gründerin und Geschäftsführerin Lehner Executive Partners

„Meine großen Vorbilder sind meine Mutter und meine Großmutter. Sie haben einen Nebenerwerbsbauernhof geführt, während Vater und Großvater gearbeitet haben. Es waren richtige Philosophinnen, die ich heute oft zitiere. Von ihnen beiden habe ich aber auch gelernt, Dinge anzupacken, zu handeln. Vorbilder waren schon in meinem Psychologiestudium ein Thema. Sie sind ein überaus wichtiger Motivationsfaktor für unser Verhalten.“



Vizerektorin Wirtschaftsuniversität Wien

„Ich habe keine bestimmte Person als Vorbild, sondern ich habe mir von vielen Menschen, mit denen oder für die ich gearbeitet habe, etwas ,abgeschaut‘. Das waren Männer wie Frauen. Am meisten geprägt haben mich aber sicherlich meine Eltern. Role Models empfinde ich als sehr wichtig. Denn positive Beispiele machen einem immer Mut und stärken das eigene Selbstbewusstsein. Das gilt ja ganz generell und nicht nur, wenn es um das Thema Frauen geht.“



Direktorin Technisches Museum Wien

„Schon in meiner Jugend war ich von den weiblichen Vorkämpferinnen fasziniert, die sich für die Rechte der Frauen einsetzten. Heute gibt es viel mehr Frauen mit Vorbildfunktion – in wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Bereichen –, an denen ich mich abwechselnd gern orientiere. Ich schätze die Wirkung von Role Models als sehr effizient ein, auch als Mentorinnen, die eventuell Stolpersteine aufzeigen oder aus dem Weg räumen können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

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