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Gefährliches West-Nil-Virus zieht den Balkan herauf

(c) AP (NATI HARNIK)
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Fälle von Infektionen mit dem Erreger aus Afrika nehmen in Südosteuropa zu. Zuletzt schon fünf Todesopfer. In Serbien sollen bis zu 3000 Menschen am Virus erkrankt sein, berichtet ein Belgrader Boulevardblatt.

Der an sich harmlose Stich einer Gelse kann immer öfter fatale Folgen haben: In den USA ist die Zahl der Todesfälle durch die heurige West-Nil-Virus-Epidemie bereits auf mindestens 118 geklettert, rund 40 Prozent davon in Texas. Doch auch im Südosten Europas, quasi im Vorfeld Österreichs, breitet sich das dort bis vor zwei Jahrzehnten noch unbekannte Virus aus: In den vergangenen vier Wochen wurden in Serbien, Mazedonien und im Kosovo fünf Todesfälle (drei davon in Serbien) gemeldet. Dutzende Menschen, auch in Kroatien, liegen in den Spitälern.

„Das West-Nil sät den Tod in Serbien“, titelte jüngst reißerisch das Belgrader Boulevardblatt „Alo!“: Demnach sollen in Serbien sogar bis zu 3000 Menschen an dem Virus erkrankt sein.

 

Weder Impfung noch Therapie

Das Virus wurde 1937 erstmals in Uganda in Menschen entdeckt. Seine Hauptwirte sind Vögel, seltener Pferde und andere Säugetiere, durch Gelsen können die Viren auch auf Menschen übertragen werden. In 80 Prozent der Fälle verläuft eine Infektion beim Menschen ohne Symptome, sonst kommt es zu grippeähnlichen Symptomen (West-Nil-Fieber). Unter Umständen passieren die Viren die Blut-Hirn-Schranke (vor allem bei älteren oder kränklichen Personen) und lösen Hirnhaut- oder Gehirnentzündung aus; das geschieht in 0,7 Prozent der Infektionen und endet nicht selten tödlich. Leider gibt es zurzeit keine Therapie oder Impfung, Versuche mit bei Mäusen entdeckten und wirksamen Antikörpern blieben bisher erfolglos.

Nach einer ersten Epidemie Mitte der 1990er-Jahre in Rumänien wurde das West-Nil-Virus auf der Balkanhalbinsel zuletzt 2004 und 2008 in Ungarn (rund 20 Krankheitsfälle, keine Toten) und 2010 in Griechenland (35Tote) verstärkt registriert. Zudem trat das Virus damals erstmals in anderen Ländern der Region auf. 2008/09 fanden Forscher auch mehrere infizierte Vögel in Österreich und stellten bei drei Personen mit Erkrankungen des Zentralen Nervensystems Antikörper gegen das Virus fest – sie mussten sich also damit infiziert haben. Todesfälle gab es bisher keine.

 

Mehr Infektionen Ende Sommer

Zu Ende des Sommers wechseln die Gelsen (Überträger sind viele Arten, auch die weit verbreitete „Gemeine Stechmücke“) oft den Wirt, suchen statt Vögel verstärkt Menschen heim: Insbesondere die vermehrten Erkrankungen in der Vojvodina erfüllen Serbiens Öffentlichkeit mit Sorge. Da einige der Infizierten ihren Urlaub in Griechenland verbracht haben, vermuten die Ärzte, dass sie dort von infizierten „Tigermücken“ gestochen wurden. Doch viele der Erkrankten, die vor allem in der Region um die Donaustadt Pančevo leben, haben Serbien heuer nicht verlassen: Nun glaubt man, dass das Virus bereits von heimischen Gelsen übertragen wird.

Serbiens Behörden reagieren mit dem Versprühen von Insektengift in den Donauauen. Im nahen Kroatien hingegen warnen Biologen und Mediziner trotz aufgeregter Medienberichte vor Panikmache: Trotz der mindestens fünf Toten in der Region könne man von „Epidemie“ doch noch nicht sprechen, sagt Enrih Merdic, Biologe an der Universität in Osijek.

Serbische Gesundheitsämter weisen zur Beruhigung darauf hin, dass die Erkrankung selbst nicht ansteckend sei – außer vielleicht durch Bluttransfusionen. Zudem seien die bisher gefundenen Virenstämme recht harmlose Varianten.

Lexikon

Das West-Nil-Virus kommt meist in Vögeln vor, Gelsen können es auf Säugetiere übertragen. 1937 fand man es erstmals in Menschen.
[EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2012)